Ja zum Tram ist sehr viel wert

Redaktor Stephan Künzi zur Annahme der Tramvorlage Bern-Ostermundigen.

Stephan Künzi

Auf den letzten Drücker hat es das neue Tram für die Region Bern doch noch geschafft. Das Ja zur abgespeckten zweiten Variante ist aus zwei Gründen nicht hoch genug zu werten. Zum einen, weil sich quasi im Schlussspurt eine überraschende Dynamik gegen den geplanten Schienenstrang von Bern nach Ostermundigen entwickelt hat. Zum andern, weil diesmal der ganze Kanton abgestimmt hat. Damit ist das Resultat viel breiter abgestützt als beim ersten Anlauf im Herbst 2014, als sich nur die beteiligten Gemeinden direkt an der Urne äussern konnten.

Das Ja ist nicht nur deshalb wichtig für die Stadt und ihr Umland, weil nun auf der chronisch überlasteten Buslinie 10 endlich die Kapazitäten erweitert werden können. Es ist vor allem ein wichtiges Zeichen dafür, dass der Kanton Bern für seine Pendler eine attraktive, zeitgemässe Infrastruktur bereitstellen will. Die Investition ins Tram ist dies zweifellos – nicht ohne Grund versprechen sich die Befürworter auch wirtschaftliche Impulse, die letztlich allen zugute kommen.

Allen – das bedeutet selbstredend nicht nur den Leuten in der Stadt und im engeren Agglogürtel, sondern auch jenen, die auf dem Land wohnen. Und genau hier war bis zuletzt fraglich, ob die Zustimmung so breit sein würde, dass es unter dem Strich zu einem Ja reichen würde. Zwar beschworen im Vorfeld der Abstimmung viele die Solidarität des Landes zur Stadt, wiesen darauf hin, dass die Stadt im letzten Jahr auch Leih gehalten und im ländlichen Oberaargau die Umfahrung Aarwangen mit ermöglicht habe.

Die Unsicherheit blieb trotzdem – nicht einmal so sehr wegen des viel beschworenen Stadt-Land-Grabens, der sich nur zu oft in einem Anti-Stadt-Reflex Luft verschafft. Sondern vor allem wegen einer eigentümlichen Mischung aus Gleichgültigkeit und Ablehnung einem zugegeben nicht eben günstigen Projekt gegenüber, von dem man ja, so der Gedanke, ohnehin nicht direkt profitieren könne.

Dazu kamen die schrillen Töne aus dem Stadt- und Agglogürtel, von wo dem Tramprojekt der aktivste Widerstand entgegenschlug. Dass es so weit gekommen ist, muss sich Regierungs­rätin Barbara Egger zu einem guten Teil selber zuschreiben. Zu lange hat sie das Tram mit ­aller Kraft vorangetrieben und jegliche Warnsignale des wachsenden Widerstands geflissentlich übersehen. In der Folge konnten sich die Fronten derart verhärten, dass auch die abgespeckte zweite Variante sofort unters Trommelfeuer jener Leute geriet, die schon im Herbst 2014 auf die Barrikaden gestiegen waren.

Vor diesem Hintergrund muss das Ja Regierungsrätin Egger auch persönlich mit Freude erfüllen: Sie hat das letzte grosse Geschäft vor ihrem Abgang von der kantonalen Politbühne unter Dach und Fach gebracht.

Berner Zeitung

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