Im Rausch durch die Pfütze

Grosse Szenerie, grosses Spiel, grosse Trompete: Konzert Theater Bern zeigt «Mondlicht» von Harold Pinter.

Verbringt den Theaterabend im Bett: Stéphane Maeder als Andy mit Chantal Le Moign als Bel.<p class='credit'>(Bild: PD/Annette Boutellier)</p>

Verbringt den Theaterabend im Bett: Stéphane Maeder als Andy mit Chantal Le Moign als Bel.

(Bild: PD/Annette Boutellier)

Michael Feller@mikefelloni

Es kommt ja vor, dass nur schon das Bühnenbild den Theatereintritt lohnt. Zuletzt war das vor zwei Jahren so, als beim Besuch des deutschen Regie-Shootingstars Ersan Mondtag die Einrichtung zur Hauptattraktion von «Die Vernichtung» wurde.

«Mondlicht» ist mal wieder so ein Moment. Wobei die Bühne von Doreen Back hier nicht Schauspieler und Geschichte in den Schatten stellt, sondern schlicht und ergreifend perfekt ins «Mondlicht» aus dem Jahr 1993 von Harold Pinter (1930–2008) passt. Die Vidmar 1 steht unter Wasser. Einige Zentimeter sind es schon, die Personal und Requisiten benetzen. Ein Bett, ein Telefon, ein Rollstuhl, ein Rad, ein Kleiderständer.

Rührei für Miesepeter

Das Wasser trägt in Kombination mit der Dauerdämmerung (Licht: Rolf Lehmann) die wunderliche Atmosphäre im Text zwischen Traum und Wachzustand. Der britische Literaturnobelpreis­träger von 2005, Harold Pinter, beschreibt in «Mondlicht» den alten Miesepeter Andy (Stéphane Maeder), der einen Theaterabend lang im Sterben liegt.

Er streitet sich mit seiner Frau Bel (Chantal Le Moign), die ihm unmotiviert (aber spektakulär inszeniert) Rührei kocht. «Jetzt verscheissert sie mich auch noch, meine eigene Frau, an meinem Sterbebett!» Während er über sie herfällt, sehnt er sich erklärterweise nach seiner ehemaligen Geliebten Maria (Lilian Naef) und verspottet seine Söhne als «Schnorrer und Schmarotzer, sie saugen die Titten des Staates leer!».

Das alles mutet unwirklich an, und mehr als einmal am Abend fragt man sich, was das alles zu bedeuten hat und was sich da abspielt. Doch diesen rätselhaften Text will man hören. Klar wird, dass sich das Umfeld – die irr gewordene Tochter, die beiden Söhne, die Ex-Geliebte und der seltsame Freund Andys, Ex-Amateurfussball-Schiedsrichter Ralph (Andreas Matti) – am Patriarchen abarbeitet.

Es tut es in wirren Dialogen und surrealen Szenen. Alles fällt irgendwann mal ins Wasser. Die Spritzerei fördert ein expressives Spiel. Die Schauspielerinnen und Schauspieler stehen zwei geschlagene Stunden lang in der vidmargrossen Pfütze, auf der immer mehr Papierschiffchen treiben.

Trompeterin Sonja Ott, die mit ihrem Spiel entscheidend zur schauerhaft-schönen Stimmung beiträgt, hat die Schiffchen in ihren Spielpausen aus den Notenblättern gefaltet. Wer nicht glaubt, dass eine Solotrompete dem Leben den Tod einhauchen kann und umgekehrt: Ja, auch Otts Auftritt allein ist den Eintritt wert.

Gespaltenes Publikum

In Johannes Leppers Regiearbeit ragen Maeder und Le Moign heraus. Immer wenn sie spielen, blitzt aus dem Nebel die Klarheit hervor. Auch die weiteren fünf Rollen sind stark besetzt. Die HKB-Studierenden Sebastian Schulze und Daniela Luise Schneider halten auf dem hohen Level durchaus mit.

Trotz Bühne, Trompete und schauspielerischer Leistung: Das Premierepublikum scheint beim Applaus gespalten. Hier Bravorufe, dort verwunderte Gesichter. Wer im Theater eine stringente Handlung braucht, sehnt sich lange nach Orientierung. Für alle anderen ist es ein Erlebnis, mit Bildern, die nicht so schnell austrocknen.

Berner Zeitung

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