Halbe Portionen für Übergewichtige

Beleibte Menschen haben es nicht einfach in der Gesellschaft. Oft werden sie stigmatisiert – auch nach einer Operation. Ein neuer Verein will Betroffenene unterstützen und sucht Restaurants, die kleinere Menüs anbieten.

Kleinere Menüs zur Wahl: Vereinsgründerin Romi Sutter im Restaurant Della Casa in Bern. Hier wird für Menschen mit Fettleibigkeit eine kleinere Portion angeboten. Im Gegenzug gibts einen kleinen Preisnachlass.

Kleinere Menüs zur Wahl: Vereinsgründerin Romi Sutter im Restaurant Della Casa in Bern. Hier wird für Menschen mit Fettleibigkeit eine kleinere Portion angeboten. Im Gegenzug gibts einen kleinen Preisnachlass. Bild: Beat Mathys

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Romi Sutter ist keine schlanke Frau. Die agile 67-Jährige ass früher viel. Zu viel, wie sie heute selber sagt: «Ich hatte Probleme zu bewältigen. Dies habe ich mit Essen kompensiert.» Schliesslich brachte Sutter 104 Kilogramm auf die Waage. Sich operieren zu lassen, war für sie allerdings keine Option. «Meine Meinung war: Wer viel isst, kann auch ohne Operation wieder abnehmen. Oder muss sich sonst mit den vielen Kilos arrangieren», sagt sie.

Sie ist eine sehr engagierte Person, liess sich zur Handweberin ausbilden, studierte Operngesang, war Vollzugsbeamtin, baute als Dienstleitende der Gemeinde Köniz die Kindertagesstätte auf, war für die Fremdbetreuung von Pflegekindern verantwortlich und beim Kanton als Sachbearbeiterin tätig. «Zum Erholen abends allein in der Wohnung ass ich. Das war für mich Ent­spannung pur.»

Die Fettleber

Doch dann geschah etwas, womit die alleinstehende Frau nicht rechnete: «Die Ärzte stellten fest, dass meine Leber stark verfettet war. Ich hatte keine Wahl mehr. Das war der Zeitpunkt, als ich beschloss, etwas zu unternehmen.» Da sie schnell handeln musste, klärte sie Dino Kröll, Oberarzt für Viszeralchirurgie des Inselspitals Bern, über die Operationsvarianten auf. Sie entschied sich für eine Sleeve-Gastrektomie, bei welcher das Fassungsvermögen des Magens drastisch reduziert wird.

Im November 2016 wurde sie im Bauchzentrum des Inselspitals operiert. «Bereits nach einem halben Jahr wog ich noch 87 Kilogramm.» Doch das Gewicht zu halten, war nicht einfach. Vor allem auch, weil sie gern isst. «Für Alleinstehende ist es doppelt schwierig, darauf zu achten, wie viel sie essen.» Oft fehle ihnen der Ansporn dazu und vor allem jemand, der sie im Alltag unterstütze.

Es brauche viel Disziplin, sich zu bewegen und nicht immer zwischendurch zu essen, weiss Sutter. «Gerade engagierte Menschen tun dies besonders oft. Sie ernähren sich falsch.» Aus Gewohnheit sende der Magen stets neue Hungersignale ans Gehirn, «obwohl der Körper satt ist. Es ist wie eine Sucht.»

«Nach der Operation ist eine komplette Umstellung der Gewohnheiten erforderlich. Das ist das Schwierigste am ganzen Prozess», betont der Mediziner Philipp Nett. So mancher Patient werde rückfällig. Die Quote liege bei 50 Prozent, fügt er an.

Idee zur Vereinsgründung

Romi Sutter machte sich dies­bezüglich viele Gedanken. «Es muss doch etwas geben, wo sich Betroffene austauschen können, ohne sich zu schämen.» Kurz entschlossen gründete sie mit zwei Mitstreiterinnen den Verein Stomachus.

«Von den Fachleuten in der Insel wurde ich sofort ernst genommen und unterstützt», freut sie sich. Sie sagten, endlich sei da jemand, der selbst die Initiative ergreife. Kurzerhand vernetzte sich der Verein mit Philipp Nett. Er ist der Leiter der Universitätsklinik für Viszerale Chirurgie und Medizin des Inselspitals. «Wir begrüssten sehr, dass da ein Verein entsteht, der sehr professionell daherkommt und Hand und Fuss hat», sagt er. Heute arbeiten die Initianten von Stomachus hauptsächlich mit dem Insel­spital zusammen. Wobei auch andere Institutionen wichtig seien, wie Sutter sagt.

Für kleinere Portionen

Der Verein Stomachus Bern bietet seinen Mitgliedern die Möglichkeit für einen Austausch unter Personen, deren Magen operativ verkleinert wurde. Kochkurse und Ernährungsbe­ratung sind weitere Angebote.

Besonders stolz ist Romi Sutter über ein Projekt mit Berner Gastwirten: Sie hat Restaurants gefunden, die bereit sind, Menschen mit Adipositas (Übergewichtigkeit) kleinere Portionen anzubieten. «Manchmal sogar weniger als die halbe Portion», so Sutter. Mittlerweile seien einige Restaurants bereit mitzumachen, sagt Sutter, welche die Gaststätten akquiriert. Darunter das Della Casa und die Schmiedstube in Bern, das Fähri-Beizli in Muri oder das Rössli in Säriswil. «Es werden immer mehr», freut sie sich. Menschen, die in Bezug auf ihre Adipositas operiert worden seien, seien meistens bereits satt, bevor die halbe Portion aufgegessen sei. Deshalb gibt es in den ausgewählten Restaurants gegen Vorweisen des Vereinsausweises eine Menükarte mit speziell kleinen, gesunden Portionen.

Nachsorge ist entscheidend

Das Projekt kann einen Beitrag leisten, damit Übergewichtige ihr Gewicht nach einer Operation halten können. Für Philipp Nett ist klar, dass das Problem der Fettleibigkeit mit einem opera­tiven Eingriff nicht gelöst ist: «Die lebenslange Nachsorge nach einer Operation ist daher unerlässlich», betont er. Diese beinhalte auch Unterstützung in Sachen Durchhaltevermögen. «Diese Massnahmen können den Betroffenen helfen, es wirklich zu schaffen, nicht mehr zuzunehmen», betont er. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.06.2018, 13:43 Uhr

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Tobias Burkhalter ist der Prä­sident des Branchenverbandes Gastro Stadt Bern und Um­gebung. Der Gastrounternehmer führt unter anderem die Schmiedstube in Bern, welche die Bedürfnisse von Allergikern speziell berücksichtigt. «Damit haben wir grossen Erfolg», sagt er. Deshalb sei er auch gegenüber der Idee der kleineren Portionen für Übergewichtige offen. «Es geht nicht darum, ein Menü günstiger anzubieten. Sondern darum, dass weniger, aber vor allem Gesundes auf dem Teller liegt.» So manches – wie zum Beispiel Pommes frites – sollten Menschen mit Adipositas nicht mehr essen. «Ein Gemüserisotto dagegen ist gesund, ohne zu belasten», sagt er. (slb)

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