Jane Birkin spielt Sonja Schmid – und winkt dem TGV zu

Eine Geschichte aus Ferenbalm-Gurbrü zieht Kreise. In einem Film winkt Schauspiellegende Jane Birkin dem TGV so zu, wie es Anwohnerin Sonja Schmid während Jahren in ihrem Alltag tat. Am Freitag war Premiere in Locarno – und ein Treffen mit den TGV-Lokführern von damals.

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Stephan Künzi

Ohne die BZ hätte es diesen Film kaum gegeben. «La femme et le TGV» heisst das Werk, für dessen Hauptrolle Jungregisseur Timo von Gunten die Schauspiellegende Jane Birkin gewonnen hat. Es erzählt die Geschichte von Elise Lafontaine, einer einsamen Frau, die am Bahndamm wohnt und den vorbeirauschenden Superzügen aus Frankreich zuwinkt. Am Filmfestival von Locarno war am Freitag die Premiere.

Für den besonderen Moment ist Sonja Schmid eigens ins Tessin gereist. Denn ohne sie hätte es den Film genauso wenig gegeben: In ihrem Haus gleich ne­ben der Haltestelle Ferenbalm-Gurbrü pflegte sie über Jahre hinweg das gleiche Ritual. Immer, wenn der TGV auftauchte, trat sie ans Fenster und grüsste die Lokführer mit einem herzlichen Winken. Zuerst gemeinsam mit ihren Kindern, für die die Durchfahrt die Zeit zum Zubettgehen ankündete, später, als der Nachwuchs älter war, auch allein.

Das ging bis Ende 2013 so, als die TGV-Verantwortlichen entschieden, den Zug von der Strecke zu nehmen. Bern blieb zwar weiter mit Paris verbunden, doch fortan nahm die Reise einen anderen Weg, und Sonja Schmid musste auf ihre geliebte Gewohnheit verzichten.

Umso erfreuter reagierte sie auf die Welle der Sympathie, die ihr in dieser Zeit entgegenschlug: Nachdem die BZ über das Ende der TGV-Zeit vor ihrem Haus berichtet hatte, meldeten sich zuerst die SBB mit einer Einladung nach Paris – und eben später Jungregisseur Timo Gunten für sein Projekt.

Blumen und Käse

Vor der Filmpremiere lässt ­Sonja Schmid noch einmal die alten Zeiten aufleben, hat dafür mit zwei TGV-Lokführern abgemacht. Pino Caglia und Christian Schwitter sind jahrelang mindestens einmal in der Woche in Ferenbalm-Gurbrü vorbeigefahren, und beiden wissen noch genau, dass sie zu Beginn ihrer Dienstzeit um die Jahrtausendwende von den Kollegen vorbereitet wurden: Es gebe da diese Frau, die den Zug stets erwarte und dann freudig winke.

Bald wurde aus dem einfachen Gruss mehr, regelmässig warfen die Lokführer kleine Geschenke aus dem fahrenden Zug. «Bei dir hat es mit Blumen angefangen», wendet sich Sonja Schmid an Pino Caglia, und Christian Schwitter ergänzt: Er seinerseits habe sich mit Käse revanchiert. «Den habe ich immer an der Endstation Frasne im französischen Jura eingekauft.»

«Deine Kinder waren noch so klein, sie konnten kaum über das Balkongeländer hinausblicken», blickt derweil Pino Caglia zurück. Während wieder Sonja Schmid davon erzählt, wie sie über die SBB den Kontakt zu den Lokführern suchte. Wie dann unvermittelt ein fremder Mann an der Tür klingelte und ihr zu verstehen gab, dass er einer der Gesuchten sei. Und schliesslich, wie sie im Gras neben dem Gleis regelmässig kleine beschriebene Papierrollen fand, Botschaften aus dem TGV-Führerstand.

Lokführer sind meist allein in ihrer Maschine unterwegs. Umso motivierender seien Gesten wie jene von Sonja Schmid, sagt Pino Caglia mit Nachdruck. Was davon übrig geblieben ist? Winken sei an seiner Linie kein Thema mehr, erklärt Christian Schwitter, der heute mit dem TGV zwischen Zürich und Basel unterwegs ist. Pino Caglia erlebt die Fahrt von Lausanne nach Vallorbe nicht viel anders. Gegrüsst werde, wenn überhaupt, nur noch spontan. Ausser, das Militär exerziere neben dem Gleis: Wenn er das Horn drücke, werde salutiert.

In die moderne Zeit

Im Film muss sich Jane Birkin alias Elise Lafontaine damit abfinden, dass es nicht zu einer ­direkten Begegnung mit ihrem Lokführer kommt. Dafür erhält ihr Leben eine andere, positive Wende. Als der TGV eines Tages plötzlich ausbleibt, findet sie den Kontakt zum jungen, so ganz andersartigen Jacques – und über ihn in die moderne Zeit.

Im Abspann schlägt der Film den Bogen zurück ins echte Leben, erwähnt, dass sich die Handlung in ähnlicher Art abgespielt habe. Wie er bei der Hauptakteurin von damals angekommen ist? «Die Geschichte ist sehr schön erzählt, sie ist mir unter die Haut gegangen», gibt Sonja Schmid zur Antwort. Natürlich habe sie das Geschehen ganz persönlich und daher sicher völlig anders erlebt als ein unbeteiligter Zuschauer. «Als der TGV im Film zum ersten Mal vorbeifuhr, hatte ich Hühnerhaut.»

Berner Zeitung

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