Im privaten Strafregister wegen 1.70 Franken

Bern

Wie weit dürfen Unternehmen beim Sammeln von Daten gehen? Ziemlich weit, wie die Geschichte eines 12-jährigen Ladendiebs zeigt, der an einen informationshungrigen Grossverteiler und dessen Detektiven geraten ist.

Auf frischer Tat ertappt: Auch bei einem geringen Warenwert – wie bei einem Energy Drink – bleibt ein Dieb fünf Jahre im privaten Register.

Auf frischer Tat ertappt: Auch bei einem geringen Warenwert – wie bei einem Energy Drink – bleibt ein Dieb fünf Jahre im privaten Register.

(Bild: Stefan Anderegg)

Cedric Fröhlich@cedricfroehlich

Die meisten würden die Aktion, die sich Patrik Y.* leistete, als klassische Jugendsünde, als Bagatelle bezeichnen. Er selbst nennt sie «eine grosse Dummheit». Passiert ist das ganze Ende April: 1.70 Franken kostet der Energydrink, den Patrik Y. in der Migros-Filiale am Bahnhof Bern mit­gehen lässt – «ich wollte einfach ausprobieren, ob es funktioniert».

Es funktioniert nicht. Eine Ladendetektivin ertappt den 12-Jährigen auf frischer Tat, packt ihn am Kragen und führt ihn anschliessend sanft, aber bestimmt in ein Hinterzimmer. Dort angekommen, will die Detektivin Name, Adresse, Geburtstag. Alles wird elektronisch erfasst.

Inzwischen ist die Mutter des Jungen eingetroffen, von der Detektivin erhält sie zwei Formulare vorgelegt: Die Migros sowie die Sicherheitsfirma der Detektivin möchten die Daten weiterverwenden. Obwohl die Mutter sich weigert zu unterschreiben, bleiben die Daten im System.

Ein Unrecht?

«Noch bevor ich überhaupt anwesend war, waren die Informationen schon verwertet», enerviert sich die Mutter rückblickend. «Mein Sohn hat gestohlen, da gibt es nichts zu beschönigen», stellt sie klar. Sie wäre jederzeit bereit, eine Umtriebsentschädigung zu bezahlen, auch eine Busse.

Die Tatsache, dass ihr 12-jähriger Sohn nun in «privaten Strafregistern» geführt werde, stört sie aber massiv. Insbesondere, da sie der Aufnahme nicht zugestimmt habe. In einem Schreiben an den Grossverteiler verlangt sie deshalb die Löschung der Daten: «Unrecht darf nicht mit Unrecht vergolten werden.» Ohne ihr Einverständnis sei das «Fichieren» nämlich genau das: ein Unrecht.

Dem widerspricht Francis Meier, Sprecher des eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten. Er erklärt: «Für das Sammeln persönlicher Daten braucht es nicht zwingend eine Einwilligung. Es gibt noch weitere Rechtfertigungsgründe.» Auch ein überwiegendes privates Interesse vermöge die Datenspeicherung zu rechtfertigen. Als Geschädigte habe die Migros in diesem Fall ihr «Hausrecht» durchsetzen lassen.

Migros-Sprecher Reto Wüthrich verdeutlicht, dass mit der Unterschrift «einzig die Kenntnisnahme bestätigt wird, dass die Daten elektronisch gespeichert und nach Ablauf von fünf Jahren wieder gelöscht werden». Im Gegenzug verzichte man bei Ersttätern darauf, die Polizei einzuschalten (siehe Kasten).

Ob die Durchsetzung des «Hausrechts» im vorliegenden Fall tatsächlich gerechtfertigt ist, müsse letztlich ein Richter entscheiden, so Francis Meier. Klar sei, dass bei der Datenbearbeitung der «Grundsatz der Verhältnismässigkeit» zu beachten sei, gerade in Bezug auf die Aufbewahrungsdauer. Entscheidend sei, wie mit den sensiblen Daten umgegangen werde. «Sie sollten exklusiv für interne Zwecke verwendet und nicht mit anderen Unternehmen geteilt werden.»

Reto Wüthrich versichert: «Diese Daten sind ausschliesslich für unsere eigene Verwendung gedacht.» Doch wie sieht es bei der Detektei aus, welche den Laden überwacht? Mark K. ist deren Geschäftsführer. Seine Mitarbeiterin war es, die Patrik auf frischer Tat ertappt hat.

Auf eine entsprechende Anfrage nimmt K. zunächst Stellung. Nach einigem Hin und Her zieht er seine Aussagen aber allesamt wieder zurück. Die plötzliche Zurückhaltung überrascht, gab sich K. doch bei anderen Gelegenheiten weit offener. So ging er bereits mit mehreren Zeitungen auf die Jagd nach Ladendieben – auch mit der Berner Zeitung. Damals gab er bereitwillig Auskunft über seine Arbeitsmethoden – und seine Kunden.

«Nie wieder»

Insgesamt 15 Grossverteiler, Mode- und Warenhäuser sowie Luxusketten würden in der Stadt Bern auf seine Methoden vertrauen, geht aus diesen Berichten hervor. Ziel sei es, den Tätern bereits vor dem Betreten eines Ladens auf die Schliche zu kommen. Dazu überwacht K. auch die Strassen der Stadt: Täglich sehe er Leute, die er schon beim Klauen ertappt habe.

Wer ihm verdächtig erscheine, dem folge er auch schon mal von Laden zu Laden, erzählte er damals. Die Diebeskartei des Detektivs dürfte entsprechend umfangreich sein. Auch für ihn gilt: Gesammelte Informationen darf er nicht uneingeschränkt weiterverwenden. Patriks Informationen kann er zwar an die Migros weiterleiten, den übrigen Kunden muss er die Daten allerdings vorenthalten – ausser er verfügt über eine Einwilligung.

Die Mutter behauptet, K. wolle die Daten sehr wohl teilen. So stehe das auf dem Formular, das ihr vorgelegt worden sei. Den Gegenbeweis bleibt K. schuldig. Bis zuletzt weigert er sich, das ominöse Formular offenzulegen. Es bleibt deshalb offen, was er mit den Informationen effektiv anstellt.

Patrik Y. beteuert derweil: «Stehlen werde ich nie wieder.» Er hoffe nur, dass seine «Dummheit» eines Tages in Vergessenheit gerate. Sein Name bleibt in den Systemen von Migros und Detektei. Beide Unternehmen haben eine Löschung abgelehnt.

* alle Namen von der Redaktion geändert

Berner Zeitung

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