Hier lüftet sich meist auch das letzte Geheimnis

Adventstüre 11. Dezember

In der Rechtsmedizin werden jährlich rund 280 Leichen untersucht.

Wer hier liegt, fühlt nichts mehr. Im Obduktionssaal landen etwa Opfer von Gewaltdelikten oder Verkehrsunfällen.

Wer hier liegt, fühlt nichts mehr. Im Obduktionssaal landen etwa Opfer von Gewaltdelikten oder Verkehrsunfällen.

(Bild: Raphael Moser)

Philippe Müller

Ein raffiniertes Gift vielleicht? Oder doch ein normaler Herzinfarkt? Was genau zum Tod eines Menschen geführt hat, lässt sich oft nicht auf den ersten Blick erkennen. Die Todesursache zu ermitteln, ist die Aufgabe jener Frauen und Männer, die in diesem Raum unter anderem mit Skalpell und Säge zu Werke gehen: Im Obduktionssaal des Instituts für Rechtsmedizin (IRM) der Universität Bern begutachten die sieben Rechtsmedizinerinnen und Rechtsmediziner, die elf angehenden Fachärzte sowie zwei Präparatoren pro Jahr rund 280 Leichen. Das ist rund ein Viertel aller aussergewöhnlichen Todesfälle im Kanton Bern. Zuerst führen sie eine äussere Inspektion durch. Dann schneiden sie die Körper auf, untersuchen die Organe und entnehmen Gewebeproben.

«Wir sind nach jeder Leichenschau schlauer als vorher», sagt IRM-Direktor Christian Jackows­ki. «Was aber nicht bedeutet, dass wir die Todesursache in jedem Fall finden.» Kann das IRM-Fachpersonal nach der Leichenschau immer noch nicht mit Sicherheit bestimmen, was zum Tod der Person geführt hat, schickt es allenfalls Proben ins eigene Labor für eine mikroskopische Untersuchung.

Berührende Schicksale

Öffnet man die Tür zum Obduktionssaal, fallen zuerst die beiden Tische mit metallener Kopfstütze ins Auge. Dort landen Opfer von Gewaltdelikten, nicht identifizierte Leichname und die meisten Todesopfer von Verkehrsunfällen. Dazu kommen jene Fälle, bei denen die Fachleute am Fundort der Leiche nicht ohne Zweifel eine natürliche Todesursache feststellen können. Das Klima im Saal ist angenehm und nicht etwa kühl, wie man vielleicht erwarten würde. In den Gestellen an der Wand stehen Gläser mit in Formalin eingelegten Gewebeproben von verschiedenen Organen.

Wenn etwa ein Kind über­fahren wird, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass der kleine Körper an der Bühlstrasse in Bern untersucht wird. «Solche Schicksalsschläge lassen uns natürlich nicht kalt», sagt Jackows­ki. Es könne auch passieren, dass er eine emotionale Begegnung mit Angehörigen eines Verstorbenen noch einen Moment mit sich herumtrage und ihn das auch belaste. «Wir haben aber die Professionalität, uns auf die Arbeit und die Befunde zu konzentrieren.»

Aus Alt mach Neu

Am rechtsmedizinischen Institut nagt unverkennbar der Zahn der Zeit. Nicht nur die Tische selbst tragen trotz penibler Reinigung sichtbare Verfärbungen von Tausenden Obduktionen. Auch Schimmel an den Wänden, bröckelnder Verputz und stark verschmutzte Sonnenstoren stehen in krassem Kontrast zur High­techforschung, die am IRM praktiziert wird.

Jackowski ist froh, dass sich die räumlichen Bedingungen bald grundlegend ändern werden: Denn im Frühling 2021 soll das Institut mit seinen acht Abteilungen und 150 Angestellten in einen Neubau an die Murtenstrasse ziehen, gleich hinter dem Parkhaus des Inselspitals. Dort werden auch die Computertomografen und Ma­gnetresonanztomografen in unmittelbarer Nähe zum Obduktionssaal installiert sein. Am heutigen Standort muss für diese Untersuchungen jeder Leichnam zwischen zwei Gebäuden hin- und hergefahren werden.

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Berner Zeitung

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