Mit 250 km/h den Aargauerstalden runter

Bern

Jetzt ist klar, wo die Rennboliden am Swiss E-Prix in Bern am 22. Juni 2019 durchfahren: Sie umkreisen das Obstbergquartier und flitzen unter anderem beim Bärengraben vorbei.

Der Gemeinderat Reto Nause im Video-Interview: «Das Rennen fördert den Diskurs über Nachhaltigkeit».
Markus Ehinger@ehiBE

Es ist idyllisch im Obstbergquartier. Bei herbstlichen Temperaturen geniessen die Gäste in der Brasserie ein feines Mittagessen. In der Bäckerei Obstberg gehen frische Vermicelles über den Ladentisch. Und im nahen Rosengarten vergnügen sich Kinder auf dem grossen Spielplatz.

Schnitt. Sprung zum 22. Juni 2019. Auf der Laubeggstrasse, dort, wo sonst ein Radarkasten zu schnell fahrende Autos blitzt, reihen sich Rennboliden auf. Geblitzt werden sie nicht. Der Radarkasten ist nicht in Betrieb. Hier befindet sich im nächsten Sommer der Start-Ziel-Raum des ersten Swiss E-Prix in Bern. Dies gaben die Stadt Bern und die Veranstalterin, die Swiss E-Prix Operations AG, am Montag bekannt.

Der Rundkurs des Formel-E-Strassenrennens führt durch das Obstbergquartier und verläuft somit vor der einmaligen Kulisse der Berner Altstadt. Via Aargauerstalden, dort rechnet Pascal Derron, CEO der Swiss E-Prix Operations AG, mit Geschwindigkeiten von bis zu 250 Stundenkilometern, gehts auf den grossen Muristalden und die Schosshaldenstrasse zurück zur Laubeggstrasse. Die Boxengasse befindet sich auf der Papiermühlestrasse.

Die Rennstrecke führt rund um das Quartier Obstberg. Quelle: Google Streetview

Die Streckenführung erlaube es, die Einschränkungen für die Anwohnerinnen und Anwohner verhältnismässig gering zu halten, sagt Berns Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP). Die Berner Stadtregierung ist überzeugt, dass durch diese Streckenführung die Einschränkungen auf den Hauptverkehrs- und Einfallstrassen sowie beim öffentlichen Nahverkehr im Vergleich zu rund einem Dutzend alternativ evaluierten Streckenführungen verhältnismässig gering gehalten werden können.

Spektakel zum Nulltarif

Aus Sicht der Stadtregierung biete sich für die Bundesstadt damit eine grossartige Chance, einen publikumswirksamen Grossanlass durchzuführen, welcher gleichzeitig einen Beitrag zum wichtigen Nachhaltigkeitsdiskurs zu leisten vermag, sagt Nause. Zusammen mit dem vorgesehenen Rahmenprogramm in der unteren Altstadt soll der Event zu einem Fest für die Bevölkerung werden. Nause ist überzeugt: «Mit etwas Entspanntheit und ein bisschen Freude für neue Technologien wird man am 22. Juni ein spannendes Wochenende erleben.»

Auf die Frage, ob der rot-grüne Gemeinderat geschlossen hinter dem Formel-E-Rennen stehe, antwortete Nause diplomatisch: «Den einen gefällt der E-Prix besser, den anderen ein bisschen weniger.» Tatsächlich stehen vor allem das Grüne Bündnis und die Grün alternative Partei dem Anlass kritisch gegenüber. Der Event ist aber beschlossene Sache. Daran werden auch die vom Grünen Bündnis und von der Jungen Alternative lancierte Petition gegen den E-Prix und der Protest der SP kaum etwas ändern.

Bereits vor den Herbstferien habe die Stadtregierung den definitiven Grundsatzentscheid für den E-Prix gefällt. Der Gemeinderat sei Bewilligungsbehörde und Finanzbeschlüsse des Stadtparlaments seien keine erforderlich, betont Nause. «Dieser Anlass geht nicht zulasten der Stadt Bern und der Steuerzahlenden», sagt der Sicherheitsdirektor. Die Stadt Bern leistet keinen finanziellen Beitrag an den Swiss E-Prix oder an dessen Rahmenprogramm. Die anfallenden städtischen und kantonalen Gebühren werden vollumfänglich von der Veranstalterin übernommen. Leistungen der Stadt Bern, zum Beispiel im Tiefbau oder bei der Sicherheit, werden der Veranstalterin verrechnet. Somit gibt es ein Spektakel zum Nulltarif.

Keine Nachtarbeiten

Der Gemeinderat hat die Bewilligung des Anlasses an zahlreiche Auflagen geknüpft, die in einem Vertrag geregelt werden. So muss die Veranstalterin beispielsweise dafür sorgen, dass sich Fussgängerinnen, Fussgänger sowie Velo- und Rollstuhlfahrende zu jedem Zeitpunkt uneingeschränkt zwischen dem Innen- und dem Aussenbereich der Rundstrecke bewegen können. Das soll mit Passerellen geschehen. Darüber hinaus muss die Veranstalterin dafür sorgen, dass die Zu- und Wegfahrt für den motorisierten Verkehr ausserhalb der Trainings- und Rennzeiten jederzeit möglich ist.

Ebenso muss die Sicherheit der Anwohner und der Zuschauer jederzeit sichergestellt sein. Wie bei Grossanlässen üblich, wird ein Sicherheitskonzept erstellt. Darin wird unter anderem festgehalten, wie die Blaulichtorganisationen jederzeit eingreifen können. Ausserdem sollen die Lärmemissionen auf ein Minimum reduziert werden, und es darf aufgrund des Swiss E-Prix 2019 zu keinen Nachtarbeiten kommen.

Die Veranstalterin kann dabei von den Erfahrungen des E-Prix in Zürich von diesem Juni profitieren. Die Boliden werden zum Beispiel einige Tage vor dem Rennen nicht im Quartier lärmintensiv zusammengebaut, sondern auf dem Bernexpo-Gelände. Und die verkleinerte Boxengasse wird nicht mehr für Fahrzeugwechsel verwendet, da die Autos in der nächsten Saison mit nur einer Akkuladung die Strecke absolvieren. Früher kam es in der Rennhälfte jeweils zu einem Fahrzeugwechsel. Dafür dauert das Rennen nur noch rund 40 statt wie früher knapp 60 Minuten.

Hang gesperrt

Was erstaunt – und viele Besucher enttäuschen dürfte: Ausgerechnet beim steilen Hang zwischen Aargauerstalden und Rosengarten werden keine Zuschauer das Rennen verfolgen dürfen. Der Gemeinderat hat mit der Veranstalterin vereinbart, dass dem Naturschutz entlang der Strecke vollumfänglich Rechnung getragen wird. Das bedeutet zum Beispiel, dass der im Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung aufgenommene Trockenstandort am Hang des Aargauerstaldens nicht beeinträchtigt werden darf und für Zuschauerinnen und Zuschauer gesperrt wird. Auf der anderen Strassenseite mit dem Rücken zur Altstadt darf das Rennen hingegen verfolgt werden.

Ausserdem verpflichtet sich die Veranstalterin, die Anwohner in regelmässigen Abständen über das Projekt und die anstehenden Schritte zu orientieren und frühzeitig über geplante Sperrungen und Einschränkungen auf öffentlichem Grund zu informieren. Eine erste Infoveranstaltung fand am Montagabend im Zentrum Paul Klee statt.

Zweiwöchige Bauarbeiten

Eine weitere Auflage ist es, dass die Durchführung des E-Prix zu keinen permanenten Erweiterungen oder Verbreiterungen des Strassenraums führen darf. Die Strassen auf der Strecke erfüllen grundsätzlich bereits die Mindestbreiten, trotzdem werden an verschiedenen Stellen kleinere, temporäre Umbauten nötig. Diese Arbeiten werden zum Teil bereits im März vorgenommen.

«Die Infrastruktur in Bern ist ideal», sagt Pascal Derron. Man könne die Bauzeit deshalb massiv verkürzen. Auf der Schosshalden- und auf der Laubeggstrasse müssten praktisch nur Zäune aufgestellt werden – weitere Massnahmen seien nicht nötig.

Sicher müssen aber zahlreiche Fussgängerinseln und Ampeln temporär entfernt werden. Auch der Kreisel beim Bärengraben dürfte ein Hindernis sein, das entfernt werden muss. Zu diesem Zweck wird es nächste Woche eine Begehung mit allen Beteiligten geben.

«Es wäre eine Illusion, zu denken, dass es keine Lärmbelastung gibt»: Pascal Derron, CEO der Veranstalterin des Formel-E-Rennens, will auf die Sorgen der Anwohner eingehen. Video: Florine Schönmann

Die sicht- und spürbare Auf- und Abbauphase rund um die Veranstaltung dauert insgesamt etwa zwei Wochen. In dieser Zeit sind grundsätzlich keine Vollsperrungen vorgesehen. Am Veranstaltungswochenende vom Donnerstagabend, 20. Juni, bis Sonntagnacht, 23. Juni, werden aufgrund des Rennbetriebs die Strassen im betreffenden Bereich gesperrt und der öffentliche Verkehr umgeleitet werden müssen. Für einen reibungslosen Ablauf muss die Veranstalterin zusammen mit der Stadt ein Verkehrskonzept erarbeiten.

Nicht beim Bundeshaus

Die Strecke ist ein Kompromiss. Eine Strecke, die vor dem Bundeshaus vorbeiführt, sei nicht möglich gewesen, da vor allem der öffentliche Verkehr zu stark tangiert gewesen wäre. Trotzdem spricht Pascal Derron von einer sehr attraktiven Strecke, die Bern ins beste Licht rücken werde. Einen vergleichbaren steilen Streckenabschnitt wie beim Aargauerstalden gibt es laut Derron im ganzen weltweiten Rennkalender nicht. «Gerade die steilen Abschnitte werden eine Herausforderung sein bezüglich Energiemanagement», sagt Derron, der mit gegen 120'000 Zuschauerinnen und Zuschauern rechnet. Dabei habe das Rennen in Zürich gezeigt, dass rund 60 Prozent der Besucher Familien sind.

Entsprechend soll mit einem attraktiven Rahmenprogramm viel geboten werden. Im Rosengarten gibt es eine Familienzone, und grosse Teile der Rennstrecke werden kostenlos zugänglich sein. Das E-Village soll genutzt werden, um das Thema der Elektromobilität und den Diskurs um ökologische Mobilität und neue Technologien stärker zu lancieren. Vor diesem Hintergrund verlangt der Gemeinderat, dass der Anlass samt Rahmenprogramm nach dem Grundsatz der CO2-Neutralität durchgeführt wird. Die Veranstalterin ist ausserdem mit der Uni Bern in Gesprächen. Die Uni könnte am E-Prix die Klimaforschung einer breiten Öffentlichkeit bekannt machen.

Bern mit GP-Geschichte

Einer, der sich besonders auf den E-Prix in Bern freut, ist Paul Gutjahr. Der gebürtige Berner ist Schweizer FIA-Kommissär. Die FIA veranstaltet nicht nur die Formel-E-, sondern auch die Formel-1-Rennen. Gutjahr war ebenfalls an der Medienkonferenz im Erlacherhof anwesend. «Dass einmal ein Strassenrennen in Bern, mit seiner Automobilrenngeschichte des GP im Bremgartenwald, stattfindet, hätte ich nicht für möglich gehalten», sagte Gutjahr. Dass es auch Bedenken gibt, sei logisch. «Das gibt es bei jedem Grossanlass.»

Berner Zeitung

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