Hälfte der Psychiater will immer noch keinen Notfalldienst leisten

Im Spätherbst wird in Biel nach langem Ringen ein Psychiatrie-Notfalldienst eingerichtet. Rund die Hälfte der Psychiater ist jedoch nicht bereit, Notfalldienst zu leisten, und bezahlt lieber die Ersatzabgabe.

Zankapfel Notfalldienst: Die Bieler Psychiater bezahlen lieber eine Ersatzabgabe, als abends und am Wochenende zu arbeiten.

Zankapfel Notfalldienst: Die Bieler Psychiater bezahlen lieber eine Ersatzabgabe, als abends und am Wochenende zu arbeiten.

(Bild: Fotolia)

Philippe Müller

Um 17.30 Uhr ist Schluss. Und am Wochenende bleiben die Praxen gleich ganz zu. In Biel herrscht ein Notfallvakuum in der Psychiatrie: Keiner der rund 30 niedergelassenen Psychiater ist bereit, Notfalldienst zu leisten.

Allesamt haben sie sich gegen eine Jahresgebühr von 5500 Franken davon befreien lassen. Dass der ärztliche Bezirksverein Biel-Seeland dies so billigte, ist fragwürdig. Gemäss kantonalem Gesundheitsgesetz ist grundsätzlich jeder Arzt verpflichtet, Notfalldienst zu leisten, für eine Befreiung braucht es gewichtige Gründe.

Seit zweieinhalb Jahren ist das Problem bekannt. Doch erst jetzt kommt langsam Bewegung in die Sache. Kantonsarzt Jan von Overbeck ist es nach eigener Aussage gelungen, den ärztlichen Bezirksverein Biel-Seeland von der Notwendigkeit eines Notfalldienstes zu überzeugen. «Nun sind 17 Psychiater bereit, eine Notfallversorgung auf die Beine zu stellen», sagt er.

Es sei angedacht, dass das Netzwerk psychische Gesundheit mit Hauptsitz in Bellelay und Standort in Biel den ärztlichen Bezirksverein Biel-Seeland darin unterstütze, den Notfalldienst zu gewährleisten. Der Kantonsarzt schätzt, dass die Notfallversorgung in Biel ab November funktionieren werde.

Verzicht auf Zwang

Wenn 17 von rund 30 Psychiatern Notfalldienst leisten, bedeutet das im Umkehrschluss aber auch, dass sich weiterhin fast die Hälfte davor drückt. Von Overbeck räumt ein, dass ihn das persönlich störe. «Ich muss aber eine Güterabwägung machen. Unter dem Strich ist es mir lieber, dass wir einen Notfalldienst mit 17 Psychiatern anbieten können als gar keinen.»

Gemäss Gesundheitsgesetz könnte von Overbeck sämtliche Psychiater zum Verrichten von Notfallschichten zwingen. Das will er aber nicht. «Ich lege grossen Wert auf Kollaboration. Die Leute müssen überzeugt sein von dem, was sie tun», sagt der Kantonsarzt. Die Hälfte der Psychiater, die sich dispensieren liessen, würden mit ihrer Ersatzabgabe immerhin die Finanzierung des Notfalldienstes mittragen.

Berner Zeitung

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