Ihr Verein kämpft für Normalität

Ittigen

Jugendliche mit Trisomie werden praktisch nie in den normalen Arbeitsmarkt integriert. Andrea Kalsey will das ändern.

Andrea Kalsey will Menschen mit Trisomie 21 in den Arbeitsmarkt integrieren – davon würde auch Lukas Shaha profitieren. Foto: Franziska Scheidegger

Andrea Kalsey will Menschen mit Trisomie 21 in den Arbeitsmarkt integrieren – davon würde auch Lukas Shaha profitieren. Foto: Franziska Scheidegger

Annic Berset

Wenn man Lukas Shaha nach seinem Lieblingsfach in der Schule fragt, antwortet der 14-Jährige mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht: «Rechnen – aber nur mit dem Taschenrechner.» Schule, da geht es dem Jungen wie vielen anderen in seinem Alter, ist nicht unbedingt das, worüber er sich den lieben langen Tag den Kopf zerbrechen will.

Was danach kommt, davon hat Lukas Shaha aber eine ganz genaue Vorstellung: Wenn er gross ist, will er Lokführer der S2 sein, zwischen Laupen und Langnau hin- und herfahren. «Und wohnen werde ich in Spiez an der Bahnhofstrasse 1, so habe ich einen kurzen Weg nach Hause, wenn ich fertig bin mit Arbeiten», erklärt er bestimmt.

Es gibt eine Zeit im Leben von Jugendlichen, da wissen viele nicht, wohin ihre Reise gehen wird. Wo ihr Platz in der Berufswelt einst sein wird. Die allermeisten von ihnen landen irgendwann und irgendwo im Arbeitsmarkt. Sie schliessen verschiedene Ausbildungen, Lehrgänge oder ein Studium ab. Bei Lukas Shaha ist das hingegen alles andere als klar. Denn der Junge aus Oberwangen hat Trisomie 21, das Downsyndrom.

Vorbilder im Ausland

«Sobald die Schule abgeschlossen ist, landen viele Betroffene in geschützten Werkstätten, beziehen eine IV-Vollrente mit Ergänzungsleistungen und wohnen entweder weiter bei ihren Eltern oder in einem Heim», sagt Andrea Kalsey, deren Tochter auch mit Trisomie 21 lebt. Kalsey kritisiert, dass Menschen mit Trisomie 21 bis zur Volljährigkeit zwar mehr oder weniger Teil der Gesellschaft seien.

«Alles muss doppelt und dreifach abgeklärt werden, das macht viele Eltern müde.»Andrea Kalsey, Gründerin des Vereins Mensch 21! und Mutter einer Tochter mit Trisomie 21

Sie nehmen am Familienleben teil, haben Hobbys, manchmal können sie auch einen regulären Kindergarten oder den Beginn der Schulzeit in Regelklassen besuchen. Mit dem Eintritt ins Erwachsenenleben werde der Aufwand für die Integration jedoch um ein Vielfaches grösser, die Familien seien auf sich allein gestellt.

«Es ist nicht vorgesehen, dass sich Jugendliche mit Trisomie 21 auf dem ersten Arbeitsmarkt betätigen», sagt Kalsey. «Angehörige werden oft durch die viele Bürokratie behindert, alles muss doppelt und dreifach abgeklärt werden, das macht viele Eltern müde.» Viele hätten irgendwann nicht mehr gross Energie, um die Zukunft ihres Kindes zu planen.

Der grosse Zusatzaufwand entsteht etwa bei der Suche nach einem geeigneten Schulplatz. Und obwohl das Behindertengleichstellungsgesetz die Integration in die Regelschule vorsieht, sei das häufig von deneinzelnen Schulen oder garLehrpersonen abhängig, ob das Kind die Klasse besuchen kann.

Kalsey setzt sich dafür ein, dass im regulären Arbeitsmarkt Platz für Jugendliche mit Trisomie 21 geschaffen wird und dass es auch für sie normal wird, eine Ausbildung antreten zu können. Dieses Jahr hat sie deshalb den Verein Mensch 21! gegründet. «Mein Ziel ist es, ihnen Ausbildungen und Nischenarbeitsplätze anzubieten.»

Die Idee von einem Bistro, in dem die Jugendlichen arbeiten, hat sie in Frankreich, Italien, der Türkei oder den USA gesehen, wo sich das Konzept bewähre und bereits verbreitet sei. In der Schweiz hingegen seien solche Projekte speziell für Trisomie-21-Betroffene nicht vorhanden.

Trumpf ist Herzlichkeit

Auf die Frage, weshalb es genau Ausbildungen in der Gastronomiebranche sein sollen, hat Andrea Kalsey eine klare Antwort: «Essen und Genuss haben bei den allermeisten Trisomie-21-Betroffenen einen sehr hohen Stellenwert.» «Essen», das sei etwa das erste Wort ihrer kleinen Tochter gewesen, fügt sie mit einem Lächeln hinzu. Und auch Lukas Shaha erzählt gern, welches sein Lieblingsessen ist – Spaghetti carbonara mit viel Käse und Speck und Ketchup.

Andrea Kalsey ist überzeugt, dass die Jugendlichen sowohl im Service als auch in der Küche einer geregelten Arbeit nachgehen können. «Gerade mit ihrer offenen Art, ihrer Herzlichkeit und ihrer sozialen Ader passen sie sehr gut in dieses Berufsfeld.»

Am 24. August wird sie zum ersten Mal einen Gastro-Event durchführen. In der Moospinte in Münchenbuchsee werden Jugendliche mit Trisomie 21 mit anpacken, gemeinsam mit dem Restaurantpersonal kochen und bei allen Arbeitsabläufen eines ganz normalen Gastrobetriebs mitmachen. «Es ist schön, dass wir für diesen Anlass so grosse Unterstützung spüren, die Hälfte der Plätze ist bereits reserviert», sagt Kalsey.

Die Moospinte stellt das Lokal inklusive Personal kostenlos zur Verfügung. Bis der Verein Mensch 21! sein eigenes Bistro betreibt, soll dies der erste von vielen Anlässen dieser Art sein. Andrea Kalseys Vision ist es, dass die Organisation dereinst ein Bistro besitzt, wo die Jugendlichen in einem normalen Arbeitsumfeld arbeiten können.

Auch Lukas Shaha wird am 24. August in der Moospinte arbeiten. Er hat sich entschieden, im Service mitzuhelfen. «Servieren mit dem Plateau kann ich nämlich schon ganz gut», sagt der 14-Jährige selbstbewusst. Wenn er einmal gross ist, will er neben seinem Beruf als Lokführer auf der S2 zwischen Laupen und Langnau auch noch im Bistro des Vereins arbeiten.

Wenn man ihn reden hört, kann man gar nicht anders als sich vorstellen, dass er genau das machen wird.

Infos zum Anlass und zum Verein unter: www.mensch21.ch

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