«Heroin und Kokain sollte man nie in der Migros kaufen können»

Sie hat das Elend der offenen Drogenszene im Kocherpark miterlebt und leitete 24 Jahre lang die Heroinabgabe in Bern. Jetzt kehrt mit Barbara Mühlheim eine umstrittene Figur der Suchtarbeit den Rücken.

So sauber wie heute war es im Kocherpark vor 27 Jahren nicht. Barbara Mühlheim versorgte damals die Heroinsüchtigen mit frischen Spritzen.

So sauber wie heute war es im Kocherpark vor 27 Jahren nicht. Barbara Mühlheim versorgte damals die Heroinsüchtigen mit frischen Spritzen.

(Bild: Beat Mathys)

Marius Aschwanden

Wo heute der Rasen zentimetergenau gemäht ist, lagen vor 26 Jahren Zehntausende gebrauchte Spritzen am Boden. Wo sich die Blumenbeete im Winterschlaf befinden, versuchten Junkies, ihre zerstochenen Venen für den nächsten Schuss zu finden. Und wo Eltern mit ihren Kinder vorbeigehen, gab es täglich Prügeleien und Messerstechereien.

Solche Bilder sind es, die Barbara Mühlheim in den Sinn kommen, wenn sie heute durch den Berner Kocherpark spaziert. «Dort drüben», sagt sie und zeigt in Richtung einer Bank, «habe ich an einem Morgen den ersten ­Toten gefunden.» Und dort beim Unterstand hätten die Heroinsüchtigen jeweils übernachtet, im Winter dick eingepackt in Wolldecken.

Zwischen April 1991 und März 1992 war der Park die Heimat für eine der grössten offenen Drogenszenen Europas. Hunderte Junkies vegetierten vor sich hin, Überdosen gehörten zur Tagesordnung.

Mühlheim war damals 32-jährig, eine junge Sozialarbeiterin im Auftrag der Suchthilfestiftung Contact. Sie tauschte zusammen mit ihrem Team saubere gegen benutzte Spritzen. Bis zu 7000 pro Tag. Immer wieder musste sie Süchtige nach einer Überdosis reanimieren. «Bei 100 habe ich aufgehört zu zählen.»

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Gleiche Diskussion

Es waren jene Tage, Wochen und Monate in der letzten grossen offenen Drogenszene Berns, welche Mühlheims spätere Karriere geprägt haben. Ein solches Elend wollte sie nie wieder sehen, aktiv setzte sie sich für eine Verbesserung der Situation ein.

Sie war dabei, als der Park 1992 geräumt wurde. Sie war dabei, als der Bundesrat noch im selben Jahr einen Versuch für die Abgabe von Heroin an 250 Schwerstabhängige bewilligt hat. Und sie war dabei, als 1994 die Stadtberner Koda ihre Tore öffnete (siehe Kasten).

Dort ist sie bis heute geblieben. Tag für Tag nimmt sie als Leiterin der heroingestützten Behandlung Süchtige in Empfang, gibt ihnen das Heroin, das sie dringend benötigen. Jetzt aber hört Mühlheim auf. Nach 30 Jahren in der Suchthilfe gibt sie auf Ende März die Koda-Leitung ab.

«Es gibt für jeden Lebensabschnitt eine passende Herausforderung», sagt die heute 58-Jährige. Sie möchte künftig mehr Zeit in ihr Hobby, einen Teppichladen in der Berner Altstadt, investieren. Zudem würden sich die Diskussionen mittlerweile wiederholen.

So ­stehe bei linken Gruppierungen etwa immer wieder zur Debatte, in der Öffentlichkeit die Repression gegen Dealer und Süchtige zu stoppen. «Damit aber haben wir bereits in den 80er- und 90er-Jahren schlechte Erfahrungen gemacht. Gescheitertes muss man nicht wiederholen.»

Repression. Es ist dasjenige Reizwort, das Mühlheim seit der offenen Szene im Kocherpark begleitet hat. «Damals habe ich erkannt, dass wir nur mit fürsorgerischen Massnahmen nicht weiterkommen.» Gutes wollen und Gutes tun sei nicht dasselbe. Jedes neue Hilfsangebot habe unmittelbare Reaktionen der Szene zur Folge gehabt.

So habe sich beispielsweise rasch herumgesprochen, dass ein Team vor Ort ist, welches Süchtige reanimiert. «Der Konsum wurde noch risikoreicher, das Heroin noch höher dosiert und schneller gespritzt. Die Drogenabhängigen wussten ja, dass wir sie wiederbeleben würden.» Sie, die Sozialarbeiter und freiwilligen Helfer, seien mitverantwortlich gewesen für die «Ghettoisierung der Szene».

Grenzen setzen

Mühlheim setzte sich in der Folge dafür ein, Junkies nicht nur als Opfer zu sehen. «Die Sucht macht nur einen Teil dieser Menschen aus. Sie sind Erwachsene, von denen man Verantwortung für die Gesellschaft und soziale Anpassung einfordern kann und muss.» Für sie waren die Parkräumung und die Repression deshalb unumgänglich, um die Probleme in den Griff zu bekommen.

An dieser Ansicht hat sich bis heute nichts geändert. «Neben einer interdisziplinären Behandlung müssen wir den Drogen­bezügern Grenzen setzen und eng mit Polizei, Kesb und anderen Interessengruppen zusammenarbeiten», ist sie überzeugt. Bei der Koda sieht das so aus: Wer eine Arbeit hat, bekommt am Morgen sein Heroin früher. Wer rumpöbelt, wird verwarnt. Und wer Drogen von der Gasse verkauft, wird sanktioniert.

Das Zusammenspiel von Repression und Schadensminderung funktioniere im Kanton Bern seit der Etablierung der ­sogenannten Viersäulenpolitik Mitte der 90er-Jahre gut, sagt Mühlheim. Und trotzdem forderte sie in regelmässigen Abständen mehr Repression – sowohl gegen Dealer als auch gegen Konsumenten.

So ist sie etwa der Meinung, dass der exzessive Konsum von Kokain bei Heroinsüchtigen nur durch polizeiliche Intervention begrenzt werden kann. «Kokain hat anders als Heroin keine Sät­tigungsgrenze. Nur eine Störung der Szene kann den Konsum eingrenzen», sagt sie. Davon würden letztlich auch die Abhängigen profitieren. Deshalb seien auch die aktuellen Razzien bei der Reitschule der richtige Weg.

Heute sind solche Aussagen weniger umstritten. In den 1990er- und 2000er-Jahren war das noch anders. Entsprechend eckte Mühlheim sowohl bei Kollegen aus dem Suchtbereich als auch in der Politik an.

Insbesondere der SP, für die sie von 1992 bis 2004 im Stadtrat sass, trieb ihre Haltung die Zornesröte ins Gesicht. Genossen warfen ihr Polizeinähe und Populismus vor. Schliesslich kam es zum Bruch, Mühlheim wechselte zur GFL. 2006 wurde sie in den Grossen Rat gewählt, wo sie 2011 bei der GLP ihre neue Heimat fand.

Strenger Stil

Eine, die sich noch immer an Mühlheims Haltung stört, ist Ottilia Hänni. Seit über 25 Jahren betreibt sie im Rahmen der Elternvereinigung Drogenabhängiger in Bern eine Essensabgabe. Angefangen hat Hänni damit im Kocherpark, wo sie auch erstmals auf Mühlheim traf.

«Das Elend der Drogenabhängigen ist nicht kleiner, es ist nur aus dem Bewusstsein der Gesellschaft verschwunden.» Ottilia Hänni

Letztere kritisierte damals, dass die Süchtigen so nicht einmal mehr zum Essen aufstehen müssten. Für Hänni hingegen war und ist klar: «Repression bringt nichts. Heute ist das Elend der Drogenabhängigen nicht kleiner, es ist nur aus dem Bewusstsein der Gesellschaft verschwunden», sagt sie.

Laut Hänni führt kein Weg an einer Legalisierung der verschiedenen Substanzen vorbei. Der «strenge Stil», wie Mühlheim ihn pflege, bringe die Süchtigen nicht weiter. Sie kritisiert denn auch, dass in der Koda viel stärker auf Disziplin und Strafen gesetzt werde, als es Hänni in den Abgabestellen in Thun und Burgdorf wahrgenommen habe.

Solche Vorwürfe nimmt Mühlheim zur Kenntnis. «Ich bin mir bewusst, dass nicht alle meiner Meinung sind. Aber ich mag Auseinandersetzungen.» Sie plädiert denn auch nicht für eine komplette Legalisierung harter Drogen. «Heroin und Kokain sollte man nie in der Migros kaufen können», so Mühlheim.

Entkriminalisiert jedoch müssten die Drogen werden. Denkbar wäre für sie etwa eine medizinisch ­regulierte Abgabe beispielsweise von Amphetaminen. Zudem sollte ihrer Meinung nach Cannabis «endlich in einen legalen Markt gebracht werden».

Als grösste Herausforderung der Zukunft bezeichnet Mühlheim jene Gruppe von Süchtigen, die in keinem Wohnsetting tragbar ist. «Wir müssen einen Weg finden, diese Leute unterzubringen, sodass sie für die Gesellschaft tragbar sind und sich gesundheitlich nicht komplett ruinieren.»

Schwerste Raucherin

Mühlheim selbst hat ihr Leben lang die Finger von harten Drogen gelassen. Als Studentin habe sie ab und zu gekifft. «Und ich war über 20 Jahre lang schwerste Raucherin. Drei Päckchen am Tag.» Erst 2001 schaffte sie es, vom Tabak loszukommen.

Noch heute träume sie aber davon, rückfällig zu werden. Heroin oder Kokain habe sie nie versucht. «Ich wusste, dass ich sucht­gefährdet bin, und habe zu oft gesehen, was die Drogen anrichten können.» In ihrem Job müsse man es aber auch aushalten können, den Verfall von Menschen mitzuerleben.

Von den Erfahrungen in der offenen Szene im Kocherpark hat Mühlheim auch privat profitiert. «Ich habe eine Nase dafür entwickelt, wann es brenzlig wird und wo man besser nicht hingeht. Das hat mir ermöglicht, auch entle­gene Regionen der Welt einigermassen sicher zu bereisen.»

«Suchtarbeit ist ein Aushandeln von Kompromissen. Und genau darum geht es auch beim Teppichhändler in Marokko.»Barbara Mühlheim

Und von ihren Reisen wiederum, auf welchen sie oft Teppiche für ihren Laden einkauft, habe sie im Job profitiert. «Suchtarbeit ist ein Aushandeln von Kompromissen unter allen Interessengruppen. Und genau darum geht es auch beim Teppichhändler in Marokko.»

Die Wandteppiche in ihrem Büro in der Berner Koda muss sie nun aber abhängen und ihren beiden Nachfolgern Naemi Wälchli und Philipp Stettler Platz machen. Ein bisschen wehmütig werde sie sicher sein, sagt Bar­bara Mühlheim.

«Aber ich habe selber beschlossen, dass jetzt Schluss ist. Das vereinfacht den Abschied.» Zudem sei sie der Meinung, dass sie nach 30 Jahren ihren Anteil geleistet habe – sowohl für die Drogensüchtigen als auch die Gesellschaft.

Berner Zeitung

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