Drogenhändler-Prozess: «Ich war nur der Lieferant»

Bern

Am Montag startete in Bern der Prozess um einen Drogenschmugglerring. Zum Auftakt wurde ein 59-Jähriger vernommen, der über 70 Kilo Kokain nach Bern brachte.

«C’est faux!»: Angeklagter Nr. 1 will in der Organisation nicht mehr als ein simpler Drogenkurier gewesen sein. Illustration: Karin Widmer

«C’est faux!»: Angeklagter Nr. 1 will in der Organisation nicht mehr als ein simpler Drogenkurier gewesen sein. Illustration: Karin Widmer

(Bild: zvg/Kapo Bern)

Michael Bucher@MichuBucher

Die Tür des Gerichtssaals geht auf und herein spazieren sie. Sieben Männer, die Häupter gesenkt, die Hände hinter dem Rücken in Handschellen gelegt. Sie werden von Polizisten an ihren Platz gebracht. Die sieben Beschuldigten sitzen im Halbkreis. Vor ihnen beäugt sie das Fünfergremium unter der Leitung von Gerichtspräsident Jürg Christen kritisch. Aus Platzgründen wird der Prozess im prächtigen Assisensaal des Berner Amtshauses geführt. In den Saal mit hoher Decke und mächtigem Kronleuchter schaffen es nur die grossen Fälle. Der «Heiler»-Prozess fand hier statt. Auch der «Bödeli-Mord» in Unterseen wurde hier verhandelt.

5600 Franken Transportgeld

Beim Prozessauftakt am Montag befragt das Gericht zuerst den Ältesten. Der 59-jährige Kongolese ist bereits Grossvater. Zu sehen kriegt er die Enkel und den Rest der Familie allerdings nicht oft, da er sich im vorzeitigen Strafvollzug auf dem Thorberg befindet. «Ich habe einen Fehler gemacht, dass ich mich in die Sache habe reinziehen lassen», sagt der Mann mit den kurz geschorenen Haaren und grauem Kinnbart. Diese «Sache», die er meint, hat während Jahren Heerscharen von Beamten im ganzen Land beschäftigt. Ihm und seinen Komplizen wird zur Last gelegt, Teil eines europaweit operierenden Drogenschmugglerrings zu sein, der seine Zentrale in Holland hat. Während eines Jahres sollen sie rund 105 Kilo Kokain von Amsterdam in den Raum Bern geschmuggelt haben. Ihr Urteil erfahren sie am 3. Dezember.

Der Beschuldigte sitzt zurückgelehnt im Stuhl, die Hände in den Schoss gelegt. Er gibt stets höflich Auskunft. Von den Gefängnisaufsehern bekommt er ein mustergültiges Verhalten bescheinigt. Mustergültig verrichtete er offenbar auch seinen Job als Kokainschmuggler. Beinahe wöchentlich fuhr er zusammen mit einem Komplizen von Amsterdam nach Bern. Die bis zu vier Kilo Kokain versteckten die beiden jeweils in einem Ersatzreifen des Mietautos. Über 70 Kilo lieferten sie so in den Drogendepots in Worblaufen und Köniz ab. Für jede Lieferung gabs 5600 Franken bar auf die Hand. So steht es zumindest in der 161 Seiten langen Anklageschrift.

Auch Geld transportiert?

Von einem «Organisator» aus Holland sei er im August 2014 für einen Transportjob angeheuert worden, erzählt der Beschuldigte vor Gericht. Weil ihm zuvor der Führerschein entzogen worden war, spannte er seinen Kollegen ein. Anfangs habe er geglaubt, sie würden ein wenig Marihuana transportieren, behauptet er. «Ich fragte nicht nach, ich war nur der Lieferant. Der Rest ging mich nichts an.»

Der Beschuldigte versucht während der Einvernahme seine Rolle in dem komplexen und ausgeklügeltenSpeditionssystem möglichst kleinzureden. Umstritten ist, ob er wirklich erst vor fünf Jahren in die Sache «reingerutscht» ist, wie er glaubhaft machen will – zu dem Zeitpunkt also, als die umfangreichen Ermittlungen der Bundeskriminalpolizei Fahrt aufnahmen. Denn laut Anklageschrift wurde bei ihm schon 2010 eine grössere Menge Kokain im Wagen gefunden.


Die Kokainhändler transportierten die Droge in Ersatzreifen in die Schweiz.

Der Mann, der seit 30 Jahren im Raum Bern wohnt und einen Kleinladen besitzt, soll zusätzlich Geld von Bern nach Holland geschafft haben. Bis zu 30'000 Franken pro Fahrt. Ebenfalls in Ersatzreifen versteckt. Das behaupteten mehrere seiner Mitangeklagten bei früheren Einvernahmen. «C’est faux!», wiederholt er stets, wenn er mit den Vorwürfen konfrontiert wird. Er ist jetzt aufgebracht und gestikuliert auch mal. Die anderen würden ihn bloss anschwärzen, damit sie selbst kleiner erscheinen in dem professionellen Schmugglernetzwerk.

Nach der Mittagspause sitzt einer der Organisatoren aus Holland vor dem Richter. Nicht als Angeklagter, sondern als Auskunftsperson. In einem parallel laufenden Verfahren am Bundesstrafgericht wurde der Mann bereits verurteilt. Dieser soll ein Mitglied des nigerianischen Familienclans sein, welcher die Versorgung der «Berner Zelle» durch Kokain koordinierte. «Er war mein Auftraggeber», sagt der Beschuldigte aus Bern. «Ich kenne ihn nicht», behauptet umgekehrt der Mann aus Holland.

«Es geschah einfach»

Mittlerweile wird es dunkel draussen, der Kronleuchter erhellt den Assisensaal. Was er denn nach seiner Zeit im Gefängnis tun wolle, fragt Gerichtspräsident Christen. «Ich möchte wieder in meinem Laden arbeiten», sagt der 59-jährige Kongolese. Dort, wo er jahrelang Kundschaft bedient hatte, ehe er und sein Kollege im März 2015 auf einer Fahrt aus Holland in eine Polizeikontrolle rasselten. Mit an Bord: 4 Kilo Kokain, versteckt im Ersatzreifen. «Warum haben Sie bei dem Drogenschmuggel mitgemacht?», will der Gerichtspräsident zum Schluss wissen «Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. Es geschah einfach», lautet die Antwort. Was denkt er heute darüber? «Ich bitte Gott um Vergebung, das ist alles.»

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