«Ich will stundenlanges Büffeln vermeiden»

Bern

Einfache, kurze Übungen, die dem Kind einErfolgserlebnis vermitteln: Das Projekt Lernavanti setzt auf niederschwellige Übungen. In Zeiten von Burn-outs im Klassenzimmer ein vielversprechendes Konzept.

<b>Romeo Pfammatter</b> ist der einzige Lerncoach der römisch-katholischen Kirche Bern.<p class='credit'>(Bild: Christian Pfander)</p>

Romeo Pfammatter ist der einzige Lerncoach der römisch-katholischen Kirche Bern.

(Bild: Christian Pfander)

Esmeralda ist nervös. Während Romeo Pfammatter die Übung erklärt, beisst sich das Mädchen auf die Unterlippe. «Wenn du eine Lösung nicht weisst, ist das nicht schlimm», beruhigt der Lerncoach.

Er zieht eines der Kärtchen aus dem Behälter auf dem Tisch und liest die Rechnung darauf vor: «Was gibt sechs plus drei?» Esmeralda ist überfordert, Pfammatter muss helfen: «Neun.» Nachdem sie begriffen hat, stellt er die Frage erneut: «Was gibt sechs plus drei?»

Insgesamt viermal löst das Mädchen dieselbe Rechnung, bevor der Pädagoge abrupt das ­Thema wechselt: «Was hattest du eigentlich heute zum Mittagessen?» Esmeralda muss kurz überlegen: «Tortellini.» – «Mit Sauce?» – «Ja, Tomatensauce.» Ein zufriedenes Lächeln huscht über Pfammatters Gesicht: «Fein! Und was gibt sechs plus drei?»

Für Esmeralda, die Schwierigkeiten mit dem Rechnen hat, ist diese Übung perfekt. Sie muss sich kaum anstrengen und hat ­jedes Mal ein Erfolgserlebnis, wenn sie die richtige Antwort gibt. «Die Mutter des Erfolgs ist die Wiederholung», meint Romeo Pfammatter.

Für die Freude am Lernen

Mit seinem Projekt Lernavanti will der 46-Jährige lernschwachen Kindern das Lesen, Schreiben und Rechnen erleichtern. Wenn sie diese Grundfertigkeiten beherrschen würden, hätten sie auch eine solide Basis für gute Leistungen: «Wer blitzschnell rechnet, flüssig liest und sicher schreibt, fühlt sich auch insgesamt kompetenter.»

Romeo Pfammatter ist seit 2013 als Lerncoach bei der römisch-katholischen Kirche Bern tätig. Dass er sich dabei voll auf Lernavanti konzentrieren kann, ist nicht selbstverständlich: «Ich bin damals mit der Idee für das Projekt auf die Pfarrei in Bern-West zugekommen.» Sein Angebot ist einzigartig in der Stadt Bern und wird nicht nur von Katholiken, sondern auch von Andersgläubigen genutzt.

«Die Mutter des Erfolgs ist die Wiederholung.»Romeo Pfammatter

Heute betreut er jede Woche rund 25 Kinder. «Manchmal sitzen sie bei mir im Büro und weinen, weil sie in der Schule und zu Hause überfordert sind.» Deshalb seien die kleinen Lernerfolge so wichtig: Sie gäben dem Kind das Gefühl, etwas erreicht zu haben, und würden so sein Selbstbewusstsein steigern.

In einer Zeit, in der von Burn--out im Klassenzimmer die Rede ist, scheint Pfammatters Ansatz vielversprechend. Wenn man die Übungen täglich wiederhole, werde das Kind nicht nur kontinuierlich besser – «es hat auch immer mehr Freude am Lernen».

Deshalb möchte Pfammatter seine Erfahrungen nun auch an Eltern weitergeben, die nicht im Berner Westen wohnen: Seit einigen Monaten stehen auf Youtube kurze Videos zur Verfügung, in denen der gebürtige Walliser verschiedene Übungen präsentiert. Jede dauert maximal zehn Minuten. «Ich will stundenlanges Büffeln vermeiden», so Pfammatter, «viel wichtiger ist eine entspannte Lernatmosphäre.»

Ein Stück Integrationsarbeit

Das Angebot des studierten Pädagogen richtet sich an Eltern von lernschwachen Kindern. «Im Westen Berns bin ich goldrichtig», ist er überzeugt. In Bümpliz und Bethlehem gibt es viele Familien mit Migrationshintergrund. Wichtig sei deshalb ein mehrsprachiges Angebot: Aktuell ar­beitet Pfammatter daran, seine Videos auf möglichst viele Sprachen zu übersetzen.

«Das Projekt leistet gewissermassen auch ein Stück Integrationsarbeit», erklärt der Pädagoge. «Für albanische Familien etwa ist es sehr wichtig, dass ihre Kinder gute Noten nach Hause bringen.» Diesen erkläre er dann, dass das Verhalten im Unterricht entscheidender sei. «Wenn die Kinder konzentriert aufpassen und mitmachen, verbessern sich automatisch auch ihre Noten.»

Romeo Pfammatters Übungen sind nicht nur kurz und niederschwellig. «Ein wichtiges Element ist der eigene Fortschritt», erklärt der zweifache Vater. Um das positive Erlebnis der Kinder zusätzlich zu stärken, rät Pfammatter ausserdem zu gelegentlichen Belohnungen. «Keine materiellen Dinge wie Geld oder Spielzeug», präzisiert er, «viel besser ist zum Beispiel ein gemeinsamer Tag im Zoo oder zusammen spielen.»

So stärke man auch die Bindung zwischen Eltern und Kind. Diese Botschaft liegt ihm besonders am Herzen: Kinder mit Lernschwierigkeiten seien auf Bezugspersonen angewiesen. «Die Kinder wollen Lehrern und Eltern gefallen. Wenn sie für ihre Bemühungen wertgeschätzt werden, steigt die Motivation zum Lernen.»

Esmeraldas weiss die Antwort auf Pfammatters Frage mittlerweile wie aus der Pistole geschossen: «Neun!» Der Lerncoach ist zufrieden: «Sehr gut!» Er legt die Karte beiseite und holt die nächste hervor: «Was gibt neun plus acht?»

Berner Zeitung

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