Jakob Messerli im Museum des Machbaren

Bern

Jakob Messerli hat angekündigt, die Direktion des historischen Museums Bern per Ende Juni 2020 abzugeben. Er wolle neuen Kräften Platz machen.

Hat die ausgesteckten Ziele nach eigenem Ermessen erreicht: Jakob Messerli, Direktor des bernischen Historischen Museums.

Hat die ausgesteckten Ziele nach eigenem Ermessen erreicht: Jakob Messerli, Direktor des bernischen Historischen Museums.

(Bild: Adrian Moser)

Michael Feller@mikefelloni

Was muss passieren, damit ein 59-Jähriger seinen Job als Museumsdirektor aufgibt? Gestern teilte das Bernische Historische Museum mit, dass Direktor Jakob Messerli im Juni 2020 das Haus verlassen will. Es habe keinen Vorfall gegeben, sagt ein gelöster Jakob Messerli. «Aber 10 Jahre sind genug.»

Vor ein paar Wochen hatte der Stiftungsratspräsident Luc Mentha über seinen Entscheid informiert. «Für mich war wichtig, dass der Zeitpunkt für das Museum richtig ist», sagt er. Ab diesem Herbst vertiefen die Museen im Berner Kirchenfeld das Projekt Museumsquartier, eine geplante Investition von 250 Millionen Franken, um die Attrak­tivität der dortigen Museen als gemeinsames Ganzes zu vervielfachen. Messerli wird in der Anfangsphase noch Einfluss nehmen. Er will seinen Realitätssinn dort einbringen, das Wünschbare vom Machbaren unterscheiden. «Doch auch meine Nachfolge soll in dieser Sache mitreden können.»

Messerli nahm sich der Sammlung an

Für Stiftungspräsident Luc Mentha kam die Kündigung «überraschend»: «Der Stiftungsrat hat damit nicht gerechnet.» Er bedauere den Entscheid. «Messerli hat das Museum deutlich geprägt und auf ein solides Fundament gestellt.» Nach der 12-jährigen Ära Peter Jezler hatte Messerli 2010 übernommen. Unter Jezler hatte das Museum zwar einige aufsehenerregende Ausstellungen, doch geriet es auch finanziell in Schieflage. Messerli nahm sich der vernachlässigten Sammlung an und trimmte das Museum auf Wirtschaftlichkeit. Er hat auch in die Vermittlung investiert.

Zwar ist das Historische Museum der Krösus des Platzes und soll auch im geplanten Museumsquartier im Mittelpunkt stehen – doch kreative Ausstrahlung haben heute andere.

Zuletzt hat das Führungsformat «Multaka – Geflüchtete zeigen das Museum» für Aufsehen gesorgt. «Das Vermittlungsangebot stand praktisch still. Er hat es wieder aufgebaut. Es ist eindrücklich, welche Resonanz wir in diesem Bereich erreicht haben.» Zusammen mit Mentha kämpfte Messerli auch erfolgreich um mehr Geld für das Haus. Er konnte aufzeigen, dass das Museum ohne Investitionen in die Sammlung und in die Depots seinen Auftrag in der Konservierung längerfristig nicht mehr hätte erfüllen können.

So erfolgreich Messerli das Museum strukturell saniert hat, so durchzogen fällt die Besucherbilanz auf. Jüngst zog «Grand Prix Suisse 1934–54 – Bern im Rennfieber» weniger Publikum an als erhofft, auch die Dauerausstellungen liefen eher schlecht als recht. Zwar hatte das Haus in der Ära Messerli mit der Ausstellung «Qin» (2013) mit den chinesischen Terrakotta-Kriegern die besucherstärkste Schau seiner Geschichte, doch selbst diese Ausstellung blieb unter den Erwartungen, was allerdings nur intern kommuniziert wurde.

Kenner der Szene sind sich einig: Zwar ist das Historische Museum der Krösus des Platzes – es soll auch im Museumsquartier im Mittelpunkt stehen –, doch kreative Ausstrahlung haben heute andere: das Museum für Kommunikation, das Naturhistorische Museum und das Alpine Museum. Offenbar hat sich Mes­serli zunächst auch nicht so recht für die Kooperation mit den anderen Museen erwärmen können, als erstmals vom grossen Zusammenschluss die Rede war. Dies streitet Messerli allerdings ab.

Messerli: «Bilanz wird am Schluss gezogen»

Auch auf die Besucherstatistik will Jakob Messerli nicht jetzt schon eingehen. «Bilanz wird am Schluss gezogen. Jetzt wird noch ein Jahr gearbeitet, ich bin voller Elan.» Das Historische Museum sei immer im Spagat zwischen den Ressourcen für die Sammlung und einem attraktiven Programm für die Bevölkerung.

Hier bilanziert Messerli dann doch, wenn auch bescheiden: «Da bin ich recht zufrieden.» Und jetzt? Um seine Zukunft macht sich Messerli keine Sorgen, «da wird sich schon was ergeben». Will er nach insgesamt 24 Jahren als Museumsdirektor nochmals eine Institution leiten? «Für mich ist das Historische Museum das beste kulturhistorische Museum der Schweiz. Vor diesem Hintergrund müsste ich sagen: eher nein. Aber man sollte bekanntlich niemals nie sagen.»

Gesucht: Unternehmerisch denkender Kurator

Nun beginnt für den Stiftungsrat unter Luc Mentha die Suche nach Messerlis Nachfolge. «Wir suchen jemanden, der in der Lage ist, die ganze Bandbreite der Aufgabe zu bewältigen», sagt Mentha. Und diese Bandbreite ist – breit.

Gesucht sei eine Frau oder ein Mann mit «klaren konzeptionellen Vorstellungen über die Weiterentwicklung des Museums», jemand, der strategisch, kuratorisch und unternehmerisch zugleich denkt und wenn möglich ein breites Netzwerk mitbringt. «Eine Berner oder Schweizer Lösung wäre schön, aber wir sind da offen», sagt Mentha. Wichtig bleibt: Hochtrabende künstlerische Visionen ohne Blick auf Kernaufgaben und Finanzen kann sich das Historische Museum nicht leisten.

Eine echte Begeisterung für das Museumsquartier allerdings schon.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt