Grosser Rat pfeift den Gesundheitsdirektor zurück

Der Grosse Rat will bei den Tarifen für Tagesfamilien nicht sparen und erteilt Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg (SVP) eine Abfuhr.

Erleichterung für die Tageseltern, Schmach für Pierre Alain Schnegg: Der Grosse Rat wies die Sparmassnahmen des Gesundheitsdirektors deutlich zurück.

Erleichterung für die Tageseltern, Schmach für Pierre Alain Schnegg: Der Grosse Rat wies die Sparmassnahmen des Gesundheitsdirektors deutlich zurück.

(Bild: Beat Mathys)

Marius Aschwanden

Es war eine regelrechte Ohrfei­ge, die SVP-Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg am Dienstag unter den Augen von zahlreichen Tageseltern auf der Tribüne einstecken musste. Das Kantons­parlament pfiff ihn bei seinen Sparmassnahmen mit 133 zu 6 Stimmen zurück.

Nicht einmal in seiner eigenen Partei stiess Schnegg mit den Sparplänen auf Begeisterung.Er wollte die Tarife bei den ­Tagesfamilien für schulpflichtige Kinder ab August um ein Viertel reduzieren.

Der Betreuungsfaktor sollte von 1,0 auf 0,75 ge­senkt werden. Damit wollte der ­Gesundheitsdirektor einerseits Geld sparen, andererseits Tagesschulen fördern. Kindertagesstätten und Tageseltern sollten künftig vor allem Kinder im Vorschulalter betreuen.

«Unüberlegter Entscheid»

Dagegen wehrten sich nicht nur betroffene Tageselternvereine und Gemeinden, sondern auch Grossrätin Sarah Gabi (SP, Schwarzenburg). Sie forderte in einer Motion, auf die Tarifsenkung zu verzichten.

«Ich begrüsse zwar die Bestrebung des Regierungsrats, Tagesschulen zu fördern. Ob das gewählte Mittel aber der richtige Weg ist, bezweifle ich stark», sagte sie am Dienstag. Es dürfe nicht darum gehen, die Betreuungsformen gegeneinander auszuspielen. Sie befürworte ein sinnvolles Nebeneinander.

Denn Tagesfamilien könnten auch für schulpflichtige Kinder sinnvoll sein, etwa wenn eine Gemeinde noch gar keine Tagesschule habe, die Eltern unregelmässige Arbeitszeiten hätten oder besondere pädagogische Gründe vor­lägen.

Dass die Tarifreduktion von den Tageselternvereinen aufgefangen werden könnte, glaubt Gabi nicht. «Diese erhalten schon heute den tiefsten Normkostenansatz und geben den grössten Teil des Geldes für Lohnkosten aus», so die SP-Grossrätin.

Da sei es unumgänglich, dass sich die Reduktion direkt auf die Tagesmütter auswirken würde. Gabis Zusammenfassung: «Der Entscheid des Regierungsrats ist schlicht unüberlegt.»

«Spielraum vorhanden»

Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg hielt dem entgegen, dass heute viele Plätze bei Tageseltern von schulpflichtigen Kindern besetzt werden – über den Kanton gesehen rund 40 Prozent.

«Das hat zur Folge, dass viele Eltern keine Betreuungslösung für die kleineren Kinder finden», sagte Schnegg. Dem wolle man mit dem Systemwechsel Rechnung tragen.

Zu den Finanzen sagte Schnegg, dass nicht der Kanton den Lohn der Tageseltern festlege. «Die Vereine erhalten von uns mehr als neun Franken pro Stunde. Man kann sich schon fragen, ob es nötig ist, ein Drittel davon für den Verwaltungsaufwand zu behalten», so Schnegg. Seiner Meinung nach besteht da Handlungsspielraum.

Die Argumente des Gesundheitsdirektors blieben im Grossen Rat schliesslich ungehört. Weder die verschiedenen Fraktionen noch Einzelsprecher hatten den Aussagen etwas bei­zufügen. Unter Applaus der ­anwesenden Tageseltern wurde die Motion deutlich überwiesen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt