«Im Bereich Wohnen muss mehr gehen»

Finanzdirektor Michael Aebersold (SP) ist auch Herr über die städtischen Liegenschaften. Er will das Heft in der Wohnpolitik in die Hand und die Burgergemeinde in die Pflicht nehmen.

Herr über die städtischen Immobilien ist SP-Finanzdirektor Michael Aebersold.

Herr über die städtischen Immobilien ist SP-Finanzdirektor Michael Aebersold. Bild: Nicole Philipp

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Das Thema Wohnbaupolitik scheint die Berner Stadtregierung gerade zu beschäftigen.
Michael Aebersold: Der Eindruck stimmt. Der neue Gemeinderat forciert dieses Thema stärker als die vorherige ­Regierung. Eines unserer Legislaturziele lautet: «Die Stadt Bern ermöglicht vielfältiges Wohnen für alle.» Also muss im Bereich Wohnen mehr gehen als bisher.

Die städtischen Immobilien sind Ihrer Finanzdirektion angegliedert. Es fällt auf, dass Sie sich nicht allein auf die Verwaltung dieser Immobilien beschränken, sondern durchaus Ideen im Bereich Stadtplanung einbringen.
Das war für mich persönlich mit eine Motivation, die Finanz­direktion zu übernehmen. Hier kann man die städtische Wohnbaupolitik mitgestalten.

Die Stadtentwicklung ist beim Stadtpräsidenten angesiedelt. Dennoch möchten Sie auch in diesem Bereich mitreden.
Das ist so. Das Beste ist doch, wenn sich bei einem so zentralen Thema mehrere Direktionen zuständig fühlen und sich einsetzen. Ich treffe mich regelmässig mit dem Stadtpräsidenten und den Planern. Die Organisationsform ist nicht relevant. Man muss miteinander arbeiten können. Unkompliziert und schnell. Wichtig ist, dass wir vorwärtsmachen. So entsteht Dynamik.

Heisst das mit anderen Worten: Ihre bürgerlichen Vorgänger in der Finanzdirektion haben zu wenig gemacht?
Meine Vorgänger haben wohnbaupolitisch eine andere Stossrichtung verfolgt. Jetzt gilt es, die Priorität klar auf bezahlbaren Wohnraum zu setzen. Für mich als SP-Gemeinderat ist es natürlich einfacher, mich mit dieser Idee im rot-grünen Gemeinderat und Stadtrat durchzusetzen. Aber ich finde einfach, dass wir jetzt Gas geben müssen. Nehmen wir das Viererfeld: Die Abstimmung ist durch, die politischen Vorgaben sind da. Den städtebaulichen Wettbewerb gilt es nun möglichst rasch aufzugleisen.

Das tönt gut. In der Praxis bekommt man aber den Eindruck, dass es die Stadt beim Wohnbau keinem recht machen kann: Im einen Quartier beklagen die Bewohner steigende Mieten, im anderen wehren sie sich gegen Sozialwohnungen.
Wohnbau ist komplex. Die Stadt hat einen relativ kleinen Spielraum, um in den Wohnungsmarkt eingreifen zu können. Dort, wo wir ihn haben, müssen wir sicher sein, in welche Richtung die Wohnpolitik gehen soll.

Wohin soll sie gehen?
Was verschwindet, sind günstige Wohnungen. Die Aufgabe der Stadt ist es, dafür zu sorgen, dass nicht immer mehr Menschen mit tiefen Einkommen verdrängt werden. Nicht Aufgabe der Stadt ist es hingegen, Wohnungen im oberen Preissegment zu bauen.

Das würde heissen: keine Eigentumswohnungen auf dem ­Viererfeld, keine Wohnungen mit Service in Brünnen.
Das ist zu absolut. Es braucht auch solche Wohnungen. Und auch bei Projekten wie dem Viererfeld, bei dem die Stadt federführend ist, muss es möglich sein, Wohnungen im höheren Preissegment zu realisieren. Über das Ganze gesehen muss der Mix stimmen. Hohe Baurechtszinsen helfen uns bei der Finanzierung von bezahlbarem Wohnraum.

Bei den Sozialwohnungen, den günstigen Wohnungen mit Vermietungskriterien (GüWR) ist der Auftrag klar: Bis in acht Jahren soll es 1000 geben, doppelt so viele wie heute. Braucht es so viele?
Das Problem ist, dass wir mehr günstige Wohnungen mit Vermietungskriterien verlieren, als wir neue bauen. Im Prinzip bräuchten wir deshalb mehr als diese 1000 Wohnungen, damit das System funktioniert.

«Vielleicht gelingt es, dass auch die Bürgerlichen begreifen, dass 0,3 Parkplätze pro Wohnung in Bern keine Ideologie sind, sondern ausreichen.»Michael Aebersold (SP)

Weshalb?
Es wird niemand gezwungen, aus einer günstigen Wohnung auszuziehen, wenn er die Kriterien nicht mehr erfüllt, weil er zum Beispiel mehr verdient. Aber er muss dann die normale statt der vergünstigten Miete bezahlen. Die GüWR-Wohnung im eigentlichen Sinn fällt so aber weg.

Welches ist der Kernpunkt der gemeinderätlichen Strategie im Bereich Wohnbau?
Wir streben sozial durchmische Quartiere an. Das ist zentral für die Lebensqualität in einer Stadt. Wir wollen keine Ghettobildung – an einem Ort nur Eigentumswohnungen und an einem anderen nur Sozialwohnungen.

Sie geben das Stichwort: Im Breitenrain wehren sich langjährige Mieter. Sie haben die Kündigung erhalten, weil ihre Blöcke saniert werden und die Wohnungen anschliessend ins vergünstigte Segment fallen.
Natürlich habe ich Verständnis für diese Mieterinnen und Mieter. Tatsache ist: Alle sind dafür, dass günstiger Wohnraum bereitgestellt wird. Wenn es dann aber konkret wird und man direkt ­betroffen ist, schwindet das Verständnis. An der Attinghausenstrasse geht es um sieben Mehrfamilienhäuser mit 56 Wohnungen in einem Quartier, in dem die Preise steigen. Hier wird mit der Schaffung von GüWR-Wohnungen die Durchmischung nicht gefährdet, sondern aus Sicht des Quartiers erhalten.

Wer sehr wenig verdient, wird von der Stadt bei der Wohnungssuche unterstützt. Wer sehr viel verdient, hat eh kein Problem. Zwischen Stuhl und Bank fallen diejenigen zwischen den Extremen. Wie finden die in Bern eine bezahlbare Wohnung?
Bei diesem Segment kommen die Genossenschaften ins Spiel. Oder auch die Stadt, die mit ihrer Politik generell dazu beiträgt, günstigen Wohnraum zu schaffen – das ist nicht immer GüWR-Wohnraum, wie das Beispiel Stöck­acker zeigt. Hier hat die Stadt bewiesen, dass sie es selbst bestens kann: Ökologisch, durchmischt und bezahlbar bauen und vermieten. Das ist natürlich dort einfacher, wo uns das Land gehört. Die Burgergemeinde hätte diesen Vorteil an vielen Orten. Ich würde es begrüssen, wenn sie bei der Realisierung von günstigem Wohnraum künftig am gleichen Strick zieht wie wir.

Sind Sie unzufrieden mit der Burgergemeinde als Bauherrin?
(lacht) Im Moment bin ich vor allem unzufrieden mit dem Bund und dem Kanton. Deren Projekt für Business-Apartments in der ehemaligen Alkoholverwaltung in der Länggasse finde ich wirklich katastrophal. Es ist schon klar, dass im Einzelfall verschiedene Interessen vorhanden sind. Aber die grossen Player im Wohnbau sollten in einer Stadt am gleichen Strick ziehen. Ich denke, die Burgergemeinde ist heute offen – auch für genossenschaftlichen Wohnungsbau.

Das heisst, die Strategie der Stadt kann nur funktionieren, wenn die anderen Bauherren mehr oder weniger in die gleiche Richtung wollen?
Es wird einfacher. Gewisse Steuerungsmöglichkeiten wie die Wohninitiative haben wir schon. Aber Druck ist meiner Meinung nach nicht das richtige Instrument. Ich finde es klüger, die Partner von guten Ideen zu überzeugen, anstatt sie zu etwas zu zwingen.

Bern ist nicht allein mit diesen Problemen. Wie ist der Austausch mit anderen Städten?
Gerade im Zusammenhang mit dem Viererfeld sind wir in Kontakt mit Basel und Zürich. Zürich ist im Bereich genossenschaftlicher Wohnbau Bern weit voraus. Da können wir viel lernen.

Die Bürgerlichen kritisieren, dass in Bern die Objekte, also die Wohnungen, subventioniert werden und nicht die bedürf­tigen Personen. Stimmt für Sie das aktuelle System noch?
Ich finde dieses System richtig. Weil wir günstige Wohnungen zur Verfügung stellen, haben wir auch einen Effekt auf den gesamten Wohnungsmarkt. Je mehr günstige Wohnungen es gibt, desto mehr hat dies eine dämpfende Wirkung auf alle Mietpreise. Die Subjekthilfe braucht es zusätzlich; bestes Beispiel sind die Ergänzungsleistungen.

Ist die städtische Wohnpolitik gut aufgestellt für die kommenden Herausforderungen?
Mit der Ausgangslage und den Prognosen, die wir heute kennen, haben wir aus meiner Sicht den richtigen Weg eingeschlagen. Die anstehenden Grossprojekte wie das Viererfeld oder das Gaswerkareal sind eine riesige Chance für Bern. Und vielleicht gelingt es sogar, dass auch die Bürgerlichen noch begreifen, dass 0,3 Parkplätze pro Wohnung in Bern keine Ideologie sind, sondern schlicht ausreichen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.08.2017, 10:35 Uhr

Aebersolds Vorwärtsdrang

Fast unbemerkt war Michael Aebersold (55) vergangenen Herbst in die Stadtregierung gehuscht. Alles konzentrierte sich auf das Duell zwischen Ursula Wyss (SP) und dem heutigen Stadtpräsidenten Alec von Graffenried (GFL), doch am 27. November 2016 lächelte plötzlich mit geröteten Wangen auch «der Neue», als den sich Aebersold positioniert hatte, vom ­taufrischen Gemeinderatsbild.

Zusätzlich wurde der als graue Maus wahrgenommene Aebersold von der neuen Regierung an die Spitze der Finanzdirektion gesetzt, und es sah so aus, als hätte man dem Unscheinbaren das Undankbare zugemutet: seinen ausgabefreudigen Freundinnen und Freunden aus dem rot-grünen Lager klarmachen zu müssen, dass das Geld für ihre Eskapaden zu knapp ist.

Nach einem halben Amtsjahr lässt sich sagen: Michael Aebersold haucht der Rolle des städtischen Finanzdirektors neues Leben ein. 14 Jahre lang waren die Finanzen eine freisinnige Domäne und deshalb auch ein Ort des passiven Widerstands gegen die rot-grüne Machtausübung.

Unter dem oft heiteren Aebersold geht es nun anders zur Sache. Er versteht sich mindestens so sehr als gestaltenden Wohnbauminister wie als bremsenden Säckelmeister. Zum Gespräch mit dieser Zeitung erschien er mit Fernand Raval, dem Leiter von Immobilien Stadt Bern, weil er sich noch nicht ­sattelfest fühle. Raval musste kaum eingreifen und wirkte von Aeber­solds wohnbaupolitischem Vorwärtsdrang gar angesteckt. Nicht ausgeschlossen, dass die «graue Maus» plötzlich Charisma entwickelt.

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