Historische Schlappe für die SP

Die erfolgsverwöhnte Stadtberner SP musste bei der Stapi-Wahl eine herbe Niederlage einstecken. Womöglich nahm das Unheil bereits am 13. Februar 2012 seinen Lauf.

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Die Stimmung wird nicht gut sein, am Montagabend im Hotel Bern. Die Stadtberner SP trifft sich, um ihren langjährigen Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät zu verabschieden. Es sollte ein fröhlicher Abend werden, doch nun wird es ein wehmütiger Abschied vom Erlacherhof.

Denn im Stadtpalais an der Junkerngasse sitzt ab sofort kein SP-Mitglied mehr, sondern Alec von Graffenried von der Grünen Freien Liste, einer kleinen Lokalgruppe innerhalb der Grünen Partei.

Der 54-Jährige setzte sich am Sonntag in der Stichwahl gegen die Sozialdemokratin Ursula Wyss durch - und zwar deutlich. In allen sechs Zählkreisen lag der Sprössling einer Patrizierfamilie vor Wyss, fast 58 Prozent der Bernerinnen und Berner stimmten für ihn.

Für die erfolgsverwöhnte SP, die stärkste Partei der Bundesstadt, ist das eine bittere Pille. Seit 1958 stellte sie fast immer den Stadtpräsidenten, nur in den 1980er-Jahren gab es einen Unterbruch. Nun muss sich die SP mit der unangenehmen Frage befassen, wie sie diese Wahl verlieren konnte.

Verhängnisvoller 13. Februar 2012?

Vielleicht nahm das Verhängnis schon am 13. Februar 2012 seinen Lauf. Auch damals sassen die Genossinnen und Genossen im Hotel Bern und nominierten die langjährige Nationalrätin Ursula Wyss für die Gemeinderatswahlen. Alles lief wie geplant, und Stapi Tschäppät verkündete an jenem Abend frohgemut, dass er Anfang 2017 die Schlüssel an Wyss weitergeben werde.

Dass sich die SP offenbar vorstellte, das Stadtpräsidium in einer Art parteiinterner Erbfolge weiterzureichen, kam nicht überall gut an. Und das Verhalten der Partei Anfang 2016 warf ebenfalls Fragen auf: Als sich die zwei grünen Parteien der Stadt erfrechten, eigene Stadtpräsidiumskandidaturen ins Auge zu fassen, erwog die düpierte SP ernsthaft den Ausstieg aus dem gemeinsamen Regierungsbündnis.

Um die Mehrheit in der Stadtregierung nicht zu gefährden, rauften sich SP, Grünes Bündnis und Grüne Freie Liste schliesslich doch zusammen. Jede Partei durfte jemanden fürs Stapi-Amt nominieren, und gemeinsam gewann man die Gemeinderatswahlen im November. Mehr noch: Das rot-grüne Bündnis hat seither sogar vier von fünf Sitzen.

Korrektiv

Dieser Linksrutsch könnte die Stichwahl vom Sonntag ebenfalls zu Wyss' Ungunsten beeinflusst haben. In der Stadtregierung ist Rotgrün - gemessen an den Wähleranteilen - klar übervertreten. Das ist zwar der Fehler von FDP und SVP, die getrennte Wege gingen und damit den bürgerlichen Sitz verspielten.

Doch die Zeche dafür zahlt nun auch Ursula Wyss. Denn das Missverhältnis könnte viele Wähler dazu bewogen haben, im Sinne eines Korrektivs den gemässigten Grünen von Graffenried statt die stramme Linke Wyss zu wählen.

Die SP wird sich auch fragen müssen, ob sie im Wahlkampf die richtige Taktik fuhr, indem sie von Graffenried vorwarf, er vertrete keine klaren Positionen und wolle es jedem recht machen. Die Bernerinnen und Berner, so kann man das Wahlresultat interpretieren, wollen als Stapi eben gerade jemanden, der es mit allen kann.

Bernburger an der Macht

Und so wird Alec von Graffenried und nicht Ursula Wyss am Montag um 11.30 Uhr die Schlüssel zum Erlacherhof entgegennehmen. Erstmals seit 1937 ist wieder ein Mitglied der vermögenden und einflussreichen Burgergemeinde Stadtpräsident. Und, so hat es ein findiger Journalist herausgefunden: Nach exakt 302 Jahren steht wieder ein von Graffenried an der Spitze der Stadt Bern.

tag/sda

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