Im Kolosseum

Zum ersten Mal fand im Berner Stadttheater eine Boxnacht statt. Mehr davon!

Vor der dritten Runde im Circus Maximus: Nach Alain Chervets Schlägen muss Edgar Jimenez kurz gepflegt werden. Foto: Iris Andermatt

Vor der dritten Runde im Circus Maximus: Nach Alain Chervets Schlägen muss Edgar Jimenez kurz gepflegt werden. Foto: Iris Andermatt

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Um Mitternacht fliesst erstmals Blut. Und auch erst um diese Zeit beginnen die Ränge des Berner Stadttheaters eigentümlich zu leuchten. Die Stimmung im Raum verändert sich. Plötzlich ist eine Gefahr zu spüren, eine Angst auch und eine Lust. In keinem anderen Moment des Abends passt die Kulisse besser zu dem, was da geboten wird: Das Stadttheater wird zum Kolosseum.

Operndirektor Xavier Zuber sagt es nach der Berner Boxnacht: «Boxen hat viel gemeinsam mit dem Theater. Das ist echt, das ist live. Die Kämpfer entblössen sich, das Publikum sieht alles – und: Man muss weitermachen, immer weitermachen. Fantastisch!» Zuber outet sich als grossen Boxfan und erzählt, wie er sich auch früher in Basel immer wieder Kämpfe angesehen hat.

«Kultur im Ring»

Tatsächlich ist es gerade diese Verletzlichkeit, die ein Boxkampf beim Zuschauen zum Erlebnis und zum Mysterium macht. Irgendwie wünscht man sich, dass Blut fliesst, gleichzeitig bangt man um die Menschen in diesem von Scheinwerferlicht grell ausgeleuchteten Ring. So ist die Frage eben nicht, ob ein Theater der richtige Ort dafür ist, einen Boxmatch zu zeigen. Vielmehr wundert man sich, warum das nicht öfter so stattfindet. Xavier Zuber meint: «Wenn es der Spielplan zulässt, gern wieder.»

Drei Jahre hat Boxpromoter Leander Strupler warten müssen, bis es im Stadttheater einen freien Abend gab und er seinen lang gehegten Traum, dort boxen zu lassen, verwirklichen konnte. «Kultur im Ring» heisst sein Konzept, das Boxen und Kultur an ungewöhnlichen Orten vereint. So veranstaltet Strupler seit ein paar Jahren auch die Boxing Days im Kursaal. 2016 liess er im Kubus von Konzert Theater Bern auf dem Waisenhausplatz kämpfen – mit integrierten Theaterelementen.

«Boxen hat viel gemeinsam mit dem Theater. Das ist echt, das ist live.»Xavier Zuber, Operndirektor Berner Stadttheater

Und jetzt, am Samstagabend also: «Boxen statt Theater» vor fast vollen Rängen. So viele kurze Hosen hat man im Berner Stadttheater wohl noch nie gesehen. Hinter und vor der Bühne sitzt das boxaffine Publikum, mitgereiste Fanclubs skandieren die Namen ihrer Idole.

Im ersten Rang ist schon mal das eine oder andere Hemd und glänzender Schmuck auszumachen. Im zweiten ist das Volk durchmischter – tatsächlich trägt dort jemand mit Plüsch verzierte Badelatschen. Im dritten Rang hängen die meist Jüngeren an den Smartphones und knabbern unbeeindruckt M&Ms.

Trotzdem sind das wohl an die siebenhundert Menschen, diean diesen Boxevent gekommen sind. Was nicht überrascht, war Bern doch immer schon eine Boxstadt. Unvergessen sind Berner Legenden wie der ehemalige Verdingbub Walter Blaser aus dem Haslital, der in den 1970er-Jahren durch seinen offensiven Kampfstil zum Publikumsliebling wurde.

Oder Enrico Scacchia, ein Star mit ebensolchen Allüren und berüchtigt unberechenbarem Charakter. Unvergessen auch Charly Bühler und sein Boxkeller an der Kochergasse, wo es Jazzkonzerte gab und Kunst ausgestellt wurde. Für Bühler war Boxen schon immer Kunst, der stilistisch perfekt ausgeführte Hieb etwa mit gekonnter Pinselführung und der Schlagabtausch im Ring mit Improvisationen zweier Jazzmusiker vergleichbar.

Vor allem Charly Bühlers Schützling Fritz Chervet war ein richtiger Ästhet unter den Boxern, sein Stil nahe an vollendeter Kunst. Dessen Neffe ist es nun, der 28-jährige Alain Chervet, der an diesem Samstagabend den Hauptkampf bestreitet und zeigt, dass es für den Boxsport keinen besseren Ort gibt als ein Theater.

Ungleiches Duell

Vor dem Hauptkampf aber musste erst die 40-jährige Bernerin Aniya Sekis für ihren Sieg gegen die Bulgarin Ivanka Ivanov ziemlich einstecken. Und gar richtige Theatralik gab es beim Kampf zwischen Ando Hakobian und Ricardo Silva um den Schweizer-Meister-Titel im Weltergewicht zu sehen, mitsamt verbalen Scharmützeln im Nachhinein.

Nun aber: Alain Chervet gegen Edgar «The Power» Jimenez (27). Ein ungleiches Duell, ist doch Chervet mindestens einen Kopf grösser als der Mexikaner. Ein Kampf im Halbweltergewicht. Acht Runden à drei Minuten. Zum ersten Mal an diesem Abend scheint ein K.o. möglich.

Es geht auf Mitternacht zu, und schon nach der ersten Runde ist Gefahr zu spüren. In der siebten geht der Mexikaner zu Boden, wird angezählt – macht aber weiter. Chervet dominiert klar den Kampf. Aber Jimenez’ Blick ist hoch konzentriert, suchend, manchmal flehend, dann eigentümlich amüsiert, unmittelbar darauf wieder hart, und plötzlich, plötzlich hat er gar etwas Zärtliches, Liebevolles.

Verbirgt dieser Blick das Mysterium des Boxsports, bei dem die Kämpfer das Gefühl des Auf-sich-allein-gestellt-Seins im Ring teilen? Zumindest drückt Edgar Jimenez’ Blick eine Art Verständnis aus. Verständnis für die Wut, die Brutalität des Gegners. Und all das, während dessen Fäuste nur so auf ihn niederprasseln, immer und immer wieder, bis Blut fliesst. Blut aus The Po­wer’s Nase.

Berner Zeitung

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