Immer diese öden Plätze

Region Bern

Auf modernen Bahnhofplätzen kommen Menschen und Fahrzeuge besser aneinander vorbei. Schön sind sie deswegen noch lange nicht.

Orange Poller und viel Asphalt: der Platz beim Bahnhof Gümligen.

Orange Poller und viel Asphalt: der Platz beim Bahnhof Gümligen.

(Bild: Beat Mathys)

Stephan Künzi

Was für eine Einöde! Wo immer im Raum Bern ein Bahnhofareal um­gestaltet wird, ist die Kritik nicht weit. Technisch mögen die neuen Plätze zwar die Anforderungen erfüllen. Das war schon vor über zehn Jahren so, als vor dem Bahnhof Langnau die holprige Pflasterstrasse verschwand und ein Busterminal die enge, völlig veraltete Verladerampe ab­löste.

Und das war später in Münsingen nicht anders, wo moder­ne Perrons dem Gewusel aus Bussen und umsteigenden Leuten ebenfalls ein Ende machten. Das Altvertraute, wenn auch nicht ganz Vollkommene aber hatten die Areale ob all der Funktionalität ein für allem Mal verloren. Ihnen fehlte plötzlich die Seele.

Und jetzt also der Bahnhof Gümligen. Einmal mehr füllen sich die Leserbriefspalten in den «Lokalnachrichten» mit Kritik. Den Anlass bietet diesmal die neue Tramhaltestel­le des Regionalverkehrs Bern-Solothurn (RBS): Knall­oran­ge Poller weisen un­über­seh­bar darauf hin, dass hier in den letzten Wochen vieles ganz an­ders geworden ist.

Tatsächlich hat sich auf diesem Vorplatz weit mehr verändert. Das Schotterbett, ein Relikt aus der Zeit des alten blauen Bähnli, ist zu einer eintönigen Teerfläche geworden, wie sie für den Trambetrieb von heute so typisch ist. Der offene Personenunterstand hat einem verglasten Häuschen Platz gemacht, das Perron ist auf eine bequeme Einstiegshöhe an­gehoben worden, und der Billettautomat steht nicht mehr unter einem schützenden Dach, sondern unter freiem Himmel.

Bei Wind und Wetter ein Billett lösen? Für die Kritiker geht das gar nicht. Zumal im andern Fall die Sonne blendet, sodass auf dem Bildschirm kaum mehr etwas zu erkennen ist. Hier fehle jede planerische Logik, poltert ein Briefeschreiber. Und hält sich weiter darüber auf, dass das gläserne Häuschen erstens nur noch über eine hinderliche Tür er­reichbar ist und zweitens im Sommer sehr heiss wird.

Dann kommt sie doch noch, die grundlegende Kritik an der Einöde. Formuliert wird sie in einer zweiten Zuschrift. Diese kritisiert, dass in der neuen, ausdrücklich als solche bezeichneten Be­gegnungszone die «Begegnungen vor allem mit dem Tram» stattfänden: «Etwas Schatten spendendes Grün, weniger fantasielose Asphaltfläche, nur die allernötigsten Pfosten sowie eine benutzerfreundliche Infrastruktur könnten da Abhilfe schaffen.»

Bei so viel Gegenwind kann die Politik natürlich nicht hintanstehen. Die SP, die das Projekt, weil zu teuer, im Parlament noch be­kämpfte, ist zwar verstummt. Umso öffentlichkeitswirksamer setzte sich dafür das Forum in Szene: Es stülpte den orangen Pollern kurzerhand Kartonschachteln über, verzierte die derart zusammengebastelten Pappköpfe mit Botschaften à la: «Schön?». Oder: «Danke».

Ob sich die brutto 1,4 Millionen und für die Gemeinde netto noch immer knapp 500'000 Franken wirklich gelohnt haben? Thomas Marti, auf der Verwaltung für das Projekt verantwortlich, sagt Ja. In seiner heutigen Form binde der Platz das Tram spürbar besser an den Bahnhof an, «die Leute queren ihn viel flächiger». Ganz ist die Kritik trotzdem nicht an ihm abgeprallt. In den letzten Tagen hat die Gemeinde einen Grossbehälter mit einem stattlichen Baum nach Gümligen fahren lassen. Hinter der Tramhaltestelle ist es nun wenigstens etwas grün.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt