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Insel-Gruppe will zum digitalen Spital werden

Die Insel-Gruppe kauft für über 90 Millionen Franken neue Softwaresysteme. In Dänemark hat das eine Programm aus den USA für grosse Unzufriedenheit gesorgt. Trotzdem sind die Verantwortlichen in Bern zuversichtlich.

Die Insel-Gruppe investiert in neue Softwaresysteme.
Die Insel-Gruppe investiert in neue Softwaresysteme.
Valerie Chetelat

Es ist ein ernüchterndes Fazit, das Stefan Lienhard in seiner Masterarbeit zieht: Die Schweizer Spitäler stehen in ihrer Reise ins digitale Zeitalter noch ganz am Anfang. Erfolgsstorys oder Leuchtturmprojekte würden komplett fehlen, in der Hälfte der Spitäler gebe es nicht einmal eine Digitalstrategie. Das jedenfalls schreibt der Digital Manager bei der Schulthess-Klinik in Zürich im Jahrbuch 2019 der dortigen Hochschule für Wirtschaft.

Am Berner Inselspital soll sich das jetzt ändern. Das Unispital will zur «Vorreiterin der digitalen Medizin» werden, wie CEO Uwe E. Jocham im Sommer 2018 verkündet hatte. Ein Jahr später erfolgte allerdings bereits ein Rückschlag. Technologiedirektor Michael Dahlweid verliess das Inselspital überraschend. Mit ein Grund waren unterschiedliche Auffassungen darüber, wie viel die Digitalstrategie überhaupt kosten darf.

Trotz dieser Probleme schreitet die Insel-Gruppe nun voran in Richtung Spital 4.0. Gestern hat das Unternehmen bekannt gegeben, dass es zwei neue Systeme anschaffen wird, um eine «durchgehende Digitalisierung des Klinikalltags» zu ermöglichen. Das eine kostet 10 Millionen, das andere 83 Millionen Franken. Den Zuschlag für das weitaus umfangreichere Klinikinformations- und Steuerungssystem (Kiss) hat das US-Unternehmen Epic erhalten.

Zu viele Systeme

Beim Kiss handle es sich quasi um das zentrale Nervensystem des Spitals, sagt Kommunikationsleiter Alex Josty. Es ist eine digitale Arbeitsplattform, mit der Ärzte und Pflegende künftig alle Patienteninfos aktuell und überall zur Hand haben. Ziel des neuen Systems sei es unter anderem, die Prozesse und Abläufe zu optimieren. Dazu gehört auch, die Anzahl unterschiedlicher Softwareprogramme zu reduzieren.

«Natürlich wird es Hürden geben. Aber die Insel-Gruppe ist sich gewohnt, solche Projekte zu meistern.»

Alex Josty, Leiter Kommunikation Insel-Gruppe

Heute sind allein am Insel­spital über fünfhundert verschiedene Systeme im Einsatz. Die Folge: viele potenzielle Eintrittsmöglichkeiten für Hacker und Probleme bei der Zusammenarbeit. Wie viele Systeme nach der Einführung von Epic noch übrig sein werden, ist unklar. Josty: «Es werden aber weniger sein.» Das bedeutet gleichzeitig auch ein Verlust an Autonomie und Einfluss für die einzelnen Kliniken und deren Direktoren.

Trotzdem befürchtet Josty keinen grundsätzlichen Widerstand. «Wir haben eine Projektgruppe gebildet, der zwanzig Personen aus allen Bereichen angehören. Der Entscheid ist breit abgestützt.» Zudem sei auch im weiteren Vorgehen geplant, die wichtigsten Protagonisten an Bord zu holen. «Natürlich wird es Hürden geben. Aber die Insel-Gruppe ist sich gewohnt, solche Projekte zu meistern.»

Hohe Kosten

Epic Systems ist ein 2,9-Milliarden-Dollar-Unternehmen aus dem Bundesstaat Wisconsin. In der Nähe der Stadt Verona liegt der märchenhaft anmutende Campus der Firma mit Baumhäusern, Schaukelpferden und Konferenzräumen im Montes­sori-Stil. Mit ihren Software­lösungen beliefert Epic Hunderte Spitäler und Arztpraxen auf der ganzen Welt – darunter die renommiertesten Krankenhäuser der USA.

Im deutschsprachigen Raum jedoch arbeitet derzeit einzig das Kantonsspital Luzern mit der Software des Unternehmens. Und dies auch erst seit drei Monaten. Insbesondere die hohen Anschaffungskosten von 66 Millionen Franken gaben dort Anlass zu Diskussionen.

In Bern betragen diese nun noch mehr. Die Insel-Gruppe ist jedoch mit knapp 11'000 Angestellten auch grösser. Wenig überraschend sagt Alex Josty deshalb: «Der Preis ist markt­üblich und umfasst die Anschaffung sowie den Betrieb und die Wartung während acht Jahren.» Ausschlaggebend für den Zuschlag an Epic sei das Gesamtpaket gewesen. Insbesondere die grosse Erfahrung habe die Verantwortlichen überzeugt.

Ein Insider, der nicht mit Namen genannt werden will, sagt jedoch: Die Ausschreibung sei so gestaltet worden, dass nur Epic infrage gekommen sei. Denn nur mit diesem System könnten die Königreiche der Klinikdi­rektoren aufgebrochen werden. Dazu Alex Josty: «Die Ausschreibung war transparent, WTO-konform und basierte auf den Vorgaben des öffentlichen Beschaffungsrechts des Kantons Bern.» Wie viele Offerten überhaupt eingegangen sind, dürfe er allerdings nicht sagen. «Das ist in öffentlichen Ausschreibungsverfahren Standard.»

Probleme in Dänemark

Klar ist aber, dass Epic nicht unumstritten ist. Während in Luzern noch keine grossen Pro­bleme aufgetreten sind, sieht es in Dänemark anders aus. Dort arbeiten seit über drei Jahren achtzehn Spitäler mit dem System. Gemäss der Zeitung «Politico» kam es zu massiven Schwierigkeiten. Epic konnte nicht in das nationale Krankenaktensystem integriert werden, Medikamentenbestellungen verschwanden, die Übersetzung aus dem Englischen funktionierte nicht, die Burn-out-Quote wuchs. In einer Umfrage gaben 2019 über 60 Prozent der Ärzte an, dass sie zutiefst unzufrieden sind mit dem neuen System. Es gab sogar eine Petition, sich wieder von Epic zu verabschieden.

Ähnliche Schwierigkeiten könnten auch in Bern auftreten. Zwar sei Epic bis heute noch jede Einführung ihres Programms gelungen, aber es gebe extreme Geburtsschmerzen, sagt auch der Insider. Die ersten zwei Jahre seien alles andere als einfach. Das werde hier nicht anders sein, glaubt er. Kommt hinzu, dass die Insel das erste Unispital im deutschsprachigen Raum ist, das mit dem System arbeiten wird.

Trotzdem sieht man der Einführung gelassen entgegen. «Ein solches Projekt ist immer ein individueller Weg», sagt Josty. Die Insel-Verantwortlichen hätten mit mehreren Spitälern Kontakt gehabt und die Vor- und Nachteile von Epic sorgfältig abge­wogen. Aber klar: «Es werden anstrengende Jahre.»

Geplant ist, dass das System Mitte 2023 läuft. Denn in diesem Jahr wird das neue Bettenhochhaus des Inselspitals eingeweiht. Und dieses ist komplett digital ausgerichtet. Spätestens dann wird sich zeigen, ob das Projekt in Bern zu einer Erfolgsstory und einem Leuchtturm wird.

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