Graffitti zügelt um 200 Meter

Bern

Das Jugend- und Kulturzentrum Graffitti zieht um. Im Neubau soll der Fokus mehr auf Kultur liegen – trotzdem sollen die Wurzeln des 27 Jahre alten Treffs nicht verloren gehen.

Letzte Tage: Robert Urban vor dem Jugendtreff Graffitti, der bald abgerissen werden soll.

Letzte Tage: Robert Urban vor dem Jugendtreff Graffitti, der bald abgerissen werden soll.

(Bild: Stefan Anderegg)

Die Geschichte des Jugendtreffs Graffitti im Wylerquartier ist so farbig wie die Sprayereien, welche die Fassaden des Gebäudes zieren. Vor 27 Jahren bauten Jugendliche aus Recyclingmaterial für eine minimale Entlöhnung den Jugendtreff. «Der Architekt, Kurt Gossenreiter, band damals alte Fenster auf das Dach seines 2CV, um sie zu der Baustelle zu bringen», erzählt Robert Urban von der Jugendarbeit Bern-Nord. Der zuständige Bauleiter, Tinu Mühlethaler, nennt das Graffitti gar eine Pionierleistung. «Teilweise wussten die Jugendlichen nicht einmal, wie mit einem Hammer umgehen – wir mussten ihnen alles beibringen.»

Seit der Eröffnung erlebte das Graffitti viele Hochs, aber auch viele Tiefs. Mit einem Schmunzeln erinnert sich Urban, der seit 1990 für den Jugendtreff arbeitet, an die Anfänge der Hip-Hop-Zeit in den Neunzigern: «Nach den Kontrollen vor den Konzerten am Eingang hatten wir jeweils einen riesigen Waffenhaufen im Büro.» Probleme gab es auch später, im Jahr 1997, als Spannungen zwischen den Jugendarbeitern und Jugendlichen sogar zu tätlichen Übergriffen führten. «Da mussten wir die Notbremse ziehen», sagt Urban.

Wichtige Rolle für die Jugend

Dennoch überwiegen für den Jugendarbeiter klar die Highlights. Besonders die Begegnungen mit den Jugendlichen hebt er hervor, die man während der ganzen Jugend gekannt und in schwierigen Zeiten begleitet habe. «Das Schönste sind Treffen mit Ehemaligen, die mittlerweile erwachsen sind und mir sagen, welch grosse Rolle wir in ihrer Jugend gespielt hätten.»

Neuer Standort

Nun geht es, 27 Jahren nach dem Bau, ans Zügeln. Das neue Haus an der Scheibenstrasse 64, 200 Meter weg vom alten, bietet mehr Platz, weniger Innensäulen, bessere Lärmisolation und ein Lüftungssystem. «Dadurch können wir einen Kulturbetrieb aufleben lassen, was im alten Gebäude unmöglich war», sagt Robert Urban. Eine multikulturelle Gruppe soll nun Breakdance, Jugendtheater oder Poetry-Slam anbieten; Konzerte und Discos sollen weiterhin im Angebot bleiben.

Der Wechsel in die neue Bleibe erfolgt, trotz den Vorteilen, nicht ganz freiwillig. Die Firma Losinger AG, die ihren Firmensitz vergrössern wollte, übernahm das Grundstück des Graffittis, offerierte jedoch als Gegenleistung einen Neubau an einem neuen Standort. «Zuerst wollten uns die Stadtbauten Bern ein altes Velolager der Stadtpolizei übergeben», entrüstet sich Urban. «Mit dem Neubau sind wir aber zufrieden.»

Urban blickt nun mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück auf die Graffitti-Zeit. Die emotionale Bindung, die sowohl er als auch die Jugendlichen mit dem alten Ort haben, geht tief. «Für einige Jugendliche war es ihr erweitertes Wohnzimmer», sagt er. Dennoch freut er sich auf den neuen Standort und auf die spannenden Chancen, die sich mit den dreistöckigen Räumlichkeiten ergeben werden.

Abschiedsfest: heute und morgen feiert das Graffitti mit Baze, Mani Porno und anderen. Ab 19 Uhr.

Berner Zeitung

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