«Ich finde Weihnachten scheisse»

Martin «Bali» Baltisberger sammelt seit Jahren auf Berns Gassen Geld für Menschen, denen es schlechter geht als ihm. In der Adventszeit werde zwar mehr gespendet, doch es sei eine schwere Zeit, sagt der 50-Jährige. Auch für ihn selbst.

An Weihnachten denkt Martin «Bali» Baltisberger an seine verstorbenen Eltern.

An Weihnachten denkt Martin «Bali» Baltisberger an seine verstorbenen Eltern.

(Bild: Christian Pfander)

Claudia Salzmann@C_L_A

Er ist Berns Gassenengel. Der 50-jährige Martin Baltisberger sammelt an drei Tagen die ­Woche beim Käfigturm Geld für Bedürftige. «Es gibt Leute, denen geht es noch schlechter als mir», sagt das Stadtoriginal. Dabei sitzt er selber im Rollstuhl, weil er nach einer Vollnarkose an multipler Sklerose erkrankte. Das ist 22 Jahre her. Dienstags und donnerstags über den Mittag sitzt er beim Käfigturm, auf seinem Schoss ein Schild, das sein Projekt näher umschreibt. «Samstags geben die Leute mehr als unter der Woche, deshalb bleibe ich fast den ganzen Tag da», sagt er.

«Ich merke, dass es in Bern viel mehr Bettler gibt als früher. Die Leute wissen nicht, wem sie etwas geben sollen und wem nicht.»Martin BaltisbergerBerner Stadtoriginal

Gerade in der Adventszeit laufe es besser, weil die Leute in der heiligen Zeit etwas Gutes tun wollen. Dennoch würde er sich mehr Spenden wünschen, denn Anfragen für Hilfe erhalte er immer wieder. «Ich merke aber auch, dass es in Bern viel mehr Bettler gibt als früher. Die Leute wissen dann nicht, wem sie etwas geben sollen und wem nicht.»

Derzeit kann er mit dem Geld neun Menschen unterstützen. Darunter ist beispielsweise eine zweifache Mutter, die von ihrem Mann verlassen wurde und nun auf Sozialhilfe angewiesen ist. Vor einiger Zeit leitete er gar an siebzehn Personen das gesammelte Geld weiter.

Heute hat er seine Kriterien verschärft: «Die Leute, die ich unterstütze, dürfen nicht einfach nur rumhängen, sondern müssen einer Ar­beit nachgehen», sagt er. Wer Drogen konsumiere, Alkohol trinke und vor der Heiliggeist­kirche rumhängen könne, verdiene das Geld nicht, so Baltisberger, den alle Bali nennen. Seinen Spitznamen hat er seit der ersten Klasse, weil es damals gleich drei Martins gab.

Lieber Kaffee als Alkohol

Von den Spenden, die er auf Berns Gassen sammelt, nimmt er täglich 5 Franken für sich, damit er im Way to India einen Kaffee trinken kann. «Mehr nicht, denn ich habe selber Geld und beziehe eine kleine IV-Rente.» Er wohnt in einer Vierzimmerwohnung in Wabern und betont, dass er nie in seinem Leben auf der Strasse gelandet sei.

«Ich bin ein bisschen wie Mutter Teresa. Die Leute kommen vorbei und erzählen mir ganz persönliche Dinge.»Martin BaltisbergerBerner Stadtoriginal

Bier trinkt er nicht, viel lieber mag er Kaffee. Keine einzige Zigarette hat er je geraucht. Drogen rührt er nicht an. Fast wie ein Engel? «Ich bin auch ein bisschen wie Mutter Teresa, die Leute kommen vorbei und erzählen mir ganz persönliche Dinge.»

Nicht das Bargeld gibt er weiter, sondern tauscht dieses in der Migros-Filiale in der Marktgasse in Gutscheine um. In der Migros deshalb, weil man hier keinen Alk und keine Zigis bekommt. Sein Ziel ist es an Weihnachten, statt eines 20-Franken-Gutscheins 50 Franken geben zu können. «Das habe ich bis jetzt jedes Jahr geschafft», sagt er. Seine Sammeltätigkeit hebe ihn aber nicht auf einen Sockel, er übergebe sie auf Augenhöhe.

Seit 2011 ist er als Gassen­engel unterwegs, zuerst mit seinem Partner Peter Etterlin, der vor drei Jahren verstarb. Über den Schmerz hinweggeholfen hat ihm eine Hypnosetherapie, die auch für die Behandlung seiner Krankheit zuträglich ist, denn Medikamente will er nicht nehmen. Schmerzen habe er keine. «Doch tanzen kann ich gerade nicht so gut», witzelt der aus­gebildete Tänzer und Theatermacher.

Immer wieder grüssen ihn Leute beim Vorbeigehen. Normalos, ältere Damen, Randständige – ­jeder kennt ihn, das Stadtoriginal. In der Zeit um Weihnachten sei viel los, und alle spönnen ein bisschen, sagt Bali. «Ich selber finde Weihnachten scheisse», gesteht er.

Sie erinnere ihn bloss an frühere Feste mit seinen Eltern, die gestorben sind. «Auch sie fehlen mir noch immer.» Wie Weihnachten sei auch der Jahreswechsel bei Randständigen und Bedürftigen nicht gerade beliebt, «weil alle ihnen das Beste fürs nächste Jahr wünschen. Aber bei vielen kann halt nichts gut werden, weil einfach alles schlecht läuft.»

Feiern in der Reitschule

Am Sonntag fand im Casa Marcello in der Aarbergergasse, wo Bali oft nach dem Sammeln hingeht, ein Weihnachtsessen statt. Drei Gänge spendete der Wirt, die Getränke musste man selber zahlen. Dorthin mochte Bali nicht gehen, lieber feierte er mit einem Kollegen bei sich daheim. Ohne Tannenbaum und ohne Geschenke, betont er. Und auch am heutigen Heiligabend hat er Pläne.

Die Gassenarbeit Bern wird durch die Gassen streifen und Leute suchen, um sie alle ins Restaurant Sous le Pont in der Reitschule zum gemein­samen Abendessen einzuladen. «Ich lebe heute, nicht gestern und nicht morgen», sagt Bali. Er geniesse jeden Tag. Seine Krankheit sei tödlich – aber das sei das Leben auch.

Berner Zeitung

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