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Grüne Perfektionistin mit Vorbildfunktion

In den acht Jahren als Gemeinderätin hat Regula Rytz (GB) unter anderem den umgebauten Bahnhofplatz eröffnet, Tramprojekte aufgegleist und unzählige Verkehrsberuhigungen umgesetzt. Im Nationalrat will sich die 50-Jährige weiter für Bern einsetzen.

Wolf Röcken
Die DVD «50 Jahre Umbau Bahnhof Bern» nimmt sie mit in ihr neues Büro. «Übers Ganze gesehen habe ich einen Mosaikstein zur Bahnhofsgeschichte beigetragen», sagt sie.
Die DVD «50 Jahre Umbau Bahnhof Bern» nimmt sie mit in ihr neues Büro. «Übers Ganze gesehen habe ich einen Mosaikstein zur Bahnhofsgeschichte beigetragen», sagt sie.
April 2010: Die grüne Politikerin in freier Wildbahn. Regula Rytz anlässlich der Ausstellung zur Artenvielfalt in Bern mit einer Ringelnatter.
April 2010: Die grüne Politikerin in freier Wildbahn. Regula Rytz anlässlich der Ausstellung zur Artenvielfalt in Bern mit einer Ringelnatter.
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Über die Festtage war sie täglich im Büro, hat aufgeräumt und sich von Mitarbeitenden verabschiedet. Wer mit ihr über ihre acht Jahre im Gemeinderat spricht, dem legt sie eine persönliche Schlussbilanz auf sechs Seiten vor. Unter «Übersicht Highlights und Meilensteine (Auswahl)» sind auf drei Seiten fein säuberlich Dutzende Projekte aufgeführt. Bis zum letzten Amtstag bestätigt Regula Rytz ihren Ruf: denjenigen einer Krampferin mit Hang zum Perfektionismus.

Der Umbau des Bahnhofplatzes steht beispielhaft für ihre Arbeitsweise. 2007, vor dem Baustart, hatte sie sich mit ihren Kaderleuten ein Wochenende ins Freiburgische zurückgezogen. Alle Eventualitäten wurden durchgespielt. «Eine Panne bei dieser verrücktesten Baustelle der Stadt hätte dem politischen Klima und mir persönlich enorm schaden können», sagt die 50-Jährige heute. Doch der Grossumbau endete nach eineinhalb Jahren pünktlich und ohne Budgetüberschreitung. Rytz und ihr Team hatten rechtzeitig mit allen Parteien verhandelt und drohende juristische Blockaden verhindert. Das System Rytz: Kritiker früh kontaktieren und sie einbinden. «Das habe ich im Amt gelernt», sagt sie, «man muss sich regelmässig austauschen», gerade wenn es noch nicht brenne. «Ich verstehe Politik als Spiel von Rollen und Interessen. Am Schluss möchte ich aber schon gewinnen», sagt sie und lacht.

Kompetent und ideologisch

Die Eröffnung des neuen Bahnhofplatzes war eines der Highlights in ihrer Gemeinderatszeit. Andere sind die Inbetriebnahme des Trams Bern-West oder die Planung und die Eröffnung von Tramdepot Mingerstrasse und Brünnenpark. Die Hochwasserschutzvorlage, die sie trotz Widerständen erarbeitete, kommt im Frühling vors Volk.

Zu allen Themen gibt Rytz kompetent Auskunft. Ihr Generalsekretär Stefan Schwarz bezeichnet sie als «extrem dossierfest». Etwas Lob gibt es auch von SVP-Fraktionschef Roland Jakob, im Stadtrat oft ein Kritiker ihrer Vorlagen. Sie habe ideologisch politisiert, sagt Jakob, aber auch sachbezogen. Er finde es «aus politischer Sicht» gut, dass Rytz aufhöre. So werde eventuell der Weg frei für eine weniger gewerbefeindliche Verkehrspolitik. Er spricht die zahlreichen Verkehrsberuhigungen an, die Rytz in ihrer Amtszeit durchsetzte. Sie entgegnet: «In verkehrsberuhigten Zonen kann es am Anfang zu einem Wandel kommen, der wehtut. Dann aber siedelt sich neues Gewerbe an.»

Stur bei den Pollern

Man habe mit Rytz verhandeln und wenigstens zum Teil Kompromisse finden können, anerkennt SVP-Fraktionschef Jakob. Auf keine Kompromisse liess sich Rytz bei den Pollern ein. «Die Anfangsschwierigkeiten haben wir durchgestanden», sagt sie heute. In jener Zeit, als beinahe jede Woche Autos an den neuen Polleranlagen verunfallten, gab es auch in andern Städten Schadenfreude, erinnert sich Rytz und räumt Fehler ein: Bei der Anlage in der Neuengasse etwa sei die Signalisation schlecht abgeklärt gewesen. Heute aber verfüge Bern über ausgeklügelte Pollersysteme.

Das Quietschen im Ohr

Regula Rytz sei eine fürsorgliche Chefin gewesen, sagt Generalsekretär Stefan Schwarz. Sie habe den Mitarbeitern oft ein Znüni oder Zvieri spendiert. Was brachte sie aus der Ruhe? «Destruktive Menschen», sagt sie selber. Oder ein quietschendes Tram. Es klang, damals Ende 2010, wie Stoff aus der Fasnachtszeitung – bis man es selber gehört hatte: Das blaue Bähnli, das neu quer durch die Stadt Richtung Fischermätteli fuhr, quietschte ohrenbetäubend. Beim Zytglogge derart laut, dass es Regula Rytz in ihrer Wohnung im Breitenrain hörte. Im November 2011 stellte sie sich im Quartier aufgebrachten Anwohnern, die ihr ins Wort fielen und der Wut freien Lauf liessen. «Es war eine schwierige Zeit. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, und es war mir peinlich», sagt Rytz im Rückblick. Mit Bernmobil beschloss sie unbürokratisch Massnahmen: Schmieranlagen, Temporeduktionen, neue Räder. Es half.

Zu ihrem Abschied holt sie das Quietschtram wieder ein. Bernmobil hat Rytz einen USB-Stick geschenkt – mit dem Tramquietschen als Handyklingelton.

Teures Bundesgerichtsurteil

Das Quietschtram ist einer der wenigen «Tolgge» in ihrem Reinheft. Ein anderer das Litteringurteil: Dieses Jahr musste sie den Bundesgerichtsentscheid kommunizieren und umsetzen, der die Stadt zwingt, zu Unrecht erhobene Abfallgebühren in Höhe von mehr als 20 Millionen Franken zurückzuzahlen. Das Reglement mit der Rechtsunsicherheit war allerdings vor ihrem Amtsantritt erarbeitet worden. Nicht vollenden kann Rytz eine Reihe von Verkehrsberuhigungsmassnahmen in der Länggasse, die durch Beschwerden und Versäumnisse beim Planen blockiert sind. Neu aufgegleist hat sie den Bau eines Entsorgungshofs Nord, mit dem sie 2006 an der Urne gescheitert war. «Mit Niederlagen kann ich leben», sagt Rytz, «aber über persönliche Fehler rege ich mich sehr auf.»

Als Nationalrätin ins Theater

Grossprojekte wie das Tram Region Bern und die zweite Tramachse hat sie vonseiten der Stadt aufgegleist und übergibt sie nun an ihre Nachfolgerin Ursula Wyss (SP). Als Mitglied der Verkehrskommission will sie sich auch im Nationalrat für die Interessen der Stadt einsetzen. Ein Jahr ist sie schon im Nationalrat, acht Monate auch Co-Präsidentin der Grünen Schweiz. Kritik wegen fehlender Zeit für den Gemeinderatsjob gab es trotz dieser Dreifachbelastung kaum. «Sie ist ein sehr energievoller Mensch mit einem enorm hohen Arbeitspensum», sagt Generalsekretär Schwarz. «Ich kam in diesem Übergangsjahr an meine Grenzen», sagt Rytz über sich selber.

Nach einem Jahr ohne einen einzigen Konzert- und Theaterbesuch habe sie nun Nachholbedarf. Die gesellige Seite von Regula Rytz erwähnt auch Roland Jakob (SVP): Auf der persönlichen Ebene bedaure er ihren Abgang. «Neben der Politik ist sie ganz umgänglich.» Ab und zu habe sie sich nach einer Stadtratssitzung noch mit Vertretern aller Parteien für ein Glas zusammengesetzt. Wir verabschiedeten die abtretenden drei Gemeinderätinnen. Bisher erschienen: Edith Olibet (22.12.), Barbara Hayoz (27.12.).

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