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«Ich fühle mich wie wiederbelebt»

Die aserbeidschanische Journalistin ­Tahmina Tagizade lebt im ­politischen Exil in Bern. Dank dem kleinen städtischen Integrationsprogramm Bernetz hat sie aus ihrer Isolation gefunden – und an der Universität ein Studium angefangen.

Jürg Steiner
«Ich werde alles geben, um das Studium zu schaffen.» Die Aserbaidschanerin Tahmina Tagizade im Lichthof des Uni-S-Gebäudes.
«Ich werde alles geben, um das Studium zu schaffen.» Die Aserbaidschanerin Tahmina Tagizade im Lichthof des Uni-S-Gebäudes.
Raphael Moser

«Mein Leben hat sich komplett verändert», sagt Tahmina Tagizade (35). Sie meint ihr noch junges Leben hier in Bern.

Im Februar dieses Jahres traf diese Zeitung die renommierte aserbeidschanische Journalistin und ihren Partner, den Dokumentarfilmer Lachin Mamishov, in einem Café in der Stadt. Die beiden versuchten gerade, in Bern Boden unter die Füsse zu kriegen, nachdem sie ihre Heimat verlassen hatten.

2012 war Mamishov im Nachgang eines kritischen Films, der von einem oppositionellen aserbeidschanischen Satellitensender in der Türkei ausgestrahlt wurde, von Unbekannten auf offener Strasse bewusstlos geschlagen worden.

Er hat, gemäss seiner Schilderung, eine schwere Gehirnerschütterung erlitten sowie einen Nasenbruch und wurde operiert. Der Journalistin und Bloggerin Tagizade, von westlichen Menschenrechtsorganisationen für ihr Engagement zugunsten der Meinungsfreiheit ausgezeichnet, wurden mehrfach Gefängnisstrafen angedroht.

Eigentlich hoch qualifiziert

2015 entschieden sich Mamishov und Tagizade für den Gang ins Exil. Aktuell, so Tagizade, befinden sich im von Präsident Ilham Alijew autoritär regierten Aserbeidschan 14 Journalisten, zwei Blogger und zwei Schriftsteller im Gefängnis.

In der Schweiz – wo Aserbeidschan mit den Tank­stellen des staatlichen Erdölkonzerns Socar unübersehbar ist – wurden Tagizade und Mamishov als politische Flüchtlinge anerkannt. Sie leben in Bern. Das Hilfswerk Caritas unterstützt sie finanziell, die Aufenthaltsbewilligung B erlaubt es ihnen, legal in der Schweiz zu arbeiten. Nur: Die Hürden sind hoch.

Vom Arbeitsmarkt her gesehen ist Tahmina Tagizade hoch qualifiziert. Sie spricht fliessend vier Sprachen – Aseri, Türkisch, Russisch und Englisch. Sie verfügt aus ihrer Tätigkeit in Aserbeidschan reiche Erfahrung im Management von Nichtregierungsorganisationen (NGO) unter politisch und finanziell erschwerten Bedingungen.

In der NGO-reichen Bundesstadt Bern ist das eine gefragte Fähigkeit – wäre da nicht die Sprachbarriere: Tagizades Deutsch reicht für komplexes Argumentieren noch nicht aus.

Sie machte im Februar kein Hehl aus ihrer Gemütslage: Sie fühlte sich isoliert – im Exil zu weit weg für den Menschenrechtskampf in der Heimat, auf dem Arbeitsmarkt in der Schweiz chancenlos. «Ich bin eine Aktivistin, ich habe Energie», sagte Tagizade, und man spürte es, «ich bin es mir gewohnt, anderen zu helfen und für sie einzustehen.» Jetzt sei sie auf Hilfe angewiesen, und ihre Fähigkeiten einsetzen könne sie nicht. Das falle ihr schwer.

Hauptproblem Sprache

Doch die kontaktfreudige Tagizade traf, zufällig, auf Leute, die ihr Schritt für Schritt weiterhalfen.

Während des Gesprächs mit dieser Zeitung etwa erfuhr sie, dass das städtische Kompetenzzentrum Integration unter der Bezeichnung Bernetz ein schlankes, achtmonatiges Programm durchführt, das sich explizit an Leute richtet wie sie: an qualifizierte Zugewanderte, die zwar in der Schweiz arbeiten dürfen, dies aber – meist wegen der Sprachbarriere – weit unter ihrer beruflichen Qualifikation tun. Tagizade fand in letzter Minute in der zwölfköpfigen Bernetz-Gruppe für 2017 Unterschlupf.

Plötzlich Chancen erkannt

«Ich fühle mich wie wiederbelebt», sagt Tagizade acht Monate später über das Programm Bernetz, dessen Zyklus 2017 Ende Oktober zu Ende ging. Sie sitzt im Innenhof des Uni-S-Gebäudes in der Länggasse, wo sie den zuvor in der Vorlesung behandelten Stoff vertiefen will.

An sechs ganz- und halbtägigen Veranstaltungen wurden die Teilnehmer des Bernetz-Zyklus mit Arbeitgebern aus der Region ­zusammengeführt, gleichzeitig arbeiteten sie mit Fachleuten an ihrem schriftlichen und mündlichen Auftritt sowie an der Fokussierung ihrer beruflichen Ziele. «Allein der regelmässige Kontakt mit Leuten, die in einer ähnlichen Situation stecken wie ich, hat mich aufgerichtet», sagt sie.

Sie erkannte, dass es für sie in der Schweiz Chancen gibt. Als sehr nützlich empfand sie vor allem das Coaching zu ihren Berufsperspektiven, das ihr keine falschen Hoffnungen machte. Klar wurde: Wenn sie auf dem NGO-Arbeitsmarkt in Bern Fuss fassen will, braucht sie einen Hochschulabschluss. Basta.

Riesige Herausforderung

In Tagizades prekärer finanzieller Situation, die aus den Beiträgen der Caritas besteht, liegt ein Unistudium nicht drin. Doch die kämpferische Aserbeidschanerin sprach, unterstützt durch Empfehlungsschreiben etwa von Bernetz, bei verschiedenen Stiftungen vor. Und erhielt eine Zusage.

Seit diesem Herbst belegt sie den auf zwei Jahre ausgelegten Masterstudiengang in Public Management and Policy. «Ich bin sehr glücklich», sagt sie, «und es stimmt wirklich: Mein Leben hat sich komplett verändert.»

Sie hadert nicht mehr mit der Isolation, sondern kämpft mit dem Stoff der Vorlesungen. «Das Studium ist eine grosse Herausforderung für mich, auch von der Sprache her», sagt sie, «aber ich werde alles geben, um es zu schaffen. Ich will es.» Die Kontakte während des Bernetz-Zyklus belebten auch ihre künstlerischen Interessen: Tagizade besucht mit anderen Einwanderern ab und zu ein Kunstatelier und malt Bilder, «eine inspirierende Erfahrung».

Das Jahr 2017 habe ihr persönliches Bild von der Schweiz stark aufgeweicht. Vorher empfand sie das Land als unterkühlt und nicht sehr sozial, doch «ich habe in den letzten Monaten Leute kennen gelernt mit sehr grossem Herzen». Sie seien es, die für sie aus der Schweiz ein wärmeres Land machten.

Die Nachfrage nach Plätzen sei gross, deshalb plane man eine Durchführung von Bernetz auch für 2018, wie die Projektleiterin Silvia Schönenberger auf Anfrage bestätigt. Die Kosten belaufen sich erfahrungsgemäss auf rund 60'000 Franken pro Jahr, je hälftig finanziert von Stadt und Kanton.

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