Im Zeitlabor ticken die Uhren anders

Wabern

Die offizielle Zeit wird hierzulande in Wabern gemessen. Von der nahenden Sommerzeit lassen sich die Atomuhren, die dort im Eidgenössischen Institut für Metrologie stehen, nicht aus dem Takt bringen.

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Stephan Künzi

Es ist Freitagmorgen kurz nach Viertel vor 9 Uhr. Jürg Nie­der­hauser, der Leiter des Stabs im Eidgenössischen Institut für Metrologie, öffnet die Tür zu einem Raum, der kaum anders aussieht als ein gewöhnliches Büro. Bildschirm reiht sich an Bildschirm und Computergehäuse an Computergehäuse, rundherum vervollständigen Schränke und Kabel sowie Displays mit flimmernden Anzeigen das Bild. Über allem leuchtet in sattem Rot ein Zifferblatt: Es ist 7 Uhr, 48 Minuten und 11 Sekunden.

Wie das denn sein kann, wo Viertel vor 9 Uhr doch vorbei ist? Jürg Niederhauser lächelt. «Wir geben hier die Weltzeit wieder», sagt er und zeigt auf das weisse Schild, das gleich über dem Display hängt. UTC steht hier für Universal Time Coordinated, zu Deutsch «koordinierte Weltzeit» – oder einfach nur Weltzeit.

Auch in der Nacht auf morgen Sonntag, wenn einmal mehr im ganzen Land die Uhren um eine Stunde auf Sommerzeit vorgestellt werden, wird die rote Anzeige auf dem Zifferblatt unbeirrt weiterlaufen, so, als ob nichts ­wäre. Und anschliessend statt einer Stunde Verspätung deren zwei anzeigen: Wenn es also am Sonntagmorgen offiziell kurz nach Viertel vor 9 Uhr ist, wird sie erst bei 6 Uhr, 48 Minuten und 11 Sekunden angelangt sein.

Herzstück im Untergrund

Im Institut, das früher Eidgenössisches Amt für Mass und Gewicht hiess und mit seinem markanten Turm den Siedlungsrand bei Wabern prägt, steigt Jürg Niederhauser die Treppe hinab ins Untergeschoss. Hier, wo kein natürliches Licht einfällt und auch sonst nicht annähernd so viel stört wie über Tag, befindet sich das Herzstück des Zeitlabors. Wieder fällt der Blick in einen Raum mit allerlei Gerät – vorerst aber geht es über einen leicht klebrigen Bodenbelag, der automatisch die gröbsten Verunreinigungen von den Schuhen zieht. Diesmal bleibt auch die Tür ­verschlossen. Nur eine konstante Temperatur garantiert den reibungslosen Betrieb im Innern.

Messbare Schwingungen

Zwei schmale Fensterscheiben geben die Sicht frei auf fünf unscheinbare Gehäuse, Atomuhren, wie Jürg Niederhauser sagt. Flugs greift er zu einem Modell mit zwei Polen, welches das unsichtbare Innere und damit sozusagen das Uhrwerk veranschaulicht. Cäsi­um-Atome werden hier einer Mikrowellenstrahlung ausgesetzt, es entsteht eine mess­bare Schwingung, und über sie wiederum ist die Zeit definiert. Eine Sekunde beträgt demzufolge das 9 192 631 770-Fache einer solchen Schwingungsperiode.

Landauf, landab orientieren sich die Bahnhof-, Schulhaus- und Kirchturmuhren am europäischen Zeitzeichensender nahe der deutschen Metropole Frankfurt am Main.

Diese Funktionsweise setzt vor­aus, dass die Atomuhren andauernd und notfalls auch unabhängig vom Netz mit Strom versorgt werden müssen. Die Geräte liefen sehr konstant, fährt Jürg Nieder­hauser fort – allerdings nicht ganz so präzise wie das weit grössere Modell im Raum nebenan. Sein Herzstück besteht aus einem veritablen Schrank und sein Zifferblatt aus einer stattlichen Glasvitrine. Es läuft nicht immer, dafür aber derart genau, dass, so zumindest der theoretische Wert, bis zu einer Abweichung von einer Sekunde ganze 30 Millionen Jahre verstreichen.

Funksignale aus Deutschland

Völlig unberührt von der Sommerzeit bleibt das Institut trotzdem nicht. Für die Anwender, die ihre Computer mit der offiziellen Schweizer Zeit synchronisieren, werden die Leute in Wabern in der Nacht auf Sonntag eine Stunde dazugeben – zu jener Stunde hinzu, die für die normale mitteleuropäische Zeit ohnehin bei der Weltzeit draufgeschlagen wird. Der Kreis der direkten Kunden bleibt trotzdem beschränkt. Der Grossteil der Computer bezieht seine Zeit anderswoher, und Ähnliches gilt übrigens auch für die Handys.

Nicht einmal mehr die öffentlichen Uhren stellen auf die offizielle Schweizer Zeit ab. Landauf, landab orientieren sich die Bahnhof-, Schulhaus- und Kirchturmuhren am europäischen Zeitzeichensender nahe der deutschen Metropole Frankfurt am Main. Dieser sendet permanente Funksignale aus und wird den Zeitwechsel auch heute Nacht wieder an den mit ihm ­verbundenen Geräten automatisch vollziehen. Früher besass die Schweiz ihren eigenen Sender. Dieser wurde aber vor sieben Jahren stillgelegt und anschliessend gesprengt. Der Bund sparte so eine 500 000 Franken teure Sanierung, was den Verantwortlichen umso sinnvoller erschien, als der Mast dezentral am westlichen Genfersee stand, von wo aus weite Teile der Schweiz gar nicht erreichbar waren.

Ebenfalls längst Vergangenheit sind die sprechende Uhr am Telefon sowie das legendäre Zeitzeichen vor den Mittagsnachrichten im Schweizer Radio. Basis war hier wie da die offizielle Zeit des Instituts in Wabern sowie des kantonalen astronomischen Observatoriums in Neuenburg, das früher dafür zuständig war.

Grundlage für den Meter

Wo bleibt also der direkte Nutzen für den hiesigen Alltag? Der ganze Aufwand rechtfertige sich sehr wohl, hält dem Jürg Nie­der­hauser entgegen. Nicht nur, weil sich die Schweiz so eine unabhängige Zeitmessung sichert. Und auch nicht nur, weil die Schweiz so im Konzert von weltweit rund 70 ähnlichen Labors ihren Beitrag an die Bemühungen um eine genaue Zeit leistet. Das Zeitlabor kalibriert auch Messgeräte, die in der Uhrenindustrie eine präzise Pro­duktion sicherstellen. Und stellt weiter den für andere Masseinheiten zuständigen Bereichen des Instituts wichtige Grundlagen zur Verfügung.

«Der Meter zum Beispiel», sagt Jürg Niederhauser, «wird heute nicht mehr durch ein festes Mass, sondern in Abhängigkeit von der Lichtgeschwindigkeit definiert.» Und dafür sei eine präzise Zeitmessung nötig.

Berner Zeitung

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