Gurlitt-Erbe: Lob und Tadel aus Deutschland

Bern

Die internationale Presse blickt nach Bern: Für die Regelung der Rückgabe von Raubkunst aus der Gurlitt-Sammlung erntet das Kunstmuseum Lob. Kritik gibts für den Umgang mit «entarteter Kunst».

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Stefanie Christ@steffiinthesky

Die konsequente Haltung des Kunstmuseums Bern, Raubkunst aus der Gurlitt-Sammlung umgehend an die rechtmässigen Besitzer zu restituieren, wird von deutschen Leitmedien begrüsst. «Der politische Wille ist da», so etwa die «Süddeutsche Zeitung». Doch in Bezug auf den Bestand an «entarteter Kunst» habe das Museum die Chance verpasst, «die Werke nicht nur leihweise, sondern dauerhaft ihren Mutterhäusern zurückzugeben». Denn: Die Nationalsozialisten konfiszierten als «entartet» geahndete Kunst aus öffentlichen Museen.

Anders sieht dies die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». Die Museen seien während des Zweiten Weltkriegs keine Inseln gewesen, die von Barbaren überfallen worden seien und gegenüber denen man etwas wiedergutzumachen hätte. «Sie waren Teil des Nationalsozialismus, viele von ihnen profitierten davon.»

Die österreichische Zeitung «Der Standard» kritisiert den Entscheid, auch Gurlitts Salzburger Bestände von der deutschen Taskforce untersuchen zu lassen. Diese setzt ihre vom deutschen Staat finanzierte Herkunftsforschung in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum fort. «Hätten diese Werke nicht in Österreich erforscht werden können, zumal man auf diesem Gebiet mehr Erfahrung vorweisen kann?», fragt «Der Standard».

Verzögerung wegen Cousine

Einig sind sich die Medien in einem Punkt: Sowohl Museums- als auch deutsche Staatsvertreter hätten es am Montag anlässlich einer Vereinbarungsunterzeichnung versäumt, sich zur Testamentsanfechtung zu äussern. Gurlitts Cousine Uta Werner reichte letzten Freitag beim Amtsgericht München den Antrag auf einen Erbschein ein. Sie zweifelt das Testament an, weil ein von ihr in Auftrag gegebenes Gutachten Gurlitt die Testierfähigkeit abspricht.

Ehe das Museum die Bilder nach Bern holen kann, muss gemäss neusten Erkenntnissen abschliessend geklärt sein, ob das Testament gültig ist, wie eine Sprecherin des Amtsgerichts gestern sagte. Bis dahin bleibt die Sammlung in der Obhut des Nachlasspflegers. Wie lange es dauert, bis über den Erbschein entschieden wird, konnte die Sprecherin nicht abschätzen. Es könne sehr schnell gehen. Wenn weitere Unterlagen nachgereicht werden müssten, könne sich das Verfahren aber auch in die Länge ziehen.

Berner Kritik am Bund

Deutliche Kritik hat gestern der Berner Verhandlungsleiter im Fall Gurlitt an der Haltung der Bundesbehörden geübt. Es sei unbegreifbar, dass der Bund sich bei der Provenienzforschung nicht engagieren wolle, sagte Marcel Brülhart im «Regionaljournal» von Radio SRF. Die offizielle Begründung, es handle sich um ein privates Museum, greife zu kurz.

Das Kunstmuseum hatte angekündigt, eine eigene Forschungsstelle ins Leben zu rufen. Die Kosten sollen vorab durch Gelder von Stiftungen und Mäzenen gedeckt sein.

Berner Zeitung

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