Grosis Wissen für den Alltag

Der Berner Kevin Nobs ist 26 Jahre alt und weiss, was unser Grosi noch wusste. Wir haben ihm auf den Zahn gefühlt. Und er hat uns die besten Tipps für Winter- und Adventszeit verraten.

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Marina Bolzli@Zimlisberg

Kevin Nobs, war es eigentlich nie ein Problem, dass Sie altes Wissen vermitteln wollen, aber so jung sind?
Das war am Anfang meine Befürchtung. Als ich ein Buch über die Heilpflanzen der Emme schrieb, setzte der Verlag aus diesem Grund mein Foto ins Innere des Buches und nicht auf den Umschlag. Aber nach all den Jahren muss ich sagen: Nein, es ist kein Problem. Im Gegenteil: Oft erzähle ich Dinge, und bei älteren Leuten macht es klick. Dann sagen sie: Ah ja, meine Grossmutter hat das noch so gemacht. 

Welches ist die meistunterschätzte Wildpflanze?
Die Brennnessel. Sie ist einerseits leicht zu erkennen, und man kann sie kaum verwechseln. Andererseits kommt sie an sehr vielen Orten vor. Oft wächst sie ja ums Haus herum. 

Und warum ist sie nützlich?
Im Frühling kann man eine Brennnesselkur machen, das regt die ganze Ausscheidung an. Man kann Tee trinken. Zwei, drei Tassen über den Tag verteilt für etwa zwei Wochen. Oder man kann Brennnesseln wie Spinat kochen. Die Brennhaare gehen durch die Wärme kaputt. Was auch gut ist, sind Brennnesselsamen. Die haben ein gutes Spektrum an ungesättigten Fettsäuren. 

Und wie komme ich an die? 
Die kann man relativ einfach sammeln. Wenn die Nesseln blühen, tragen sie Fäden. Sobald die Samen ausgebildet sind, kann man die Art Fäden leicht schütteln, und die Samen fallen heraus. Man kann sie ins Müesli mischen oder anrösten und über den Salat streuen oder ins Brot einarbeiten.

Und wenn ich die Blätter in den Salat geben will?
Dann muss man die Brennhaare mechanisch kaputt machen, zum Beispiel mit dem Teigroller. Oder man kann ein Blatt nehmen und es von unten her ganz fest zusammendrücken. Dann sind die Brennhaare auch zerstört.

Wobei ich als Kind gelernt habe, dass das Brennen der Nesseln gut gegen Rheuma ist.
Das sagte man schon immer im Volksmund, und mittlerweile ist eine Hemmung der rheumatischen Entzündungen durch Brennnesselextrakt bewiesen. 

Welches ist das meistüberschätzte Wildkraut?
Viele Pflanzen, die von weit her kommen. Etwa Goji-Beeren. Die wurden total gehypt, weil sie viele Vitamine und Antioxidantien haben. Aber Hagebutten haben mindestens so viel Vitamin C. 

Heutzutage kann ich mich im Internet mit Tipps zu Wildpflanzen versorgen. Spricht etwas dagegen?
(lacht) Man sagt ja: Hilfts nicht, so schadets nicht. Das stimmt aber nicht. Die Informationen im Internet sind zum Teil zu wenig seriös. Dann läuft man Gefahr, dass man Pflanzen verwechselt oder falsch anwendet. Das merke ich immer wieder in meinem Umfeld.

Wie denn?
Auf Facebook! Leute gehen Blumen sammeln, dekorieren ihr Essen damit, laden ein Bild auf Facebook – und es hat giftige Blüten darunter!

Und was machen Sie?
Ich interveniere. Ich sage zum Beispiel, das sei ein Hahnenfuss, der da auf ihrem Salat liege, der sei leicht giftig und den sollten sie besser nicht essen. Eine andere Bekannte postete ihr Müesli mit ein paar Holunderbeeren drauf. Holunderbeeren sind als heisser Sirup super gesund und ein gutes Hausmittel gegen Erkältungen. Sie wirken lösend und haben viele Vitamine. Der Sirup kurbelt das Immunsystem an. Aber roh sind diese Beeren leicht giftig und unverträglich. Es gibt Leute, die können vier, fünf essen, ohne dass sie etwas merken. Und andere liegen dann flach. Meine Bekannte war zwei Tage krank wegen dreier Beeren.

Wie sieht Ihr Menüplan aus?
Grundsätzlich esse ich eher unverarbeitete Produkte. Und im Frühling habe ich das Verlangen nach etwas Frischem. Und das erste Frische sind Wildkräuter. Sie sind wahnsinnig vitamin- und mineralienreich. Weil sie weder gezüchtet noch verwässert sind. Zudem haben sie viele Bitterstoffe drin, die gut sind für unseren Körper.

Woher kommt Ihr Interesse für Heilpflanzen?
Im Gymnasium las ich sehr viel über Heilpflanzen, weil sie Thema meiner Maturarbeit waren. Ich habe wirklich alte Bücher angeschaut. Vom Kräuterpfarrer Künzle (1857–1945), aber auch noch ältere. Mich interessiert die moderne, wissenschaftlich belegte Phytotherapie genauso wie das alte Wissen über Heilpflanzen. Manches weiss man heute noch, anderes ging vergessen, und wieder anderes braucht es heute auch nicht mehr.

Was denn?
Zum Beispiel die Knolle des Aronstabs, die ist leicht giftig. Früher hat man die abgekocht gegessen. Natürlich nur, wenn es nichts anderes gab, zum Beispiel während der Hungersnot.

Und welche Sachen braucht man heute noch?
Bärlauch. Schon damals sagte man, der sei gut für die Blutbildung. Und das ist heute aktuell wie nie. Schliesslich klagen viele Leute über Eisenmangel oder Blutarmut.

Wenn ich an Eisenmangel leide, sollte ich also im Frühling viel Bärlauch essen?
Ja. Aber noch wichtiger: Brennnesseln. Bärlauch ist blutbildend, und Brennnesseln helfen dem Körper, das Eisen aufzunehmen. Dort liegt ja meistens das Problem: Man nimmt eigentlich genug Eisen zu sich, kann es aber nicht verwerten. 

Schon wieder Brennnesseln.
Brennnesseln sind meine Lieblingspflanzen.

Ich habe Kinder zu Hause, welche Heilmittel sollte ich in der Erkältungssaison parat haben?
Den schon erwähnten Holunderbeerensirup. Den mögen sie sicher. Zudem Sonnenhut (Echinacea). Der wird in der Ostschweiz im grossen Stil angebaut. Das ist die beste Pflanze fürs Immunsystem.

Und der Tipp zum Verdauen der kommenden Adventsschlemmereien?
Kümmel. Die Samen sind mit ihren ätherischen Ölen sehr gut für die Verdauung. Gerade wenn man Speisen wie Raclette und Fondue isst. Man muss sie auf einem Teller zuerst ein bisschen zerkleinern und dann einen Teelöffel davon schlucken. 

Berner Zeitung

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