Handgemenge bei «Industrious»-Vernissage zwischen Aktivist und Künstler

Bern

An der Vernissage zur Ausstellung «Industrious» kam es am Donnerstag zu einem Handgemenge zwischen dem Aktivisten Johannes Lortz und dem Fotografen Marco Grob. Der Grund: die umstrittene Rolle des Zementkonzerns Holcim.

Son Tran Van I: Das grossformatige Porträt eines vietnamesischen Arbeiters von Marco Grob besticht mit Präzision und übersteigertem Realismus.

Son Tran Van I: Das grossformatige Porträt eines vietnamesischen Arbeiters von Marco Grob besticht mit Präzision und übersteigertem Realismus.

(Bild: zvg)

Lucie Machac@liluscha
Oliver Meier@mei_oliver

Christoph Schäublin, Stiftungsratspräsident des Kunstmuseums Bern, hält in gewohnter Manier seine Begrüssungsrede, als es passiert: Ein junger Mann, der Berner Aktivist Johannes Lortz, tritt zum Rednerpult und schreibt auf den Sockel der daneben stehenden Amiet-Büste: «Asbestos Bodies» – und malt drei Kreuze darunter. Lortz spricht ein paar Worte über sein «Mahnmahl für Asbestopfer», was der Fotograf Marco Grob als Angriff auf seine Arbeit deutet. Er hält den jungen Mann fest, will ihn zur Rede stellen. Es kommt zu einem Handgemenge. Ein Sicherheitsbeauftragter des Kunstmuseums geht dazwischen und führt den Aktivisten hinaus. Beim Hinausgehen wird Lortz von einem Besucher beschimpft.

«Der junge Mann wurde ohne Gegenwehr hinausgeführt», sagt die Kommunikationsverantwortliche des Kunstmuseums Ruth Gilgen, die den Vorfall miterlebt hat. «Wir haben den Aktivisten friedlich vors Kunstmuseum begleitet. Es kam zu keinen weiteren Tätlichkeiten.»

Brüder Schmidheiny im Fokus

Der Grund für diesen Eklat: Anlässlich seines 100-jährigen Bestehens hat der Baustoffkonzern Holcim ein Fotoprojekt in Auftrag gegeben. Das Schweizer Unternehmen ermöglichte dem Porträtfotografen Marco Grob sowie dem Berliner Duo David Hiepler und Fritz Brunier freien Zugang zu Mitarbeitern und Produktionsstätten auf fünf Kontinenten. Das Resultat ist die aktuelle Ausstellung «Industrious» im Kunstmuseum.

Was bewog nun Johannes Lortz zu seiner Schmieraktion? Der grösste Einzelaktionär der Firma Holcim, Thomas Schmidheiny, ist der Bruder von Stephan Schmidheiny, dem ehemaligen Verwaltungsratspräsident der Eternit AG. Das Unternehmen geriet in den 1970er-Jahren zunehmend in die Kritik wegen Verwendung des gesundheitsschädigenden Asbests. Stephan Schmidheiny wurde vor kurzem in Italien zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt.

«Es ist seltsam, dass ein Konzern seine Arbeiter zu Kunstobjekten macht und eine Kulturinstitution dem unhinterfragt eine Plattform gibt», begründet Lortz seine Aktion. «Mit der Aussage, Holcim und Eternit seien zwei verschiedene Firmen, macht man es sich zu einfach. Die Verstrickungen sind Tatsache», so Lortz, der der Performancegruppe Mea Tulpa angehört und bereits mehrmals für Aufsehen sorgte, zuletzt bei einem Podium mit Kurator Hans Ulrich Obrist im Progr.

Fakt ist, dass die Eternit Schweiz AG von 1989 bis 2003 zur Holcim-Gruppe unter Präsident Thomas Schmidheiny gehört hat. Fakt ist aber auch, dass Stephan Schmidheiny eine Pionierrolle beim Ausstieg aus dem asbesthaltigen Eternit-Baustoff übernommen hatte. «Mir geht es darum, dass die heiklen Punkte öffentlich diskutiert werden. Immerhin handelt es sich beim Kunstmuseum um eine subventionierte Kulturinstitution», sagt Lortz.

Ruth Gilgen vom Kunstmuseum entgegnet: «Die Fotoausstellung ist ein künstlerisches Projekt in Zusammenarbeit mit der Firma Holcim. Die Fotografen hatten freie Hand.» Es sei keine Werbeplattform für einem Konzern, sondern eine vom Kunstmuseum kuratierte Ausstellung. «Wir hatten zusammen mit den Künstlern die alleinige Verantwortung für die Auswahl und Inszenierung der ausgestellten Werke», sagt Gilgen.

Anzeige nach Vorfall?

Nach dem Handgemenge an der Vernissage beklagt sich Lortz nun über «einen verstauchten Fuss, ein verletztes Auge und starke Kopfschmerzen». Er behalte sich eine Anzeige vor. «Unser Sicherheitsbeauftragter hat keine sichtbaren Verletzungen festgestellt, als er den Aktivisten hinausbegleitet hat», sagt Gilgen. Der ganze Vorfall habe etwa eine Minute gedauert. Das Kunstmuseum Bern habe darauf verzichtet, die Personalien des jungen Mannes aufzunehmen und Anzeige zu erstatten.

Berner Zeitung

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