Gymeler rettet Rehkitze mit selbstgebauter Drohne

Jährlich geraten ab Mitte Mai in der Schweiz bis zu 2000 Rehkitze in Mähmaschinen. Der Berner Maturand Pascal Zimmermann rettet Kitze mit einer selbstgebauten Drohne.

Kurz nach fünf Uhr in der Früh: Es ist noch kühl. Vögel zwitschern, Kuhglocken läuten aus der Ferne und die Hauptstrasse von Riggisberg nach Bern wird noch kaum befahren. Am Rand einer grossen Wiese stellt der 18-jährige Pascal Zimmermann seine Drohne mit ihren sechs Rotoren auf.

Das Gras steht hoch, das Wetter verspricht schön zu werden. Heute noch soll daher gemäht werden. Der Grundbesitzer hat Zimmermann angefragt, ob er mit seinem ferngesteuerten Fluggerät die Wiese zuvor nach Rehkitzen absuchen könne.

Sorgfaltspflicht der Bauern

«Nicht alle Bauern sind so vorbildlich», stellt Wildhüter Marco Catocchia fest, der die Rettungsaktion beobachtet. «Es gehört eigentlich zur Sorgfaltspflicht der Bauern, dass sie auf Rehkitze achten. Vermähen ist nicht verboten, der Bauer muss aber an- und totgemähte Kitze von Gesetzes wegen beim Wildhüter melden», erklärt er. Er nehme sich dann der Tiere an.

Die aktuelle Mähsaison ist noch jung, aber bereits sind beim Berner Wildhüter erste tote Rehkitze gemeldet worden. Eine Dunkelziffer besteht. Catocchia rechnet damit, dass heuer noch nicht alle Rehe auf der Welt sind. Als Wildhüter ist er zuständig für das Gebiet von Belp bis Neuenegg und stellt für die Bauern den Kontakt zu regionalen Jägern her, falls dieser noch nicht besteht.

«Das Absuchen der Felder mittels Drohnen ist momentan die schnellste und zuverlässigste Methode.»Pascal Zimmermann

Aus Erfahrung wissen Catocchia und Zimmermann, dass es extrem schwierig ist, mit konventionellen Schutzmassnahmen wie Verblenden - etwa durch Scheuchen - Verwittern, d.h. Verteilen von unangenehmen Gerüchen, oder selbst durch Ablaufen der Wiesen, Kitze zu schützen.

Die Gefahr ist akut, weil den Rehkitzen in den ersten Lebenswochen ein Eigengeruch fehlt und sie auch bei Gefahr, gut getarnt durch ihr Fleckenfell, regungslos im Gras verharren. Sie lassen sich weder durch Menschen, Hunde, noch Geräusche von Mähmaschinen aufscheuchen.

Tierliebe und Technik-Freude

Als Bauernsohn hat Zimmermann das mehrfach beobachtet. Neben der Tierliebe treibt ihn die Faszination für die Technik an. Die selbst gebauten Modellflugzeuge von Vater und Sohn Zimmermann aus Kindertagen, der eigene Flugsimulator und eben auch die Drohne «Marke Eigenbau» zeugen davon. Was lag da näher, als in der Maturaarbeit die beiden Vorlieben zu verbinden?

Der Senior ist beim heutigen Einsatz die rechte Hand des Juniors: Routiniert holt er das Stativ aus dem Kofferraum des Autos und baut darauf die Bodenstation des Kamerasystems auf. Pascal Zimmermann schliesst derweil den Akku an die Drohne an, klappt den Laptop auf und startet das Programm «Mission Planner».

Die Koordinaten des Geländes hat er am Vorabend eingegeben, indem er mit ein paar Mausklicken die Wiese umrandet hat, die von der Drohne abgesucht werden soll. Das Feld wird dadurch in imaginäre Linien im Abstand von 24 Metern eingeteilt - die Flugbahn des Hexakopters.

Zimmermann schaltet die Fernsteuerung ein, drückt den linken Steuerknüppel kurz nach rechts: Der Motor startet und die Rotorenblätter drehen sich. Er bewegt den rechten Knüppel aufwärts, und der Kopter hebt senkrecht ab. Das Geräusch ähnelt einem Schwarm wilder Bienen. Zimmermann dreht die Kamera um 90 Grad und legt die Schalter auf «Auto Mode» um.

«Bauern müssen an- und totgemähte Kitze von Gesetzes wegen beim Wildhüter melden.»Marco Catocchia, Wildhüter

Der Kopter macht sich mit einem leichten Ruck selbständig und beginnt in 35 m Höhe über dem Boden die Parzelle abzusuchen. Die Bewegungen lassen sich auf dem Monitor mitverfolgen. Auf dem grauen Wärmebild der Wiese werden grosse weisse Punkte sichtbar. «Das sind wir», erklärt Zimmermann. Kurz darauf taucht ein deutlich kleinerer weisser Punkt auf. «Das ist ein Tier», stellt er erfreut fest.

Der junge Berner kippt den Schalter um. Die Drohne schwebt tiefer. Der weisse Punkt verfärbt sich allmählich rot. Die Drohne verharrt jetzt schwebend über dem Wärmepunkt. Sofort fotografiert er die Koordinaten vom Laptop und speist sie in ein Handy-App ein.

Nicht weit vom ersten weissen Punkt entfernt entdeckt er einen zweiten. Auch diese Koordinaten hält Zimmermann fest. Der Multikopter fliegt nun von alleine zum Startpunkt zurück und landet sicher.

Zuverlässige Ortung

Jetzt erweisen sich die groben olivgrünen Gummistiefel als sehr nützlich. Obwohl die Ortung der Rehkitze relativ genau ist, ist es immer noch schwierig, diese im hohen, nassen Gras zu finden. Vater Zimmermann setzt sich eine Virtual-Reality-Brille auf, auf die das Wärmebild des Monitors übertragen wird.

Gross ist die Freude als sie kurz darauf, nicht weit voneinander entfernt, zwei, knapp eine Woche alten Rehkitze entdecken. In Grösse und Stellung mit Katzen vergleichbar, liegen sie regungslos und eng zusammengerollt zu ihren Füssen.

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Zimmermann reisst schnell eine grosse Menge von Grasbüscheln aus. Er reibt sich damit die Hände ein und hebt so- gemäss der Empfehlung des Schweizer Tierschutzes - das erste Rehkitz aus dem Gras. Stolz trägt er es an den Waldrand und deckt es mit einer luftdurchlässigen Plastikkiste zu.

Mit dem zweiten Kitz wird gleich verfahren. Zum Schutz vor Füchsen und Luchsen beschwert Zimmermann die beiden Kisten mit einem schweren Stein. Auch die Rehgeiss soll ihren Nachwuchs so nicht befreien können, bevor die Wiese abgemäht ist. Im vergangenen Jahr hat Zimmermann von Ende Mai bis Ende Juni in zwölf Einsätzen auf 34 Wiesen im Raum Bern insgesamt 11 Rehkitze, einen jungen Feldhasen und sieben ausgewachsene Rehe mit Hilfe von Drohne und Wärmebildkamera gefunden.

Zeitintensives Hobby

«In diesem Jahr hat die Saison gerade erst begonnen», sagt er. Mehrere Einsätze seien in den nächsten Tagen - neben der Maturavorbereitung - geplant. «Das Absuchen der Felder mittels Drohnen ist momentan die schnellste und zuverlässigste Methode», glaubt Zimmermann.

Da es aber auch die mit Abstand teuerste Methode zur Rehkitzrettung sei, sei sie nicht weit verbreitet. Drohnenflüge von spezialisierten Unternehmen kosten zwischen 150 und 200 Franken pro Parzelle.

Zimmermann verdient nichts mit seiner Arbeit. «Ausser Zeit und Akkuladung kosten die Drohnenflüge nichts», stellt Zimmermann bescheiden fest. Er freut sich über jedes gerettete Tier und auch über Spenden, etwa des Jagdvereins Gürbetal im vergangenen Jahr oder von einzelnen Bauern. Mit dem Geld der Jäger habe er sich beispielsweise eine bessere Aufhängung für die teure Wärmebildkamera gekauft, erzählt er.

In den 1990er Jahren erhielten die Bauern pro gerettetes Kitz noch einen Betrag von 10 Franken, sagt der Wildhüter. Diese Direktzahlung sei inzwischen leider abgeschafft worden. «Mit Geld bewirkt man auch hier Einiges», resümiert Catocchia.

Neben ethischen sprechen auch handfeste wirtschaftliche Gründe dafür, möglichst keine Rehe zu vermähen, erklärt Zimmermann. Wenn ein verwesendes Tier ins Futter der Kühe oder Rinder gerate, könne dies zu tödlichen Vergiftungen führen.

nik/sda

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