«Ich habe die Kamera geschnappt und einfach funktioniert»

Bern

Der langjährige BZ-Fotograf Andreas Blatter war als einer der Ersten bei der Unglücksstelle, als es vor 20 Jahren am Nordring zu einer gewaltigen Explosion kam.

Wie haben Sie den 5. November 1998 erlebt?
Kurz vor 17 Uhr gab es einen mega Knall. Das ganze BZ-Gebäude, gleich gegenüber der Garage am Nordring, wurde erschüttert. Ich schaute sofort aus dem Fenster, konnte aber wegen der grossen Staubwolke nichts sehen.

Was war Ihr erster Gedanke?
Ich dachte: Ist jetzt Krieg ausgebrochen? Gab es einen Terroranschlag? Oder ist ein Flugzeug abgestürzt? Als sich die Dunstwolke verzog, sah man das zusammengebrochene und offene Gebäude. Man konnte direkt in die Küchen und die anderen Räume der Wohnungen blicken.

Wie haben Sie reagiert?
Ohne zu zögern, habe ich meine Kamera geschnappt und bin sofort rausgeeilt. Leute schrien. Auf der Strasse lagen verletzte Menschen. Ich sah, dass sie von Passanten betreut wurden, zum Teil auch von BZ-Mitarbeitern, die eine Sanitätsausbildung hatten. Ich habe sodann begonnen zu fotografieren, zusammen mit einem Fotografenpraktikanten. Ich habe einfach funktioniert.

Wie ging es weiter?
Irgendwann sind wir ins Büro zurückgekehrt. Erst da realisierten wir langsam, wie viel Glück wir hatten. Es ist enorm tragisch, dass 5 Menschen starben und 29 Leute zum Teil schwer verletzt wurden. Es hätte aber noch viel schlimmer ausgehen können. Just als das Haus explodierte, fuhr ein vollbesetzter Bus am Gebäude vorbei.

Hatte die Explosion auch Auswirkungen auf das BZ-Büro?
Ja. Das Büro der Fotografen befand sich damals im vierten Stock, ich sass am Fenster in Richtung Seelandweg. Ein Teil der Bodenkeramik der explodierten Autogarage durchschlug bei uns die Doppelverglasung. Hätte mir der Praktikant nicht per Zufall zum Zeitpunkt der Explosion an meinem Arbeitsplatz eine Frage gestellt, wäre er wohl von diesem Teil getroffen worden. Die Fenster wurden durch die Druckwelle regelrecht aufgedrückt.

Zogen Sie selber auch einen Schaden davon?
Erst Tage nach dem Unglück realisierte ich ein Pfeifen auf einem und ein Rauschen auf dem anderen Ohr. Ich ging zum Arzt, danach zum Spezialisten. Seither muss ich mit einem Tinnitus leben. Zum Glück kann ich gut schlafen. Wenn aber mehrere Leute, etwa in einer Beiz, zusammen reden, kann ich die Stimmen nicht voneinander trennen und muss von den Lippen ablesen. Bei grossem Geräuschpegel muss ich mich stark konzentrieren und werde rasch müde. Ich hatte aber Glück im Unglück.

Wie war die Stimmung bei den BZ-Mitarbeitern?
Bei einigen brach zuerst Panik aus. Alle waren betroffen und voller Trauer. Und trotzdem mussten wir professionell über das Unglück berichten. Der Aufenthaltsraum im ersten UG des BZ-Büros wurde zum Hauptquartier der Feuerwehr und der Polizei umfunktioniert. Dort fanden auch die Pressekonferenzen statt. Ich erinnere mich, dass sie die Konferenzen extra so terminierten, dass die Helfer draussen in Ruhe die Leichen in Aluminiumsärgen abtransportieren konnten.

Hatte die Explosion Auswirkungen auf die Produktion der Zeitung?
Natürlich war es hektisch auf der Redaktion. Damals befand sich die Druckerei noch im ersten Untergeschoss am Dammweg 9. Die Explosion respektive die Druckwelle war dermassen gross, dass die Druckmaschine um einen Millimeter verschoben wurde. Das spielte aber meines Wissens keine Rolle.

Waren Sie auch im explodierten Gebäude zum Fotografieren?
Nein, das war nicht möglich. Alles war grossräumig abgesperrt. Aber das hätte ich auch gar nicht gewollt. Ich bin keine «Kriegsgurgel», die möglichst nahe ran muss. Primär wollte ich helfen. Ich stand unter Schock. Aber klar hatte ich auch meine Kamera dabei. Es war mein Job, alles, was um mich herum passierte, zu dokumentieren. Später telefonierte ich mit meiner Familie, um mitzuteilen, dass es mir und den BZ-Kollegen gut gehe.

Wie viele Bilder haben Sie damals gemacht?
Es müssen mehrere Hundert gewesen sein, aber das war alles noch auf Film und nicht digital. Gute Pressefotografie misst sich aber nicht an der Anzahl von Bildern, die gemacht werden, sondern an deren Wirkung.

Wie haben Sie die Erlebnisse verarbeitet?
Als ich einige Tage später realisierte, welch Glück ich hatte, kam auch eine gewisse Erleichterung auf. Als Pressefotograf kommt man ab und zu in Situationen, in denen man einfach funktionieren muss und erst im Nachhinein merkt, was eigentlich abging.

Gab es in Ihrer Karriere vergleichbare Einsätze?
Zum Glück geriet ich nicht oft in solche Situationen. Ich erinnere mich aber noch an einen Unfall im Weissenbühl, als ein Kind von einem Zug erfasst wurde. Oder an einen Flugzeugabsturz im Grauholz, als drei Holländer ums Leben kamen. So etwas wie am Nordring erlebte ich aber glücklicherweise nie mehr.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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