In dieser Kita haben die Kinder auch nachts einen Platz

Im Berner Mattenhofquartier gibt es eine 24-Stunden-Kita. Das Angebot richtet sich an Eltern, die während ihrer Arbeitszeit auf keine gewöhnliche Kita zählen können.

Auch in der Kita eine Tradition Vroni Eschler erzählt  Amaru (links) und Augusta vor dem Zubettgehen eine Gute-Nacht-Geschichte.

Auch in der Kita eine Tradition Vroni Eschler erzählt Amaru (links) und Augusta vor dem Zubettgehen eine Gute-Nacht-Geschichte. Bild: Beat Mathys

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Wo übernachten die Kinder eines Ehepaares, wenn abends beide als Musiker im Berner Symphonieorchester spielen? Wie sollen Eltern, die bis 19 Uhr arbeiten – er im Detailhandel, sie als Journalistin –, um 18 Uhr ihr Kind aus der Kita abholen? Wohin bringt eine alleinerziehende Mutter ihre Kinder, wenn sie am Samstag kellnert oder im Spital operiert?

Auch Schauspieler, Polizistinnen, Stewardessen, SBB-Personal und Krankenpfleger arbeiten oft ausserhalb der Bürozeiten. Diese Menschen stehen meist vor verschlossenen Kita-Türen.

Ausnahme unter den Kitas

Znacht in der Kita. Die Kinder sitzen um den Holztisch und essen Spaghetti mit rosa Rahmsauce. Sie erzählen vom Tag, blödeln herum. Die 6-jährige Augusta ver­sichert, dass sie überhaupt noch nicht müde sei. Der 2-jährige Amaru dagegen zeigt diesbezüglich erste Anzeichen: Er reibt sich die Augen.

Am Tischende sitzt Betreuerin Vroni Eschler. Sie plaudert mit den Kindern, schöpft Essen nach. Es ist kurz vor 19 Uhr. Bald werden die Kinder von ihren Eltern abgeholt. Amaru und Augusta aber bleiben. Heute schlafen sie im Kinderhaus. Die Eltern arbeiten.

Das Kinderhaus Bernische Stiftung Elfenau ist eine der ganz wenigen 24-Stunden-Kitas in der Schweiz. Die Betreuungsstätte liegt mitten im Mattenhofquartier der Stadt Bern, seit 27 Jahren. Als Ergänzung zu den städtischen Angeboten wurde das Kinderhaus 1989 für Kleinkinder von ­alleinerziehenden Eltern mit unregelmässigen Arbeitszeiten eröffnet. Für die damalige Zeit höchst modern.

Als Ergänzung zu den städtischen Angeboten wurde das Kinderhaus 1989 für Kleinkinder von alleinerziehenden Eltern mit unregelmässigen Arbeitszeiten eröffnet.

Genau genommen kann man das Kinderhaus heute noch als sehr fortschrittlich bezeichnen. Das Angebot in der Schweiz hat sich für Menschen, die zu Randzeiten arbeiten, kaum weiterentwickelt. In Zürich findet sich die eine oder andere Kita, die an vereinzelten Wochentagen oder auf Anfrage eine Rund-um-die-Uhr oder eine Wochenendbetreuung anbietet.

Ansonsten gibt es als voll funktionierende 24-Stunden-Kita nur noch die Hotelkrippe in St. Gallen. Sie feierte diesen August die Eröffnung. Längere Öffnungszeiten bis 19 oder 20 Uhr findet man in Städten häufiger. Kaum in Bern, eher in Zürich.

Das Angebot hinkt hinterher

Augusta und Amaru machen im Wohnzimmer eine Kissenschlacht. Amaru kreischt vor Vergnügen. Augusta lacht, kitzelt ihn aus. Die beiden drehen nochmals richtig auf. Währenddessen räumt Eschler den Tisch ab und die Küche auf. Dann ruft sie: «Pyjamas anziehen!» Die Kinder hüpfen ins Badezimmer, gehen aufs Klo, ziehen sich um, waschen die Hände. Und jetzt kommt das Beste: das Bettmümpfeli – ein Schöggeli fürs Vor-dem-zu-Bett-Gehen.

Wieso hinkt das Betreuungsangebot der Realität so sehr hinterher? «Vor allem in konservativen und ländlichen Kreisen findet man Kitas mit erweiterten Öffnungszeiten oder 24-Stunden- Betrieb nicht nötig», sagt Eschler, die auch Mitglied der Betriebsleitung des Kinderhauses ist.

«Vor allem in konservativen und ländlichen Kreisen findet man Kitas mit erweiterten Öffnungszeiten nicht nötig.»Vroni Eschler

Aber die Gesellschaft sei nun mal im Wandel. Alles gehe länger, sei immer später offen. «Die Nachfrage ist auf jeden Fall da», sagt Eschler. In letzter Zeit werde das Kinderhaus zudem vermehrt von Pädagogen aus anderen Städten angefragt. «Sie wollen wissen, wie eine solche Kita funktioniert.»

Augusta schnappt ihr rosarotes Kätzchen, Amaru seinen schwarz-weissen Panda. Im Schlafzimmer springen sie auf die Matratzen und schlüpfen unter die Bettdecke. «Abrakadabra», liest Vroni Eschler aus dem Buch vor und erzählt von der wundersamen Geschichte einer Hexe, die fälschlicherweise ihren Zauberstab in die Waschmaschine gesteckt hat. Amaru und Augusta hören den Zaubertrick­strapazen der Hexe gespannt zu und knabbern dabei an ihrem Bettmümpfeli.

Es braucht Subventionen

Das Kinderhaus betreut Kleinkinder ab drei Monaten bis Schuleintritt und neu bis Ende zweites Schuljahr. Seit zwei Jahren stehen die Türen nicht nur Alleinerziehenden offen, sondern auch Eltern, deren Arbeitszeit auf Rand- oder Nachstunden sowie Wochenenden fallen. Die Eltern können ihre Kinder bereits ab 6 Uhr bringen und bis 19.45 Uhr ­abholen.

Wer zusätzlich Nachbetreuung beansprucht, bringt sein Kind bis spätestens 18 Uhr und holt es am nächsten Morgen ab 9 Uhr ab. Lediglich im Sommer hat die Stätte eine Woche Betriebsferien. Eschler: «Es gibt Eltern, die ohne diese flexible Betreuung ihren Beruf hätten aufgeben müssen. Oder junge Frauen, die keine Aus- oder Weiterbildung hätten machen können.»

«Ohne Subventionen geht es aber nicht. Die Eltern können die Mehrkosten nicht tragen»Nadine Hoch, Geschäftsleitung Verband Kinderbetreuung

Auch der Verband Kinder­betreuung Schweiz (Kibesuisse) findet, dass es alltagsnahe Betreuungsangebote brauche. Nadine Hoch von der Geschäfts­leitung: «Ich glaube allerdings nicht, dass es eine grosse Nachfrage nach 24-Stunden-Kitas gibt.» Flexiblere Öffnungszeiten wären jedoch wichtig. Dies sei aber eine finanzielle Herausforderung, da es mehr Personal brauche. Und an der Finanzierung scheiterten neue Betreuungsangebote und andere familienpolitische Projekte in der Schweiz in der Regel.

«Ohne Subventionen geht es aber nicht. Die Eltern können die Mehrkosten nicht tragen», sagt Hoch. Das Kinderhaus im Mattenhof hat nur leicht höhere Elternbeiträge. Das Betriebsdefizit übernimmt die Bernische Stiftung Elfenau.

Jetzt noch Zähne putzen! Man staunt, die Kinder rufen «Yeah!». Zurück im Schlafzimmer, kuscheln sich Augusta und Amaru samt Stofftierchen in die Decken. Eschler knipst das Licht aus. Sie singt für jedes Kind ein Schlaflied. Und bleibt bei den Kindern, bis sie eingeschlafen sind. Gute Nacht. Bis zum nächsten Morgen. Wenn um 6 Uhr die ersten Kinder in die Kita kommen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 20.08.2016, 06:59 Uhr

Ein Blick auf Europa

Betreuung ist keine Frage der Uhrzeit

Andere Länder Europas engagieren sich familienpolitisch deutlich stärker als die Schweiz. So beteiligt sich der Staat mehr an den Kosten für ­familienergänzende Kinderbetreuung und fördert die Gleichstellung von Frau und Mann in der Berufswelt viel konkreter. Dementsprechend angepasster ist das Betreuungsangebot in Ländern wie den Niederlanden, Frankreich, Dänemark, Belgien, Schweden oder Finnland an die Lebensrealität der Eltern. In Dänemark gehen gemäss einer EU-Statistik drei von vier Kindern unter drei Jahren in die Kita. Der Staat unterstützt die Kinderbetreuung mit Steuergeldern.

Auch in Deutschland findet ein Umdenken statt. Für eine politische Mehrheit ist mittlerweile klar: Es braucht mehr Betreuungsstätten mit flexiblen Öffnungszeiten, mehr 24-Stunden-Kitas sowie mehr Tagesmütter und Tagesväter. Das Familienministerium sprach vergangenes Jahr mit dem Slogan «Weil gute Betreuung keine Frage der Uhrzeit ist» 100 Millionen Euro für das Bundesprogramm KitaPlus. Während 2016 bis 2018 sollen mindestens 300 Betreuungsprojekte mit diesem Geld gefördert werden. Bundesweit haben seit Anfang Jahr bereits über hundert Einrichtungen und Tageseltern ihre Arbeit aufgenommen. (cal)

Finanzierung

Bundesrat will mehr Subventionen für Kitas

Der Bundesrat hat diesen Juni zu einer Finanzierung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf Ja gesagt. Zum einen sollen berufstätige Eltern für die Drittbetreuung ihrer Kinder weniger bezahlen müssen. Zum anderen soll das Betreuungsangebot besser auf die Bedürfnisse der Eltern abgestimmt werden. Das bedeutet, dass künftig auch innovative Projekte ausserhalb der üblichen Öffnungszeiten gefördert würden. Dazu könnten 24-Stunden-Kitas zählen.

Der Bundesrat will für fünf Jahre als Anstossfinanzierung 100 Millionen Franken zur Verfügung stellen. 85 Millionen Franken für die Tarifsenkungen, 15 Millionen Franken für den Ausbau der Betreuungsangebote. Die Finanzhilfen werden ausschliesslich Kantonen gewährt. Je stärker in einem Kanton die Subventionen angehoben werden, desto höher wird der Beitrag des Bundes ausfallen. Erst aber müssen Ständerat und Nationalrat dieser Finanzhilfe zustimmen. (cal)

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