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Grube sorgt für Graben bei RGM

Kann die Grube auf dem Rehhag-Areal künftig auch mit Bauschutt gefüllt werden? Über Pro und Kontra diskutierten vor Ort Katharina Gallizzi und Agnes Nienhaus.

Hitzige Diskussion: Katharina Gallizzi (GB) und Agnes Nienhaus (SP) sind sich uneinig, wenn es um die Abstimmung Rehhag geht.
Hitzige Diskussion: Katharina Gallizzi (GB) und Agnes Nienhaus (SP) sind sich uneinig, wenn es um die Abstimmung Rehhag geht.
Raphael Moser
Der Zankapfel: Die Grube im Westen Berns.
Der Zankapfel: Die Grube im Westen Berns.
Raphael Moser
In zwei Wochen nun stimmen die Bernerinnen und Berner über eine Zonenplanänderung ab.
In zwei Wochen nun stimmen die Bernerinnen und Berner über eine Zonenplanänderung ab.
Grafik fri/Google Earth
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Agnes Nienhaus und Katharina Gallizzi stehen am Abgrund: Zu ihren Füssen erstreckt sich die rund 400 Meter lange ehemalige Tongrube. Unten im Teich quaken Frösche, irgendwo hinter ihnen im Wald zwitschert ein Vogel, und der Wind rauscht durch die Büsche. Nur in weiter Ferne hört man einen Lastwagen vorbeifahren.

«Ein wirklich idyllischer Ort», sinniert Nienhaus, als sie den Blick schweifen lässt, und Gallizzi pflichtet ihr mit einem Nicken bei. Die beiden Frauen sind oft der gleichen Meinung. Sie gehören beide dem rot-grünen Bündnis der Stadt Bern an: Agnes Nienhaus ist Mitglied der SP Bümpliz-Bethlehem, und Katharina Gallizzi sitzt für das Grüne Bündnis im Stadtrat.

Am 10. Juni jedoch, wenn die Stadt über die Zonenplanänderung zur Rehhag abstimmt, werden sie ein anderes Wort auf ihrem Stimmzettel stehen haben. Denn während sich Katharina Gallizzi schon mehrfach für das Geschäft ausgesprochen hat, kämpft Agnes Nienhaus schon länger dagegen an. Zusammen mit ihrer Parteisektion gelang es der rhetorisch starken Frau, den Rest ihrer Partei von ihrer Meinung zu überzeugen.

Gefährlich oder nicht?

Dass die Rehhag-Grube im Westen der Stadt aufgefüllt werden soll, ist schon seit über zwanzig Jahren ein Thema. In zwei Wochen nun stimmen die Bernerinnen und Berner über eine Zonenplanänderung ab. Diese würde es erlauben, dass auch Inert­stoffe, also Bauschutt, in der Grube abgelagert wird.

Resultiert ein Nein, wird die Grube zwar trotzdem aufgefüllt – dies wurde so im Richtplan der Regionalkonferenz Bern-Mittelland sowie im kan­tonalen Richtplan festgehalten –, jedoch nur mit Aushub- und ­Ausbruchmaterial, also unverschmutzter Erde.

«Warmbächli, Schönburg, ­Bahnhof – überall in Bern wird ­gebaut.»

Katharina Gallizzi, Grünes Bündnis

In der Abstimmungsbotschaft steht zwar explizit, dass Inert­stoffe «nicht an gefährlichen ­chemischen Prozessen» beteiligt sind. Bereits dieser Aspekt bietet den beiden Frauen aber viel Diskussionsstoff. «Die Rehhag wird stets als idealer Ort für Inertstoffe angepriesen», beginnt Agnes Nienhaus die Diskussion, «aber wenn diese wirklich unbedenklich wären, warum müssen sie dann explizit in einer Tongrube abgelagert werden?»

Katharina Gallizzi hingegen zweifelt nicht an der Unbedenklichkeit der Inertstoffe: «Ich habe zumindest noch nie von einer ­anderen Inertdeponie gehört, bei der die Stoffe zu Problemen geführt hätten.» Ausserdem sei die Kontrolle gleich mehrfach gewährleistet: Für das Betreiben der Deponie sei einerseits eine Bewilligung notwendig, und andererseits würden regelmässige Kontrollen durch das kantonale Amt für Wasser und Abfall durchgeführt.

«Die Kontrolle durch den Kanton bedeutet nicht, dass Inertstoffe immer unbedenklich sind. Bei Bauschutt ist ein Anteil von 5 Prozent ­Verunreinigung zulässig», präzisiert Nienhaus, «Inertstoffe können also durchaus mit Schadstoffen belastet sein.» Und das wiederum könnte den Tieren und Pflanzen schaden.

Notwendig oder nicht?

Unabhängig vom Thema Inert­stoff geht es bei der Abstimmung zur Rehhag-Grube für Agnes Nienhaus noch um viel mehr. Schon nur, was den Bedarf einer solchen Deponie anbelangt, äussert die SP-Politikerin Bedenken: «Sogar Experten aus dem Baugewerbe und von der Rehhag Gruben AG – die notabene das Auffüllen der Grube betreiben würde – zweifeln daran, dass es überhaupt genug lokalen Bauschutt gibt, um die Rehhag aufzufüllen.»

Diesem Einwand entgegnet Gallizzi mit einem Hinweis auf den kantonalen Sachplan Abfall von 2017: In diesem stehe, dass gerade bezüglich der Lagerung von Inert­stoffen ein Engpass bestehe – unter anderem auch in der Region Bern. «Es steht also eigentlich Aussage gegen Aussage.»

«Sogar Experten aus dem Baugewerbe ­zweifeln daran, ­dass es genügend lokalen Bauschutt gibt.»

Agnes Nienhaus, SP

Zudem müsse man sich nur einmal das Geschehen in der Stadt vor Augen führen, um zu wissen, dass die Deponie nötig ist. «Warmbächli, Schönburg, Bahnhof – überall wird gebaut», meint Gallizzi. Da sei es doch ökologisch sinnvoller, wenn dieser Bauschutt in der Nähe deponiert werde und nicht Kilometer weit transportiert werden müsse.

Nienhaus kontert sogleich: «Am sinnvollsten wäre es ja wohl, wenn man diese Stoffe rezyklieren würde.» Es gäbe gleich mehrere Firmen in der Region Bern, welche dies bewerkstelligen könnten – unter anderem die Resag Recycling und Sortierwerk AG, die nicht weit von der Rehhag-Grube entfernt sei.

Wiederverwertung wäre tatsächlich auch eher im Interesse der Grüne-Politikerin, gibt diese zu. Jedoch: «Man könnte bereits jetzt rezyklieren, tut es aber scheinbar nicht. Und wir müssen nun mal mit der Sachlage arbeiten, die vorhanden ist.»

Überdenken oder nicht?

Eine komplett neue Sachlage. Das wäre eigentlich genau das, was sich Agnes Nienhaus wünschen würde. Ihrer Meinung nach sei nämlich bei der Planung vieles schiefgelaufen: «Beispielsweise wurde das Areal 2001 in das Inventar für Amphibienlaichgebiete von nationaler Bedeutung aufgenommen.

Der Kanton hat aber nie genau definiert, um was für eine Art Gebiet es sich dabei handle.» Nur weil dieser Schritt ausgelassen wurde, dürfe die Grube heute überhaupt aufgefüllt werden. «Auch sonst sind noch viele Fragen offen. Deshalb müssen wir jetzt die Handbremse ziehen und Stadt und Kanton noch einmal über die Bücher schicken.»

Zurück auf Punkt null – für Katharina Gallizzi keine Option. Besonders weil sie befürchtet, dass die eigentlichen Besitzer der Grube, denen auch die Rehhag AG gehört, plötzlich aus dem Geschäft aussteigen könnten. «Die Verhandlungen zur Auffüllung der Grube waren bereits sehr harzig», meint Gallizzi, «da dürfen wir nicht riskieren, dass die Rehhag AG einen Rückzieher macht und dann wer weiss was mit der Grube passiert.»

Nur wenn die Stadt die Auffüllung der Grube übernehme, könne sichergestellt werden, dass die Biodiversität in der Grube erhalten wird; seit der Stilllegung der Ziegelei im Jahr 2002 haben sich viele seltene Tier- und Pflanzenarten in der Grube angesiedelt.

Und bei diesem Punkt schliesslich sind sich Gallizzi und Nienhaus wieder einig: Die Artenvielfalt in der Grube zu erhalten sei das wichtigste Ziel überhaupt. «Immerhin handelt es sich bei der Rehhag-Deponie um das ­artenreichste Gebiet der Stadt Bern», betont Nienhaus. Und tief unten, in der Grube, quakt zustimmend ein Frosch.

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