In der Heimatlosigkeit gefangen

Die junge Berner ­Flötistin Salome Böni will auf unseren Umgang mit dem Fremden aufmerksam machen. Das gelingt ihr mit Klängen, die unter die Haut gehen.

Julian Anatol Schneider, Sophie Bock, Salome Böni, Katharina Kessler und Lara Marian führen das Musikvermittlungsprojekt «Fluchtgespräche» auf.

Julian Anatol Schneider, Sophie Bock, Salome Böni, Katharina Kessler und Lara Marian führen das Musikvermittlungsprojekt «Fluchtgespräche» auf.

(Bild: zvg)

Das Kulturlokal Ono war am Montag um 18 Uhr voll, Anspannung lag in der Luft. Die 26-jährige Brienzerin Salome Böni führte mit einem Sprech-Ensemble, dem Gitarristen Aitor Ucar Gonzalez und dem Schlagzeuger Yves Ryser ihre Studienabschlussperformance auf.

Es waren keine wohlklingenden Melodien, die man während der folgenden Stunde hörte. Ebenso wenig breiteten sich Glücksgefühle aus, die man von einer kulturellen Veranstaltung vielleicht erwarten würde. Stattdessen bestand das Programm zu einem Grossteil aus quälend hohen Tönen, die unter die Haut gingen und manchmal dermassen schmerzten, dass die Flucht aus dem Konzertlokal verlockend erschien. Vor allem der Kern des Abends, die 23-minütige Klangcollage «Fluchtgespräche», löste Unbehagen, Wut und Trauer aus.

Zugegeben, für die künstlerische Vermittlung eines mit dramatischen Geschichten assoziierten Themas wie der Flucht ­wären eingängige Melodien und schöne Harmonien unpassend. Denn sei es gewollt oder ungewollt: Sobald man die eigene Heimat oder das Vertraute hinter sich lässt, fühlt man sich fremd, ungeborgen, ist man auf sich selbst zurückgeworfen.

Fordernd und bereichernd

Auf unsere Reaktionen im Kontakt mit Fremdheit aufmerksam zu machen, ist eines der Anliegen von Salome Böni. Für ihre Abschlussarbeit zu ihrem Master mit Spezialgebiet Musikvermittlung an der Hochschule der Künste Bern wählte sie Musik des südkoreanischen Komponisten Isang Yun, der selbst ein bewegtes Leben hatte. Diese musikalische Basis ergänzte Böni mit mehreren Stellen aus autobiografischen Texten des Komponisten sowie geflüchteter Jugendlicher, die geschickt in Bönis Querflötenpartien eingeschoben wurden, allerdings weniger stark zur Geltung kamen als die musikalische Leistung.

«Fluchtgespräche» ist ein hochintellektuelles Werk, das zu Offenheit und Neugierde gegenüber Unbekanntem auffordert. Das bedingt eine gewisse Anstrengung, wirkt aber horizonterweiternd – im musikalischen wie im zwischenmenschlichen Sinn.

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