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H.S. half bei der Erarbeitung von Präventions-Konzepten

Die Schweizer Heime sollen Lehren aus dem Berner Missbrauchsfall ziehen und ihre Präventionsmassnahmen überprüfen.

«Dass der Tatverdächtige an diesen Regelungen mitarbeitete, ist im Nachhinein betrachtet ein Wahnsinn», sagte Toni Matti, Mitglied der Geschäftsleitung der Nathalie Stiftung Gümligen.
«Dass der Tatverdächtige an diesen Regelungen mitarbeitete, ist im Nachhinein betrachtet ein Wahnsinn», sagte Toni Matti, Mitglied der Geschäftsleitung der Nathalie Stiftung Gümligen.
Andreas Blatter

Das fordern der Heim-Dachverband Curaviva und die Branchenorganisation Insos am Freitag in einem gemeinsamen Communiqué. Der Fall des Berner Sozialtherapeuten, der bis zu 122 Kinder und Behinderte missbraucht haben soll, habe die Heimbranche tief erschüttert. Die heute geltenden Präventionsmassnahmen müssten überdacht und allenfalls überarbeitet werden.

Prävention beginne bei der Personalrekrutierung, betonen beide Verbände. Dabei sei zwingend, dass sich Heime und soziale Institutionen nicht nur auf Arbeitszeugnisse abstützten. Es sei unumgänglich, dass sich die Heime vermehrt austauschten, Nachfragen bei früheren Arbeitgebern stellten und Unstimmigkeiten offen ansprächen.

Der Tatverdächtige hatte in den letzten drei Jahrzehnten ungewöhnlich oft die Stelle gewechselt und sein Unwesen in insgesamt neun Heimen getrieben. Zweimal wurde er entlassen, zumindest im einen Fall aufgrund untolerierbarer Arbeitsleistungen.

Trotzdem erhielt der Mann auch von diesem Arbeitgeber ein positives Zeugnis. Andere Heime bescheinigten ihm etwa ein «sonniges Gemüt», «Freundlichkeit und Güte», aber auch «grosszügige Hilfsbereitschaft». «Er lebt für die Sache der Behinderten», heisst es in einem der Arbeitszeugnisse.

Heimbewohner ernst nehmen

Die Verbände Insos und Curaviva erinnern weiter daran, dass Unterstützungsbedürftige in ihren Aussagen ernst genommen werden müssten - «erst recht, wenn sie sich nur mit Schwierigkeiten ausdrücken können».

In der Institution sei ein offenes Klima und eine Wachsamkeit innerhalb des Teams zu pflegen, damit Auffälligkeiten früh erkannt, vertrauensvoll gemeldet und überprüft werden könnten. Weiter müssten die Mitarbeiter regelmässig geschult und sensibilisiert werden.

Im Berner Missbrauchsfall hatte ein 13-jähriges Mädchen schon 2003 den heute Tatverdächtigen belastet. Die Ermittler, die damals einen anderen Betreuer des Heims in Gümligen BE im Visier hatten, konnten den Verdacht aber nicht erhärten.

Tatverdächtiger half bei Präventionskonzept

In den vergangen Tagen hatten bereits mehrere betroffene Heime angekündigt, sie wollten ihre Präventionskonzepte durchleuchten. Die Nathalie Stiftung hatte schon nach dem Fall von 2003 ihre Strukturen hinterfragt und mit Hilfe der Mitarbeiter einen neuen Verhaltenskodex aufgestellt.

Bei dieser Arbeit hat auch der heute Tatverdächtige «sehr aktiv» teilgenommen, wie Toni Matti von der Geschäftsleitung der Nathalie Stiftung im Schweizer Fernsehen sagte. «Er war bei den Sitzungen stets dabei und hat bei den Präventionsmassnahmen mitgeholfen.»

Festgelegt habe man damals «ganz einfache Regelungen» - zum Beispiel, dass bei der Intimpflege Gummihandschuhe zu tragen seien und dass beim Gang auf die Toilette die Tür nicht ganz geschlossen werde. Dass der Tatverdächtige an diesen Regelungen mitarbeitete, «ist im Nachhinein betrachtet ein Wahnsinn», räumte Matti ein.

Zu Curaviva gehören Heime aus allen Kantone ausser dem Tessin. Der Verband vertritt 2300 Institutionen für alte Menschen, Behinderte, Jugendliche und Kinder mit insgesamt 130'000 Mitarbeitenden. Im Branchenverband Insos machen 750 Behinderten- Institutionen mit. Sie bieten 60'000 Menschen Arbeit.

SDA/tan

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