Hasch mich, ich bin der Künstler

Die Kunsthalle präsentiert mit «Sie sagen, wo Rauch ist, ist auch Feuer» eine geballte Ladung Kunstschaffender, die man nicht recht fassen kann. Sie ver-stecken sich hinter Pseudonymen, verschwinden im Kollektiv oder streuen bewusst falsche Gerüchte.

Zeittypische Verweigerungshaltung: «Rekonstruiertes Outfit» (1997), Bernadette Corpo­ration.

Zeittypische Verweigerungshaltung: «Rekonstruiertes Outfit» (1997), Bernadette Corpo­ration.

(Bild: G. Meier/zvg)

Helen Lagger@FuxHelen

Ach, wie gut, dass niemand weiss, dass ich Rumpelstilzchen heiss, singt der fiese Kerl im gleichnamigen Märchen. Sich hinter einem Pseudonym zu verstecken, ist auch eine beliebte Künstlerstrategie. Manchmal geht es um ein Spiel mit der eigenen Identität, manchmal um ein Verwischen der Autorschaft, um die Gesetze des Kunstmarktes auszuhebeln.

Mit der Schau «Sie sagen, wo Rauch ist, ist auch Feuer» präsentiert die Kunsthalle (in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Glarus) eine Ladung Kunstschaffender, die man nicht wirklich fassen kann. Mitten im Hauptsaal liegt eine Leiche aus Latex. Es handelt sich bei dem Toten mit offenem Schädel offensichtlich um einen Künstler, denn in der Hand hält er einen Pinsel.

Wer steckt hinter der Kunst?

Eine Requisite für eine Fernsehproduktion oder eine Abrechnung mit dem Hyperrealisten Duane Hanson, der gemäss dem ellenlangen Titel hier angeblich liegt? Geschaffen wurde das Werk von Puppies Puppies. Wer hinter diesem Label steckt, bleibt geheim. Ein Mann? Eine Frau? Mehrere Leute?

Valérie Knoll, Direktorin der Kunsthalle, hatte zwar Mailkontakt mit jemandem, wie eine Mitarbeiterin der Kunsthalle erklärt, doch ein Gesicht des Künstlers oder des Kollektivs habe sie nie zu sehen bekommen.

Fiktives von Tom Kummer

«Was für eine geile Rätselhaftigkeit», schreibt Tom Kummer in einem speziell für die Kunsthalle verfassten Text. Der Berner Journalist, der im Jahr 2000 wegen fiktiver Interviews einen Medienskandal auslöste, ist in der Kunsthalle angekommen, wo er seiner überbordenden Fantasie legal freien Lauf lassen kann.

Kummers Text, der in der Kunsthalle aufliegt, ist – wie könnte es anders sein – ein fiktives Interview. Seine Gesprächspartnerin ist Tracy, die angeblich für eine Talentagentur in Beverly Hills arbeitet. Sie analysiert den Marktwert der ausgestellten Werke und liefert dabei einen vergnüglichen Leitfaden zur Ausstellung.

Duchamp als Übervater

Auch der sogenannten Bernadette Corporation scheint eine einzige Identität nicht zu genügen. Die Gründungsmitglieder entstammen der Clubszene der Neunzigerjahre. In der Kunsthalle präsentiert das Kollektiv unter anderem ein «rekonstruiertes Outfit» von 1997. In einer Felljacke ist das Logo BC für Bernadette Corporation ausrasiert worden. Die Schaufensterpuppe dreht dem Betrachter den Rücken zu und präsentiert so die trashige Antimode in einer zeittypischen Verweigerungshaltung.

Insgesamt gibt es in der dichten Schau mehr als vierzig Positionen sowie von Künstlern verfasste Bücher zu entdecken. Darunter eine angebliche Autobiografie eines It-Girls, die von über hundert Autoren geschrieben wurde. Manche Arbeiten sind historisch, andere ­aktuell oder speziell für die Ausstellung geschaffen.

Marcel Duchamp, der Übervater all dieser Strategien, ist mit einem Porträt seines Alter Egos Rrose Sélavy vertreten. Der katholische, junge Künstler hatte sich einst als jüdische, ältliche Dame neu erfunden.

Ausstellung:Bis 1. Oktober, Kunsthalle Bern.

Berner Zeitung

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