«Ich muss die Rolle des ­sympathischen Losers aufgeben»

Der YB-Fan und Kabarettist Bänz Friedli muss den Running Gag der ewigen Verlierer von YB aus seinem Programm streichen und sich vom schönen Leiden verabschieden. Er findet aber, der Titel helfe gegen die Berner Larmoyanz.

Kann nicht mehr mit YBs Scheitern erheitern: Kabarettist und YB-Fan Bänz Friedli.

Kann nicht mehr mit YBs Scheitern erheitern: Kabarettist und YB-Fan Bänz Friedli.

(Bild: Marco Zanoni / Lunax)

Stefan von Bergen@StefanvonBergen

YB ist Meister. Herr Friedli, ist das für Sie ein Freudentag?Bänz Friedli:Ja klar.

Mehr haben Sie nicht zu sagen?Als Kabarettist habe ich nun das Problem, dass ich in meinem Programm «Ke Witz» YB nicht mehr als Running Gag verwenden kann. Mein Refrain lautete: «YB wird ja glich nie Meischter». Als ich 2016 damit startete, dachte ich: Jetzt ist es schon 30 Jahre so gewesen, und ich spiele das Programm bloss 2 Jahre. Dann zeichnete sich im letzten Herbst YBs Erfolgssträhne ab, und ich realisierte, dass ich wohl was ändern muss.

Reut Sie das?Ich wäre ja ein Löu! Aber es war halt schön, zum Trost jeden Abend vor Publikum über YBs Scheitern reden zu können. Im ganzen Land fanden es die Leute härzig und hatten Mitleid. Von Basel bis St. Gallen hörte ich nie Häme. Ich spiele mein Programm noch bis Juni und werde nun offenlegen, dass der YB-Refrain nicht mehr funktioniert.

«Es war halt schön, zum Trost jeden Abend über das Scheitern von YB reden zu können.»Bänz Friedli

Unerfüllte Sehnsüchte treiben uns an im Leben. Wie ist das für Sie, seit sich die Sehnsucht nach dem YB-Meister-Titel erfüllt hat?Die Berner Larmoyanz hat mich schon länger genervt. Wenn Kuno Lauener am Radio sagte, Rang 2 sei auch «suberi Büez», hätte ich am liebsten in das Radio gebissen. Man kann mir natürlich vorwerfen, ich hätte nach 20 Jahren in Zürich dessen grosskotzige Winnermentalität angenommen. Als ich neu nach Zürich kam, feierten meine FCZ-Fan-Kollegen alle paar Jahre einen Titel. Ich dachte dann immer: Ich möchte auch mal. Nun realisiere ich, dass ich dafür die Rolle des sympathischen Losers aufgeben muss.

Wie äussert sich das?Im Training des Amateurteams, in dem ich spiele, werde ich plötzlich gehasst. Die FCZ-Fans sagen: Wir wollen den Cupfinal nicht auf eurem blöden Plastikrasen spielen. Die arroganten Hassfiguren zu sein, sind wir YB-Fans uns seit 32 Jahren nicht gewohnt. Ein neues Gefühl.

Spüren Sie nun nach 30 Jahren die Entlastungsdepression?Es ist wie der Moment, als ich erfuhr, dass ich als Kabarettist den Salzburger Stier erhalte. Da erwarteten alle von mir ein überschäumendes Gefühl, ich aber fühlte mich nur leer. Mit YB geht es mir jetzt ähnlich, ich weiss noch gar nicht, wie das geht, Meister zu sein.

Ist Erfolg banal?Künstlerisch gesehen sind die Melancholie und das ewige Scheitern natürlich interessanter. Das schönste YB-Lied kann man jetzt nicht mehr so richtig bringen: den melancholischen Song von Züri West mit dem Refrain «Hüt hei si wieder mau gwunne». Was ja hiess: Nächsten Sonntag verlieren sie eh wieder.

«Die arroganten Hassfiguren zu sein, sind wir YB-Fans uns seit 32 Jahren nicht gewohnt.  Ein neues Gefühl.»Bänz Friedli

Man könnte auch einen positiven Kraftsong über YB schreiben. Oder geht das nicht?Vielleicht sollten Berner Musiker aller Generationen von Rapper Baze über Jeans for Jesus bis Züri West einen All-Star-YB-Song machen.

Kommt Ihnen dafür schon ein Refrain in den Sinn?Ich überlege noch. Ein Ansatz ist vielleicht ein SMS an einen Kol­legen: «Hütt hei si scho wieder gwunne!»

Ist der Meistertitel für Sie wie ein Abschied?Ich hatte mich schon vor dieser Saison emotional etwas von YB distanziert, um mich vor einer erneuten Enttäuschung zu schützen. Der Autor Pedro Lenz sagte von der ersten Runde an: Jetzt werden wir Meister. Ich aber sagte: Pedro, pass auf! Nun erwischt mich der Titel ein wenig auf dem falschen Fuss.

Verändert dieser Titel Bern?Dass dieser Titel die ganze Stadt verändern soll, wäre wohl etwas viel verlangt. Es tut Bern sicher gut, wenn es sich von seinem Selbstmitleid befreien muss, in das es sich richtiggehend verliebt hat. Man gefällt sich ja in Bern in der Rolle der herzigen Verlierer, die vom Finanzausgleich leben, dafür aber die angeblich schönste Badi der Welt haben. Mich amüsierte stets, dass der SCB etwas total anderes lebt. Sein Chef Marc Lüthi sagt seit Jahren: Wir wollen gewinnen, wir sind die Besten. Ein Wunder, ist Lüthi kein ­Zürcher.

Was kann Bern von ihm lernen?Dass eine andere Berner Mentalität möglich ist.

Ist der Sieg der Gelb-Schwarzen auch Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins im rot-grünen Bern?Nein, das ist doch Zufall. Und Gelb-Schwarz sind meines Wissens die Farben der BDP.

Ist Bern nun die Sporthauptstadt der Schweiz?Jedenfalls meldet sich Bern zurück. Wenn man in den letzten Jahren vom Spitzenkampf las, war das immer Zürich gegen Basel. Jetzt ist Bern wieder in den Triangel Zürich-Bern-Basel aufgerückt. Das ist für Bern und das ganze Land gut.

Das YB-Geld kommt aber aus Zürich, von den Gebrüdern Rihs. Lässt Zürich in Bern gewinnen, weil hier der Fussball besser und die Begeisterung grösser ist?Auch das ist eher Zufall. Wegen all der Dopingfälle wurde der Radsport den Rihs-Brüdern zu heikel. Sie suchten dann eine weniger gefährliche Geldanlage. Das ist für mich einer der Zwiespalte, die man als Fussballfan jonglieren muss: naive Begeisterung zu vereinbaren mit den enormen Geldflüssen, die man immer weniger ausblenden kann.

«Fan sein heisst, an ein Gefühl zu ­rühren, das man als kleiner Bub schon hatte.»Bänz Friedli

Zürich ist auch ohne Fussball­titel die Nummer 1 der Schweiz. Zeigt das, dass Fussball überschätzt wird?Natürlich wird er das! Das gilt auch für mich. Bei den beiden Finalissimas, die YB vergeigt hat, habe ich in der Nacht vor dem Spiel noch in YB-Bettwäsche geschlafen. Das kommt mir heute kindisch vor. Fan sein heisst allerdings, an ein Gefühl zu rühren, das man als kleiner Bub schon hatte. Das übersichtliche Fussballspiel ist eine Flucht aus der komplizierten Welt. Man sollte einfach nicht vergessen, nach dem Spiel das Hirn wieder einzuschalten.

Kommen Sie von Zürich immer noch an jedes YB-Heimspiel?Nein, seit 2 Jahren habe ich keine Saisonkarte mehr. Weil ich halt am Abend oft Auftritte habe. Ich gebe zu, dass ich in der Saison 17/18 mehr Frauenfussballspiele als YB-Spiele besucht habe.

Organisieren Sie immer noch den Peacely-Dorfcup in Ihrer Heimatgemeinde Wohlen bei Bern?Heuer zum 38. Mal!

Die kleine Fussballbühne der Amateure und der Frauen behagt Ihnen also mehr als die grosse Bühne, auf der nun YB reüssiert hat?Diese Haltung ist ja schon Mainstream. Das Fussballmagazin «11 Freunde» titelte vor der EM: «Es lebe die Kreisliga!». Wir haben die Sehnsucht, dass Fussball weniger aufgepumpt wäre von Geld aus Katar und Russland oder den aberwitzigen TV-Summen der korrupten Fifa. Privat hat Fussball für mich eine Riesenbedeutung. Ich beginne meine 20. Saison in der Alternativliga bei meinem Zürcher Verein. Ich bin der Älteste der Liga. Das ist für mich eine Heimat. Und im Frauenfussball spürt man noch mehr von dieser Unverdorbenheit.

Können Sie sich als Fan an besondere Tiefpunkte erinnern, als YB im alten Wankdorfstadion gegen den Absturz ankämpfte?Ich sah grottenschlechte Kicks in Chiasso und Wettingen, tauchte mit in die Nationalliga B, kommentierte 12 Jahre lang vom Platz D52 auf der Pressetribüne aus Spiele. Jene Tiefpunkte verklären wir gern. Dabei müsste man den Wankdorf-Nostalgikern zurufen: Es war ein hässliches Stadion, zerfressen vom Betonkrebs. Dennoch: Die bittersten Erinnerungen sind die beiden verlorenen Finalissimas.

Können Sie zum Schluss noch bestätigen, dass ich mit dem Fussballer Steve von Bergen nichts zu tun habe?Gerne. Anders als Steve von Bergen mit seinem Kauderdeutsch können Sie sich verständlich ausdrücken. Er macht dafür blitzsaubere Tacklings.

Bänz Friedli (53)ist in Uettligen bei Bern aufgewachsen. Bevor er Kabarettist wurde, war er Jungpolitiker in Wohlen BE, Radiojournalist sowie Kultur- und Sportredaktor bei der Berner Zeitung. Er lebt mit seiner Familie seit 20 Jahren in Zürich.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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