Gesunde Hunde dank Genforschung

Kein Aprilscherz: Eine Datenbank für Hunde-DNA gibt es an der Uni Bern wirklich. Mit ihrer Hilfe können Erbkrankheiten erforscht werden – sowohl beim Tier als auch beim Menschen.

Die Forschung von Tosso Leeb mit Hunde-DNA ist auch nützlich für die Humanmedizin.

Die Forschung von Tosso Leeb mit Hunde-DNA ist auch nützlich für die Humanmedizin. Bild: Nicole Philipp

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Die Idee schien für einen Aprilscherz perfekt zu sein: eine Datenbank für Hunde-DNA, mit deren Hilfe die Stadt Bern Hundehalter überführt, die den Kot ihrer Haustiere nicht sachgerecht entsorgten. Ein wenig zu absurd für die Realität – das ­dachten zumindest die Journalis­tinnen und Journalisten dieser Zeitung.

Auf der Suche nach Verbündeten, die dem erfundenen Artikel zum ersten April die nötige Glaubwürdigkeit einhauchen sollten, wandte man sich an die Universität Bern. Denn wer eignet sich besser als Stimme der Glaubwürdigkeit als eine Uni? Diese wehrte jedoch ab, weil sie Verwechslungen befürchtete: Eine Datenbank mit Hunde-DNA, eine sogenannte Biobank, gebe es an der Uni nämlich tatsächlich – wenn auch zu gänzlich anderen Zwecken: Die am Projekt beteiligten Genetiker erforschen unter anderem Erbkrankheiten bei Tieren und Menschen.

Einfachere Forschungsobjekte

Der Mann hinter der Biobank ist Tosso Leeb. Er zieht zwei blutgefüllte Röhrchen aus einem Umschlag und hält sie gegen das Licht. Die Flüssigkeit schimmert dunkelrot, fast schwarz. Den Röhrchen liegen bei: ein Stapel ausgefüllter Formulare sowie ein Plastikbeutel mit ganzen Hundekrallen.

Leeb ist Forscher und Professor an der Universität Bern, genauer ist er Direktor des Instituts für Genetik an der Vetsuisse-Fakultät. Im Jahr 2008 machte die Forschungsgruppe um Leeb mit der Entdeckung des Gens auf sich aufmerksam, das den Nackthund nackt macht. Doch Leeb erforscht nicht nur Fellfarben und Haarlängen, sondern auch erbliche Krankheiten bei Haus- und Nutztieren – unter anderem bei Hunden.

«Jede Blutprobe, die wir einem gesunden Hund für Forschungszwecke entnehmen, gilt als Tierversuch.»Tosso Leeb, Uni Bern

Bei Leeb klingelt das Telefon, wenn Tierärzte kranke Tiere behandeln, eine infektiöse – also eine durch Viren oder Bakterien ausgelöste – Krankheit aber ausschliessen können. Oder wenn sich einzelne Welpen eines Wurfes merkwürdig verhalten, ohne aber die anderen Hunde anzustecken. In solchen Fällen liege möglicherweise eine erbliche Krankheit vor, erklärt Leeb. «Und dann kommen sie zu mir.»

So auch die Tierärztin aus Deutschland, die Leeb Blut und Krallen zugeschickt hat. Der Hund, von dem die Proben stammen, leidet an einer Autoimmunkrankheit, die auf schmerzhafte Weise die Krallen ausfallen lässt.

Bei minus 20 Grad gelagert

In einem Kellerraum an der Vetsuisse-Fakultät steht Tiefkühlschrank an Tiefkühlschrank, gefüllt mit Blutproben in Röhrchen, die bei minus 20 Grad gelagert werden. Die Proben gehören zur Biobank, dem Kernstück von Leebs Forschung: In dieser wird biologisches Material systematisch aufbewahrt, um es später für wissenschaftliche Experimente verwenden zu können. Aus den Blutproben lässt sich beispielsweise DNA für genetische Untersuchungen gewinnen.

Eng verknüpft mit der Biobank ist eine Datenbank, in der Informationen zu den beprobten Hunden abgespeichert sind: So haben Rassehunde dokumentierte Stammbäume und sind mit einer Nummer in einem Zuchtbuch vermerkt. Auch der Phänotyp wird vermerkt. Dieser bezeichnet das Erscheinungsbild bestimmter Merkmale wie Fellfarbe, Haarlänge oder eben verschiedene Krankheiten. Seit 2006 läuft das Projekt der Biobank und umfasst inzwischen Blutproben von mehr als 40 000 Hunden.

«Jeder Hund unterscheidet sich an mehreren Millionen Stellen im Genom von der sogenannten Referenzsequenz.»Tosso Leeb

Die Biobank ist eine Voraussetzung, damit Forschende herausfinden können, welche Genvarianten Krankheiten verursachen. «Jeder Hund unterscheidet sich an mehreren Millionen Stellen im Genom von der sogenannten Referenzsequenz», erklärt Leeb. «Die Schwierigkeit ist, herauszufinden, welche Varianten die Krankheit kausal verursachen. Dafür ist es enorm wichtig, dass wir auf eine grosse Zahl von Proben zugreifen können.»

Einfachere Forschungsobjekte

Zumindest etwas spielt Leeb bei dieser Suche in die Hände, nämlich, dass Hunde einer reinen Rasse alle miteinander verwandt sind. «Hunde sind dadurch für Genetiker die einfacheren Forschungsobjekte als Menschen», erklärt Leeb.

Sind mehrere Hunde einer Rasse von einer Erbkrankheit betroffen, weisen sie oft dieselbe Genveränderung auf. Hingegen tragen Menschen mit der gleichen Erbkrankheit häufig unterschiedliche Veränderungen in der DNA, die aber alle das gleiche Gen betreffen. Dadurch ist die Suche nach krankheitsverursachenden Genvarianten bei Menschen entsprechend schwieriger als bei Hunden.

Von der Genforschung mit Hunden profitiert die Humanmedizin trotzdem, so Leeb, «denn Menschen haben ähnliche Erbkrankheiten wie Hunde». Manchmal würden Erbkrankheiten auf einem bestimmten Gen zuerst bei Hunden entdeckt und ermöglichten kranken Menschen eine Diagnose.

«Hunde sind dadurch für Genetiker die einfacheren Forschungsobjekte als Menschen.»Tosso Leeb

Ein solcher Fall ist Asher, ein kleiner Junge aus den USA, dessen Symptome auf ein neurolo­gisches Problem hinwiesen. Eine Genanalyse zeigte schliesslich unter anderem eine Abweichung im ATG4D-Gen. Ein knappes Jahr zuvor hatten Forscherinnen und Forscher um Leeb eine Abweichung in ebendiesem Gen bei der Trüffelspürhundrasse Lagotto Romagnolo entdeckt – die Hunde hatten ähnliche Symptome gezeigt wie Asher. Nur die Forschung an Hunden liess die Ärzte Ashers erkennen, dass die ATG4D-Veränderung die Ursache der Erkrankung sein muss.

Von der Chemie zur Genetik

Die Biobank ist verantwortlich für eine Auffälligkeit in der Tierversuchsstatistik der Uni Bern: «Jede Blutprobe, die wir einem gesunden Hund für Forschungszwecke entnehmen, gilt als Tierversuch und ist damit bewilligungspflichtig.» Deshalb weise die Statistik vergleichsweise viele Versuche mit Hunden auf.

Leeb ist ursprünglich Chemiker. «Ich wollte eigentlich immer in die humanmedizinische Forschung.» Das Bild des Forschers, der die Welt rettet, habe ihm vorgeschwebt. Zur Tiergenetik sei er dann eher zufällig gekommen: Der Betreuer seiner Diplomarbeit war Tierarzt. Es sei ihm wichtig, auch zur humanmedizinischen und zur Grundlagenforschung beizutragen. «Mit meiner jetzigen Forschung», sagt er fast ein wenig verlegen, «bin ich ­meinem ursprünglichen Ziel irgendwie doch wieder nahe gekommen.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.10.2017, 17:46 Uhr

Der Leonberger: Eine der Hunderassen mit den meisten Erbkrankheiten. (Bild: Fotolia)

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