Gurlitt-Erbe: «Es gibt viele ‹Wenns›»

Bern

Das Gurlitt-Erbe stellt auch den Kanton als alleinigen Subventionsgeber vor Probleme. Regierungsrat Bernhard Pulver schätzt die erste Reaktion des Museums – und schliesst finanzielle Zustupfe nicht kategorisch aus.

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Stefanie Christ@steffiinthesky

Herr Pulver, ist das Gurlitt-Erbe für Sie Anlass zur Freude oder zur Sorge?
Bernhard Pulver: Man kann in jeder Chance ein Problem sehen oder in jedem Problem eine Chance. Bei mir überwog im ersten Moment die Freude, aber ich bin froh, dass das Kunstmuseum die Abklärungen differenziert und seriös angeht.

Sie beziehen sich auf eine Aussage von Museumsdirektor Matthias Frehner: Er will das Erbe nur annehmen, wenn es keiner zusätzlicher öffentlicher Gelder bedarf.
Das ist eine gute Grundhaltung, und ich freue mich über diese erste Reaktion. Die Öffentlichkeit würde es auch nicht verstehen, wenn das Kunstmuseum kurz nach einem grosszügigen Erbe mehr Geld verlangen würde. Im Moment sind zusätzliche Subventionen auch nicht möglich, das ist also kein Diskussionspunkt.

Würde der Kanton einspringen, wenn Gurlitts Gesamterbe – also die Immobilien und Konten – die Kosten für die Betreuung der Kunstsammlung nicht deckte?
Da gibt es natürlich ganz viele «Wenns»: Wenn es sich wirklich um eine Jahrhundertsammlung handelt, die Bern nicht entgehen sollte, und das Erbe wirklich nicht ausreicht, müssten wir weiterschauen. Die Finanzierung darf kein Dogma sein. Doch je grösser die benötigte Summe, desto schwieriger wäre es.

Stadtpräsident Alexander Tschäppät meint, dass Kanton und Bund für Kosten aufkommen sollten, nicht die Stadt...
Nun ja, mit solchen Aussagen kommen wir nicht weiter. Weiter möchte ich mich dazu nicht äussern.

Nicht nur die Kosten sind ein Thema, auch die in der Sammlung vermutete Raubkunst. Ist das ein Problem für den Kanton, der seit 2014 alleiniger Subventionsgeber des Museums ist?
Wie gesagt: Ich bin froh, geht das Museum diese Frage sorgfältig an. Bei Fragestellungen von politischem Ausmass – und das wäre bei Raubkunst gegeben – wird das Museum natürlich Rücksprache mit mir nehmen.

Ist das bereits geschehen?
Wir stehen in Kontakt. Doch vieles bewegt sich noch im Bereich des Spekulativen, wir wissen nicht mehr als die Medien. Erst wenn weitere Abklärungen gemacht wurden, können wir entscheiden.

Hätte der Kanton die Ressourcen, Raubkunstabklärungen zu treffen? Noch ist nicht klar, ob dafür weiterhin die deutsche Arbeitsgruppe zuständig ist.
Wir verfügen über keine entsprechenden Kompetenzen, würden aber selbstverständlich mithelfen bei der Lösungssuche.

Ob das Erbe angenommen wird oder nicht, entscheidet der Stiftungsrat des Kunstmuseums. In diesem sitzen auch Kantonsvertreter. Können Sie so Einfluss aufs Ergebnis nehmen?
Wir haben regelmässige Treffen mit den Vertretern, aber sie handeln nicht einfach nach meinen Anweisungen.

Zurzeit wird die kooperative Zusammenlegung von Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee (ZPK) in die Wege geleitet. Ein ungünstiger Zeitpunkt für eine solche Erbschaft?
Ein zentrales Element des Kooperationsmodells ist ja der gemeinsame Ausleihpool. Die beiden Sammlungen von ZPK und Kunstmuseum treten künftig auf dem internationalen Leihmarkt gebündelt auf – was Bern zu besseren Konditionen mit ausländischen Museen verhelfen soll. In diesem Sinn könnte eine bedeutende Sammlung die Position beider Häuser stärken.

Wenn es am Ende heisst: Das Museum verzichtet auf das Erbe – wären Sie erleichtert?
Im Moment sehe ich das Problem als Chance.

Berner Zeitung

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