«In einer Industriezone funktioniert ‹Thömus› nicht»

Bern

Für «Thömus»-Gründer Thomas Binggeli ist der 9.Februar ein Schicksalstag: Dann entscheiden die Könizer, ob sie den Betrieb des Velounternehmers in Oberried legalisieren und den Bikepark bewilligen wollen. «Ich weiss nicht, was ich bei einem Nein machen würde», sagt Binggeli.

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Dominik Balmer@sonntagszeitung
Stephan Künzi

Herr Binggeli, am 9.Februar stimmt Köniz über die Überbauungsordnung Oberried und damit über Ihren geplanten Bikepark ab. Wie hoch ist Ihr Puls?Thomas Binggeli: Ich habe immer noch einen tiefen Ruhepuls. Aber es geht um viel. Wenn ich an den entscheidenden Tag denke, steigt mein Puls.

Befürchten Sie, dass die Vorlage scheitern könnte? Die Zeichen, die ich erhalte, sind mehrheitlich positiv. Trotzdem nehme ich die Abstimmung nicht auf die leichte Schulter.

Wie reagieren Sie auf die Opposition? Wir suchen seit 5 Jahren mit der Gemeinde und dem Kanton eine Lösung. Wir haben unser Bikepark-Projekt stetig redimensioniert. Und wir haben mit allen Verbänden ein gutes Einvernehmen. Trotzdem gibt es noch eine Opposition. Ich nehme sie ernst.

Was passiert, wenn die Könizer Nein sagen zur Vorlage? Ich denke positiv. Ich sage nicht, dass wir bei einem Nein unser Velogeschäft «Thömus» nicht mehr weiterführen. Aber es wäre schwierig, weiterzuexistieren. Die rechtlichen Grundlagen für den Betrieb würden fehlen.

Ist der Wegzug eine Option? Ich habe heute keinen Plan B, ich weiss nicht, was ich bei einem Nein machen würde. Wir könnten das Geschäft in Oberried aber sicher nicht mehr wie heute weiterführen.

Sie könnten den Betrieb nach Thörishaus verlegen, wo Sie heute schon einen Teil der Produktion haben. Nein, das käme nicht infrage. Ich weiss auch nicht, ob ich die Energie hätte, den Betrieb andernorts aufzubauen. Denn bei einem Wegzug würde ich die Oberrieder Werte sowie auch die Marke «Thömus» verlieren. Im Moment sind wir mit Oberried untrennbar verbunden. In einer Industriezone würde unser Konzept nicht funktionieren.

Was macht denn Ihren geplanten Bikepark derart existenziell für «Thömus» – ginge es nicht auch ohne? Wir wollen mit «Thömus» mehr als nur Velos verkaufen. Wir vermitteln ein Lebensgefühl – eine unserer Kernbotschaften heisst «Hightech vom Bauernhof». Dafür brauchen wir den Bikepark mit der Teststrecke.

Letztlich sind Sie doch selber schuld an der gegenwärtigen Situation. Sie haben Ihren Betrieb jahrelang illegal geführt. Und die Gemeinde drückte beide Augen zu. Ein Nein wäre die logische Quittung. Wer uns so kritisiert, hat in der Sache nicht Unrecht. Wir betreiben das Geschäft seit 23 Jahren. Und ja, es war nicht immer jede Nutzung bewilligt.

Sie haben Tatsachen geschaffen. Und die Könizer sollen diese nun nachträglich legalisieren. Wenn man als verantwortlicher Unternehmer im Alltag eingespannt ist, wenn man ein Unternehmen von der Pike auf aufbauen und pausenlos weiterentwickeln muss, kann etwas untergehen. Wir hatten vom Regierungsstatthalter eine Bewilligung für einen kleineren Betrieb. Danach haben wir immer mehr ausgebaut, wir brauchten Platz.

Von wem kam denn letztlich der Impuls, das Ganze zu legalisieren – von Ihnen oder von der Gemeinde? Das weiss ich nicht mehr.

In letzter Zeit gab es Unruhe um «Thömus». Es hiess, Stellen würden abgebaut und die Händler würden nicht mehr beliefert. Hängt das mit der Abstimmung zusammen? Nein. Ich musste lernen, dass es Neider gibt, wenn man in der Öffentlichkeit steht. Und ich glaube, diese Themen sind vor allem von den Neidern gesteuert. Wir haben zwar Leute entlassen, aber mittlerweile ist der Personalbestand fast wieder gleich hoch.

Aber dass Sie Ihre Händler nicht mehr beliefern, hat nichts mit Neid zu tun. Das stimmt doch. Nein, das ist eine alte Geschichte. Wir haben bereits vor zwei Jahren entschieden, «Thömus»-Velos primär in Oberried und Bern zu verkaufen.

«Thömus» scheint nicht mehr die einzigartige Marke zu sein wie noch vor ein paar Jahren. Vielleicht hat zuletzt die Innovation etwas gefehlt, weil wir uns in dieser Phase stark mit der Entwicklung des Elektrovelos Stromer beschäftigt haben. Die Innovation fehlte aber nicht bei den Velos, sondern beim Drumherum. Wir müssen immer einen Schritt weiter sein als unsere Mitbewerber.

Sie sind auch bei Andy Rihs’ BMC-Gruppe engagiert. Fehlte die Energie für «Thömus»? Dieser Eindruck ist nicht falsch. Aber «Thömus» ist mein Baby, da steckt viel Herzblut drin. Ich werde dafür sorgen, dass der Betrieb auch in Zukunft gut läuft.

Bei BMC sind Sie seit kurzem nicht mehr operativ tätig, sondern Verwaltungsratspräsident. Wurden Sie wegbefördert? Ich bin sicher nicht der knallharte Sanierer und der Prozessmensch, wie sie die BMC-Gruppe jetzt nötig hat. Ich bin der Unternehmer und Visionär, der sagt, wie sich die Marken entwickeln sollen. Mein Titel ist mir egal. Ich will stets das Beste für die Firma.

Kam der Anstoss für den Wechsel also von Ihnen? Ein solcher Entscheid reift in Gesprächen. Das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Da sind immer mehrere Leute involviert.

Sie halten 30 Prozent an der BMC-Gruppe. Ist immer noch geplant, dass Sie die Mehrheit übernehmen und Nachfolger von Andy Rihs werden? So hat das Andy Rihs öffentlich mehrmals festgehalten. Wir halten an dieser Strategie auch gemeinsam fest. Aber wie gesagt: Für mich spielt es keine Rolle, ob ich nun 30 oder 50 oder 70 Prozent halte. Mein Ziel ist, dass unsere Velomarken fliegen. Mit BMC wollen wir den Turnaround schaffen, und mit dem Stromer wollen wir die internationalen Märkte durchdringen.

Sie peilen mit der BMC-Gruppe einen Jahresumsatz von 250 Millionen Franken an. Heute stehen Sie bei 140 Millionen. Wir haben unser Ziel insofern revidiert, als wir nun primär die Erträge steigern wollen und nicht den Umsatz. Aber das Elektrovelo ist nach wie vor ein Megatrend.

Der E-Bike-Boom scheint etwas vorbei zu sein. Auch Flyer-Chef Kurt Schär gibt die operative Führung von Biketec bald ab. Als die ersten Flyer auf den Markt kamen, gab es keine Konkurrenz. Und als wir später mit dem Stromer kamen, waren wir die Einzigen mit schnellen E-Bikes. Heute hat praktisch jede Velomarke ihr eigenes E-Bike. Mit dem Stromer werden wir sicher keine einfache Zeit haben.

Was bedeutet das? Wir müssen offen sein für Kooperationen: in der Technologie, in der Distribution, in der Vermarktung und auch bei den Besitzerverhältnissen.

Sie könnten sich vorstellen, die BMC-Gruppe zu verkaufen? Es muss kein Verkauf sein. Aber vielleicht bietet sich ein Joint-Venture an. Wir brauchen finanziellen Support, und eine Kooperation würde Kosteneinsparungen in der Produktion bringen.

Was machen Sie eigentlich am Tag der Abstimmung? Ich hoffe, dass ich an diesem Tag auf dem Velo bin und irgendwann einen positiven Anruf oder ein SMS erhalte.

Berner Zeitung

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