Ja zum Gurlitt-Erbe, Nein zu den Risiken

Bern

Das Kunstmuseum Bern tritt das Erbe des verstorbenen Cornelius Gurlitt an. Mit geringem Risiko: Die Kosten für Werke, die unter Raubkunstverdacht stehen, muss Deutschland übernehmen.

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Stefanie Christ@steffiinthesky
Oliver Meier@mei_oliver

«Wir haben keine Triumphgefühle, das wäre völlig unangebracht angesichts der Geschichte, die auf der Kunstsammlung lastet.» Christoph Schäublin gab sich am Montag alle Mühe, nicht ins Fettnäpfchen zu treten. «Unterzeichnung der Vereinbarung zum Nachlass Cornelius Gurlitt»: So stand es hinter ihm an der Wand, als der Präsident des Kunstmuseums Bern vor die Weltpresse trat.

Das Gedränge, der Wust an konkurrierenden Kameras und Journalisten im Presseamt der Bundesregierung in Berlin war enorm. Alle warteten auf die Bestätigung dessen, was schon klar war: dass das Kunstmuseum nach monatelangen Verhandlungen das Erbe Gurlitts antritt.

Noch beim ersten Treffen mit den deutschen Behörden am 27. Juni tendierte die Institution dazu, das heikle Vermächtnis abzulehnen, wie Schäublin einräumte. Das Entgegenkommen Deutschlands brachte offenbar die Wende. «Es war eine wohlbedachte Entscheidung», so Schäublin.

Im Zentrum sei die Frage gestanden, ob und wie das Museum jenen gegenüber gerecht werden könne, deren Leid in Teilen der Sammlung Gurlitt fortwirkten, sagte der Stiftungsratspräsident. Und er sagte auch: «Wir stehen am Anfang eines langen Weges.»

1. Was beinhaltet die Sammlung Gurlitt nach neustem Wissensstand?
Rund 1500 Werke von Vertretern der klassischen Moderne wie Picasso, Monet oder Renoir, hauptsächlich Papierarbeiten und einige Ölgemälde. 240 davon sind in Salzburg gefunden worden, die anderen in München. «Es hat Meisterwerke – und auch Unspektakuläres», sagt Schäublin. Ungefähr 490 Werke stehen nach wie vor unter Raubkunstverdacht.

Drei hat die eingesetzte Taskforce bisher als Raubkunst identifiziert: «Sitzende Frau» von Henri Matisse, «Zwei Reiter am Strand» von Max Liebermann und «Das musizierende Paar» von Carl Spitzweg. Der Wert der gesamten Sammlung wird von den Museumsverantwortlichen auf rund 100 Millionen Franken geschätzt. Hinzu kommen Geld und Immobilien in Millionenhöhe.

2. Was geschieht nun genau mit den Werken?
Zentraler Grundsatz der Vereinbarung ist, dass Werke, die unter Raubkunstverdacht stehen, in München verwahrt bleiben. «Die Raubkunst wird nie über die Schwelle des Kunstmuseums kommen, nicht einmal auf Schweizer Boden», sagte Schäublin in Berlin – und sorgte damit für Raunen unter den Journalisten. Werke, die als Raubkunst identifiziert sind, werden sofort zurückgegeben. Werke, die wahrscheinlich Raubkunst sind, bei denen aber nicht klar ist, wer Anspruch darauf haben könnte, werden auf Lostart.de eingestellt und in speziellen Ausstellungen gezeigt.

Über jene Werke, deren Herkunft nicht zweifelsfrei geklärt werden kann, entscheidet das Kunstmuseum innert 24 Monaten. Überraschend ist die Lösung bei jenen Werken, die von den Nazis als «entartete Kunst» aus deutschen Museen beschlagnahmt wurden. Entgegen den Spekulationen werden diese den Museen nicht als Dauerleihgaben zur Verfügung gestellt. Vereinbart ist bloss, dass das Museum diesbezügliche «Leihanfragen» aus Deutschland, Österreich und Polen «prioritär behandelt».

3. Wer übernimmt welche Aufgaben?
Die Taskforce, finanziert von Bund (D) und Freistaat Bayern, setzt ihre Arbeit fort und weitet sie auf die Salzburger Bilderbestände aus. Diese Arbeit soll im Laufe des Jahres 2015 abgeschlossen sein. Das Kunstmuseum schickt zwei eigene Provenienzforscher in die Taskforce. Darüber hinaus baut das Museum in Bern eine eigene Forschungsstelle auf. Diese arbeitet den Fall Gurlitt allgemein auf, betreibt aber auch Herkunftsforschung.

Das Kunstmuseum übernimmt nur jene Werke, die «erwiesenermassen oder mit hoher Wahrscheinlichkeit keine NS-Raubkunst» sind. Verantwortung und Kosten für diese Werke trägt daraufhin das Museum. Die Rückgaben von Raubkunstwerken wird über Deutschland abgewickelt. Das heisst für Anwälte, dass Ansprüche bei den deutschen Behörden, nicht in Bern, deponiert werden müssen.

4. Wer muss was bezahlen?
Die Kosten der Taskforce trägt weiterhin Deutschland. Das Bundesbudget wurde verdreifacht und beträgt nun 6 Millionen Euro. Auch die Kosten für Restitutionen und allfällige Klagen trägt der deutsche Staat. Wird das Kunstmuseum für Werke verklagt, die sich in Deutschland befinden, finanzieren die deutschen Behörden die Rechtsvertretung. Die Kosten für den Aufbau der Berner Forschungsstelle werden vorab durch Drittmittel von Stiftungen und Mäzenen gedeckt. Laut Museumsvertretern ist bereits ein siebenstelliger Betrag zugesichert.

Laut dem Berner Verhandlungsleiter Marcel Brülhart muss das Museum keine Erbschaftssteuer bezahlen, aber Gewerbesteuer. Diese soll aus dem vererbten Vermögen bezahlt werden. Über den genauen Betrag schweigt sich die Museumsleitung aus. Und die Rolle des Kantons Bern? Zwar war der zuständige Regierungsrat Bernhard Pulver in Berlin anwesend. Auf Nachfrage bekräftigte er indes, dass derzeit keine Unterstützung durch die öffentliche Hand vorgesehen ist.

5. Ist das Testament gültig?
Gurlitts 86-jährige Cousine Uta Werner hat jüngst Anspruch auf das Erbe erhoben und will das Vermächtnis juristisch erstreiten. Nach Einschätzung Brülharts dürfte sie jedoch kaum Erfolg haben. Zwar gibt es ein neues Gutachten, das den Geisteszustand des im Mai verstorbenen Sammlers und somit die Gültigkeit seines Testaments infrage stellt. Es existieren jedoch zwei weitere Gutachten, die noch zu Gurlitts Lebzeiten erstellt wurden, und die ihm volle Zurechnungsfähigkeit attestieren. Das juristische Vorgehen Werners führt laut Brülhart zu keiner Verzögerung des von Kunstmuseum und Deutschland vereinbarten Vorgehens.

6. Wann kommen die Werke nach Bern?
Als Erstes übernimmt das Museum ein Konvolut von 400 bis 500 Werke aus dem Bereich der «entarteten Kunst», das Anfang 2015 in Bern eintreffen soll. Diese Bestände sollen raschmöglichst aufgearbeitet, publiziert und laut Museumsdirektor Matthias Frehner noch im kommenden Jahr der Öffentlichkeit präsentiert werden – «optimistisch gedacht». Da es sich zu einem Grossteil um Papierarbeiten handelt, braucht das Museum kein zusätzliches Depot. Die Werke werden in die bestehende Sammlung integriert. Es wird also weder ein Gurlitt-Museum, noch einen Gurlitt-Raum geben.

Berner Zeitung

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