«Heiler» überwacht sein Haus mit Kameras

Bern

Als wäre nichts geschehen, unterrichtet G. auch wenige Tage vor dem Prozessbeginn an seiner privaten Musikschule. Unter dem Dachfirst seines Hauses liess er kürzlich neue Überwachungskameras montieren.

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Bis vor einigen Monaten liess Musiklehrer G.* sein Haus von einer einfachen Kamera überwachen, eingebaut in eine Glaslaterne beim Eingang. Doch dieser Überwachungsradius genügte offenbar nicht. Jetzt hat er unter dem Dachfirst der mehrstöckigen Liegenschaft, die ihm schon seit Jahren gehört, Kameras anbringen lassen.

«Für die Montage rückte eine Handvoll Fachleute an, die sich mit einem Skyworker in die Höhe fahren liessen», erzählt ein Anwohner*, der an der gleichen Strasse wie G. wohnt. Er habe beobachtet, wie die Techniker tagelang Kabel verlegt hätten, erzählt der Anwohner. Auch auf der Hinterseite seines Hauses liess G. eine Kamera montieren.

Kamera auch in der Garage

«Mit dieser schwenkbaren Weitwinkelüberwachung entgeht ihm wohl nichts», erzählt der Anwohner. Er habe manchmal ein mulmiges Gefühl, weil er ja nicht wisse, ob der Heiler die Kameras ferngesteuert auch gegen sein Haus schwenke.

Auch einer Nachbarin*, die gegenüber vom Heiler wohnt, stossen die Überwachungskameras sauer auf: «Ich fühle mich oft beobachtet, doch ich habe nichts zu verbergen.» Sie habe eine weisse Weste. «Mein Sohn, der in der Tiefgarage neben dem Haus des Heilers einen Abstellplatz für sein Auto gemietet hat, erzählte mir, dass auch unten in der Garage eine Kamera montiert sei», rapportiert die Nachbarin. Der Mann sei völlig krank, sagt sie und lächelt.

Abends bestellt er Pizza

Anwohner und Nachbarn beschreiben den Heiler als «einen komischen Kauz». Er sei nur selten zu Fuss unterwegs. Meistens fahre er mit seinem schwarzen Jeep aus der Garage und kaufe nur einige Hundert Meter entfernt ein. G. trage stets schwarze Kleider. Den Kontakt zu seinen Nachbarn suche er kaum. «Fast jeden Abend, so gegen 21 Uhr, fährt ein Pizzakurier vor, der ihm das Essen immer in die Wohnung hinaufbringen muss, der Heiler selber kommt nie runter», erzählt die Nachbarin.

Frau mit der Faust traktiert

Der Heiler wohnt zuoberst unter dem Dach des vierstöckigen Hauses. Die sechs Wohnungen vermietet er. «Im Moment ist je eine Wohnung im Parterre und im ersten Stock leer», will die Nachbarin wissen. Es komme häufig zu Mieterwechseln, sagt sie. Der Nachbar hat die gleichen Beobachtungen gemacht: «Es steht fast jeden Monat ein Zügelwagen vor dem Haus.» Eine weitere Nachbarin will Gründe für die häufigen Mieterwechsel kennen: «Er belästigt die Mieter – einer Frau hat er die Faust ins Gesicht geschlagen und sie angespuckt.» Anschliessend sei die Polizei angerückt und habe Akten aus seiner Wohnung getragen. Den Heiler habe die Polizei ebenfalls mitgenommen.

Doch wenig später sei er wieder mit seinem Jeep aus der Garage gefahren. Das Verhalten des angeklagten Heilers ist für die Anwohner ein Rätsel: «Einerseits soll er bewusst HI-Viren übertragen haben und Mieterinnen schlagen, andererseits ist er ein exzellenter Musiklehrer», sagt die Nachbarin. Ihr Mann sei vor über zehn Jahren zum Heiler in den Kontrabassunterricht gegangen, und er sei sehr zufrieden gewesen.

Lob für den Musiklehrer

Auch der Nachbar lobt die Qualitäten des Musiklehrers: «Ich habe von einigen Schülerinnen und Schülern gehört, dass er ihnen in sehr kurzer Zeit sehr viel beigebracht hat.» Gegenwärtig beobachte er jeden Tag, wie Kunden ein- und ausgehen. «Die Musikschule des Heilers läuft offenbar nach wie vor», sagt er.

Obwohl die Anwohner auch die gute Seite des Heilers sehen, sind sie froh, dass es jetzt zum Prozess kommt. «Wenn die Vorwürfe wirklich zutreffen, gehört ein so schlimmer Mensch hinter Gitter», sagt die Nachbarin. Es sei kaum vorstellbar, was die angesteckten Ex-Schüler jetzt durchmachen müssten. «Der Schaden ist kaum wiedergutzumachen», sagt der Anwohner.

*Namen der Redaktion bekannt

Berner Zeitung

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