«Häusliche Gewalt ist in allen sozialen Schichten verbreitet»

Das Frauenhaus Bern war eines der ersten im Land. Seit 35 Jahren bietet es Opfern Schutz. Leiterin Chris­tine Meier blickt auf den harzigen Anfang zurück und vermisst eine nationale Strategie.

Christine Meier leitet das Berner Frauenhaus.

Christine Meier leitet das Berner Frauenhaus. Bild: Urs Baumann

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Frau Meier, das Frauenhaus Bern wurde 1980 gegründet, als eines der ersten in der Schweiz. War dieser Schritt damals etwas ­Revolutionäres?
Christine Meier: Ja. Vor 35 Jahren war häusliche Gewalt kein Thema in der Öffentlichkeit. Im Gegenteil – es herrschte die Haltung vor, dass die Leute das in ihren eigenen vier Wänden regeln sollten. Die Initialzündung zum Frauenhaus kam aus der Frauenbewegung, die forderte, dass das Private öffentlich gemacht werden soll.

Wie hat die Bevölkerung darauf reagiert?
Die feministische Bewegung ist zu Beginn auf viel Ablehnung gestossen. Aber wenn man aufzeigt, was häusliche Gewalt für die Opfer und die Täter bedeutet, fühlen sich Leute betroffen. Etwa wenn sie realisieren, dass es der eigene Wohnraum ist, in dem am meisten Frauen umgebracht werden.

Dem Frauenhaus wurde vorgeworfen, dass es Ehen zerstöre.
Es kann den betroffenen Männern so vorkommen. Sie leben in einem Gefüge, in dem sie über ihre Frau und ihre Kinder Macht ausüben können. Und das gerät durcheinander, wenn eine Frau unterstützt wird, die das nicht länger erdulden will.

Ist die negative Stimmung bis heute gänzlich verschwunden?
Eigentlich schon. Es gibt aber leider nach wie vor eine kleine Bewegung, die den Frauen unterstellt, dass sie nur deshalb ins Frauenhaus kommen, weil sie sich eine bessere Ausgangslage bei einer Scheidung erhoffen.

Welche Massnahmen zum Schutz von Opfern häuslicher Gewalt waren in den letzten ­Jahren am wirkungsvollsten?
Seit 2005 können gewalttätige Männer oder Frauen aus der gemeinsamen Wohnung weggewiesen werden. Und seit 2004 zählt häusliche Gewalt als Offizial­delikt wenn die Polizei interveniert, und wird auch von Amtes wegen verfolgt.

Hindert das Frauen daran, ins Frauenhaus zu kommen, weil sie ihren Partner schützen wollen?
Nein. Die Polizei wird ja nicht automatisch eingeschaltet. Zudem stellen sehr viele Frauen die Strafverfolgung ein.

Heute beherbergen Sie mehr Migrantinnen. Warum?
Einerseits ist das Frauenhaus mittlerweile in weiteren Kreisen bekannt. Andererseits haben die Frauen, die bei uns Unterschlupf suchen, häufig nicht viele Ressourcen und wenig Geld. Dies trifft oft auf Migrantinnen zu.

Das bedeutet aber nicht, dass Migrantinnen öfters häusliche Gewalt erleben?
Nein. Häusliche Gewalt ist in allen sozialen Schichten verbreitet: Wir helfen auch Schweizerinnen, oder Ausländerinnen, die mit Schweizern verheiratet sind. Eher entscheidend ist, ob eine Frau eine eigene Familie als Stütze um sich hat.

Wie verändert dies Ihre Arbeit?
Die Situation der Klientinnen wird komplexer. Es müssen immer mehr Faktoren geklärt werden, zum Beispiel Kindesschutzfragen oder ausländerrechtliche Fragen. Wenn Frauen im Rahmen eines Familiennachzuges in die Schweiz kommen, müssen sie 3 Jahre verheiratet sein, bis sie eine eigenständige Aufenthaltsbewilligung erhalten. Wenn sie ihren Mann wegen häuslicher Gewalt verlassen, kann der Aufenthalt gefährdet sein. Für solche Frauen besteht die Möglichkeit, ein Härtefallgesuch zu stellen.

Die Frauen bleiben durchschnittlich 43 Tage. Sie mussten aber letztes Jahr über 100 abweisen. Was passiert mit ihnen?
Wir schauen, ob wir einen Platz in einem anderen Frauenhaus finden – notfalls in einem Hotel. Im Stich gelassen wird niemand. Im Kanton Bern sind wir relativ gut ausgestattet mit Frauenhäusern, aber wir haben Belegungszahlen von 85 bis 95 Prozent.

Sie fordern mehr Angebote.
Laut Europarat sollte es pro 10'000 Einwohner und Einwohnerinnen einen Platz in einem Frauenhaus geben. In der Schweiz fehlen etwa 500 Plätze. Zudem ist es so, dass jeder Kanton unterschiedlich viele Angebote hat, weil es keine nationale Strategie gegen häusliche Gewalt gibt. Wir wollen aber, dass alle Frauen Hilfe in Anspruch nehmen können, unabhängig davon, wo sie wohnen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 25.11.2015, 06:43 Uhr

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