Hoher Besuch im kleinen Dorf

Allmendingen

Vor siebzig Jahren besuchte der damalige britische Premierminister Winston Churchill das kleine Dorf. Im Schlössli erwarteten ihn die Bundesräte und Generäle. Und ein kleiner Junge.

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17. September 1946: Der damals fünfjährige Bernard Steck wartete ungeduldig in der Allee vor dem Schloss Allmendingen. Das grosse Militäraufgebot beeindruckte ihn. «Er muss eine wirklich wichtige Persönlichkeit sein», dachte der Junge an jenem Tag.

Endlich bog ein Cabrio um die Ecke. Auf dem Rücksitz zwischen Blumen, welche die Bevölkerung ihm zugeworfen hatte, sass er: Winston Churchill. Das ganze Dorf war gespannt auf den hohen Besuch aus Grossbritannien. Der besondere Tag lebt nun im Rahmen eines Dorffestes nochmals auf.

Champagner Pol Roger 1928

Die Grosseltern von Bernard Steck, Gérard und Helena Steck- von Erlach, waren die Gastgeber. Sie bewohnten das Schloss Allmendingen. Eingefädelt wurde der Besuch vom damaligen Bundesrat Eduard von Steiger, welcher ein guter Freund der Familie Steck war.

Im Raum, wo Churchill und seine Tochter mit den Gästen dinierten, sitzt der nun 75-jährige Bernard Steck und erzählt von seinen Kindheitserinnerungen. Auf dem Tischchen vor ihm liegt ein dickes Fotoalbum. «Hier sieht man den damaligen Bundespräsidenten Karl Kobelt, der Churchill herzlich begrüsst», sagt er und zeigt auf ein Schwarzweissfoto.

Auch die Tischordnung und die Menükarte sind sorgfältig ein­geklebt. Es gab unter anderem Lammrücken, eine Schweizer Käseplatte und Zuger Kirschtorte. «Noch heute serviere ich meinen Gästen manchmal ein ähnliches Menü», sagt der Schlossherr. «Dazu biete ich den Champagner Pol Roger, Churchills Lieblingsschaumwein, an.»

Während des Banketts hielt Churchill eine Tischrede. Ihre Bedeutung wird von der berühmten Zürcher Rede überschattet, welche er zwei Tage später an der Universität Zürich hielt. In der Aula plädierte Churchill dort das erste Mal für eine «Art von vereinigten Staaten von Europa».

Doch auch die Gäste im Schlössli schienen von seinen Worten ­angetan. So berichtet es der damals anwesende Radioreporter Friedrich Brawand in einem Beitrag, der bis heute existiert. Churchill würdigt den neutralen Standpunkt der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Zu guter Letzt spricht er einen Toast auf die Schweiz aus und setzt sich wieder neben die französische Botschafterin und Madame ­Kobelt.

Havanna-Zigarre im Mund

Nach dem Essen ging die Gesellschaft in den Garten für den schwarzen Kaffee. Churchill nahm auf einem Kanapee Platz, welches bis heute erhalten geblieben ist. Es steht in der Ecke des Saals. Darüber hängt ein Gemälde von Carl Montag, Mal­lehrer und Freund von Churchill.

«Damals beobachtete ich die ­Szene im Garten vom Balkon aus», erzählt Steck. Er sah zu, wie Churchill seine omnipräsente Havanna-Zigarre anzündete. Währenddessen unterhielt sich seine Tochter Mary mit dem Psychologen C. G. Jung. Auch der gesamte Bundesrat, General Henri Guisan und Berner Stadtpräsident Ernst Bärtschi waren unter den Gästen.

Später seien Mary und Churchill durchs Haus geführt worden. «Als sie im oberen Stock ankamen, übergab ich Mary einen Strauss Löwenmäulchen», erzählt Steck und zeigt auf ein Bild. «Ich war ganz fasziniert von der weiss gekleideten Frau.» Die junge Mary steht neben seiner Mutter Francine. Bernard Steck blättert im Album weiter. Auf dem nächsten Foto ist er selbst neben seiner Cousine zu sehen. Sie stehen vor dem Schloss, gerade nachdem sich Mary und Winston Churchill verabschiedet haben.

Er habe Churchill ehrenvoll zugewinkt und «Adieu, adieu» gerufen, erinnert sich der 75-Jährige. «Der Premierminister drehte sich im Wagen nochmals um und machte sein bekanntes Victory-Zeichen.»

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