«Ich hole das Publikum mit Geschichten aus Bern»

Bern

Berner Geschichten, neues Personal, viele Uraufführungen: Der neue Schauspielchef von Konzert Theater Bern, ­Cihan Inan (48), wagt viel in seiner ersten Saison. Geht das auf?

Theater abseits der Erwartungen: Cihan Inan stellte am Mittwoch seine erste Schauspielsaison in Bern vor.

Theater abseits der Erwartungen: Cihan Inan stellte am Mittwoch seine erste Schauspielsaison in Bern vor.

(Bild: Beat Mathys)

Michael Feller@mikefelloni

Die letzte Sanierungsetappe im Stadttheater läuft, der Umbau im Kultur-Casino steht an. Am Mittwoch orientierte Konzert Theater Bern (KTB) über die neue Spielzeit – in der ehemaligen Kornhauspost, einer weiteren baldigen Bau­stelle: Bis Ende Jahr soll dort das neue Theatercafé entstehen. Auch die nächste Saison wird also geprägt sein von der Bautätigkeit.

Doch das Thema Nummer eins: Theater- und Filmregisseur Cihan Inan, der neue Schauspielleiter, stellt seine erste Theatersaison am Haus vor. Der gebürtige Burgdorfer mit türkischen Wurzeln steckt mitten in den Dreharbeiten zu einem Film, den er noch abdreht, bevor der Theaterbetrieb im Herbst losgeht.

Cihan Inan, sie kommen vom Filmdreh. Wie läufts?
Cihan Inan: Ein Scheisswetter haben wir. Aber es läuft gut.

Was ist es für ein Film?
Er heisst «Zone Rouge». Wir drehen in Muri bei Bern. Ich habe das Drehbuch vor vier Jahren geschrieben, und seither haben wir um die Finanzierung gekämpft. In 18 Tagen muss der Film im Kasten sein. Jede Überstunde beim Dreh kostet 10'000 Franken. Bei Konzert Theater Bern sprechen alle schon fast euphorisch über Sie.

Warum eigentlich?
Ich glaube, ich bin eine ange­nehme Person. (lacht) Kommunikativ, konsensorientiert, nicht konfrontativ. Ich versuche, nicht programmatisch, sondern pragmatisch zu sein.

Was für ein Werbespot!
Gell!

Sie haben KTB letzte Saison kennen gelernt. Was hat Ihnen am besten gefallen in der vergangenen Spielzeit?
Das Theaterstück «Penelope» hat mir sehr gut gefallen, obwohl man es schmerzhafter und tiefer hätte machen können. Es war eine kompakte Inszenierung. Und Claudia Meyers Fassbinder-Inszenierung hat mir gefallen. Sie hat einen interessanten Zugriff gewählt für das schwierige Stück «Katzelmacher».

Claudia Meyer ist die meistkritisierte Regisseurin in Bern in letzter Zeit. Sie ist eine der wenigen, die weiterhin inszenieren. Wieso?
Vielleicht gerade deshalb. Sie hat einen ähnlichen Blick auf die ­Sache wie ich. Ich schätze sie als eine hochintelligente Persönlichkeit. Sie kann sehr gut Schauspieler führen und hat Visionen.

Vor einem Jahr kündigten Sie an, dass Ihre Berner Regiearbeit für «Der Mondkreisläufer» in der laufenden Saison eine Idee fürs künftige Theater geben werde. Bleiben Sie dabei?
Ja. Es war eine abstrakte Arbeit, auch vom Bühnenbild her. Die Regieteams und die Stoffe, die ich für die nächste Saison geholt habe, sprechen tendenziell diese Sprache.

Sie bringen sieben Uraufführungen, plädieren für Abstraktion und arbeiten mit vielen neuen Leuten. Wieso tun Sie sich so viel Risiko an?
Stimmt eigentlich. Ich hatte freie Hand und habe die Möglichkeit genutzt, einen Spielplan nach meinen Ideen aufzustellen.

Wie wollen Sie damit Publikum holen? Letztlich werden Sie daran gemessen.
Mit Berner Geschichten. Mit «Die Akte Bern» über die Fichenaffäre etwa oder mit dem Musical «Coco» über die Berner Transsexuelle, die sich vor 20 Jahren das Leben nahm. Auch Christian Krachts «Die Toten» spielt in Bern. Dass wir diese Uraufführung haben, ist grossartig. Ich mochte die Gelegenheit, nach Berner Geschichten zu graben. Und dann bringen wir den «Verdingbub» zum ersten Mal auf eine Theaterbühne. Für mich ist das kein Wagnis. Ich hoffe vielmehr, damit zu erreichen, dass Stadttheaterbesucher auch mal in die Vidmarhallen gehen. Das Publikum der beiden Häuser unterscheidet sich noch immer stark.

Ihrer Vorgängerin Stephanie Gräve wird ein Distanzproblem nachgesagt. Anderswo führen Schauspielchefs mit harter Hand. Wo stehen Sie – Kumpeltyp oder Tyrann?
Ich bin weder Tyrann noch Saufkumpan, gar nicht. Das Theater ist ja ein spannendes Umfeld, aber ich habe auch ein Privat­leben. Mir ist es aber wichtig, das Team zu pflegen. Ich bin eine Respektsperson gegenüber den Schauspielern, sie wissen, dass ich gewisse Dinge zu entscheiden habe. Doch ich will auch vermitteln, wenn es sein muss, etwa zwischen Schauspielern und Regisseuren.

Wollen Sie eingreifen in die Produktion?
Ich werde bei der Erarbeitung der Stücke präsent sein. Ich will sehen, was gemacht wird. In allen elf Premieren wird man sehen, dass ich ein Auge darauf habe, dass das Produkt am Schluss stimmig ist.

Sie haben im Ensemble einige Stellen neu besetzt. Worauf haben Sie bei den Neuen geachtet?
Ich musste neue Ensembleleute holen. Dabei habe ich darauf geachtet, dass wir altersmässig mehr Möglichkeiten erhalten. Das Ensemble war zu jung. Also habe ich ältere Schauspielerinnen wie Chantal Le Moign oder Grazia Pergoletti geholt. Das hat seinen Preis: Gestandene Kräfte sind teurer als Abgänger der Schauspielschulen.

Sie sind schon wieder auf dem Sprung zu den Dreharbeiten für Ihren Film. Was bringen Sie vom Film mit, von dem das Theater profitieren kann?
Man arbeitet ständig mit 50 Leuten gleichzeitig zusammen, muss schnell denken und alles unter einen Hut bringen. Und wenn das Wetter schlecht ist, muss man flexibel sein und neue Lösungen finden. Man hat einen strengen Zeitplan und muss auch noch für gute Stimmung sorgen. Die Ruhe in der Hektik zu behalten, ist sicher eine Stärke, die ich auch hier einbringen kann.

www.konzerttheaterbern.ch

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt