«Ich bin kein Kind»

Während der Ausstellung «Touchdown» stehen im Zentrum Paul Klee Kunstvermittler mit ­Downsyndrom im Einsatz – darunter Pascale Sträuli. Eine Begegnung vor der Vernissage.

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Stefanie Christ@steffiinthesky

Zehn, neun, acht: Der Countdown läuft. Nur noch zwei Tage bis zur Ausstellungseröffnung von «Touchdown». Während die Sonntagsausflügler in der Wandelhalle des Zentrums Paul Klee flanieren, herrscht hinter den Kulissen geschäftiges Treiben.

Die Kulturvermittlerinnen und -vermittler werden geschult, unter anderen Pascale Sträuli aus Stäfä. Ihre Aufgabe: «Touchdown», die erste Ausstellung über das Downsyndrom, den Besuchern zugänglich machen. Während die Museumstechniker letzte Anpassungen machen, schwärmen die Vermittler in sogenannten Tandems aus.

Je eine Person mit und eine ohne Downsyndrom proben eine gemeinsame Ausstellungsführung. Pascale Sträuli ist etwas aufgeregt, rückt sich die rosa Strickjacke zurecht. Die 29-Jährige mit Downsyndrom arbeitet zum ersten Mal als Vermittlerin. «Meine Eltern haben die Ausschreibung des Museums gesehen und mich gefragt, ob ich Lust hätte, mitzumachen», sagt sie.

Sieben, sechs, fünf: Es gilt ernst. Dominik Imhof, Vermittlungsverantwortlicher des Zentrums Paul Klee, und Pascale Sträuli führen zu einer Vitrine mit Alltagsgegenständen – Exponate, die stellvertretend für Berufe, Hobbys, aber auch Abneigungen von Menschen mit Downsyndrom stehen. Sträuli selbst hat eine Kaffeetasse beigesteuert.

«Sie steht für Kollegschaft», erklärt sie. «Freunde sind mir sehr wichtig, und wir sitzen oft zusammen zum Reden.» Sträuli lebt in einer Wohngemeinschaft und arbeitet in der Martin-Stiftung Erlenbach – einer Wohn- und Arbeitsstiftung für Menschen mit Behinderung.

Arbeiten, Freunde treffen. «Touchdown» will zeigen: Menschen mit Downsyndrom leben einen ganz normalen Alltag. Obwohl: Ganz so normal ist der Alltag doch nicht. Immer wieder wird Sträuli angeglotzt. «Je nach Tagesform stört mich das mehr oder weniger», sagt sie.

Ich bin eine erwachsene Frau, Fremde sollen mich siezen.Pascale Sträuli, Vermittlerin

Meistens ignoriere sie die neugierigen Blicke – oder ziehe sich zurück. Was sie besonders störe, sei Respektlosigkeit: «Wer mich gut kennt, darf mich duzen, aber ich bin eine erwachsene Frau, Fremde sollen mich siezen.» Wie ein Kind behandelt werden: Auch das ist immer noch Alltag für viele Menschen mit Downsyndrom.

Vier, drei, zwei: Fest umklammert Sträuli die Stichwortkarten, auf denen ihr Text steht. Sie liest ihn sicher ab, schliesslich hat sie mit dem Vermittlungsteam tagelang geübt. Ein Kraftakt, aber auch eine grosse Chance: Sträuli erhofft sich von der Ausstellung mehr Verständnis für Menschen mit Downsyndrom. Und die Arbeit stärke ihr Selbstvertrauen. Wobei Sträuli alles andere als einen unsicheren Eindruck macht – reiste sie doch ein Jahr lang allein quer durch Norwegen.

Wichtig ist ihr auch, dass düstere Kapitel in der Ausstellung thematisiert werden, etwa das Schicksal von Menschen mit Downsyndrom während des Nationalsozialismus. «Es ist sehr spannend, und ich habe viel über diese Zeit gelernt. Doch ich muss aufhören, mir die Bilder anzusehen, ehe ich Albträume kriege.»

Nach 90 Minuten ist die ­Tandemführung vorbei, die Generalprobe ist bestanden. Sträuli ordnet ein letztes Mal die Stichwortkarten. Nun kann sie kommen, die Ausstellungser­öffnung.

Eins.

Tandemführungen, unter anderem mit Pascale Sträuli, ­können reserviert werden unter: 031 359 01 94 oder per Mail an kunstvermittlung@zpk.org.

Berner Zeitung

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