Geschichten wider das Vergessen

Vechigen

«Mein Lieblingsfoto», so heisst eine neue Erzählreihe in Berner Alters- und Pflegeheimen. Bewohner wie die 88-jährige Charlotte Studer geben persönliche Erlebnisse preis, die sich hinter einem bestimmten Bild verbergen.

Charlotte Studer erzählt, welche Erinnerungen ihr Lieblingsbild in ihr hervorruft. Foto: Franziska Rothenbuehler

Charlotte Studer erzählt, welche Erinnerungen ihr Lieblingsbild in ihr hervorruft. Foto: Franziska Rothenbuehler

Annic Berset

Ein Bett, eine farbige Tagesdecke, ein Tischchen, Blumen, ein Sessel. Charlotte Studer sitzt darin und schaut zum Fenster hinaus. Hinaus auf das hügelige Umland des Wohn- und Pflegeheims Utzigen. Es ist ihre Heimat, die sie vor Augen hat. Seit 1951 wohnt sie in der Gemeinde Vechigen, gekommen ist sie damals aus Luxemburg und bis heute nicht mehr weggezogen.

Trotzdem: «Ich bin keine Hiesige, auch heute manchmal noch nicht», sagt Studer. Damals, als 20-jährige Frau, sei sie in die Schweiz gekommen. Weil die Gehälter hier viel besser gewesen seien als in Luxemburg. 100 Franken gegenüber 40 Franken, ein grosser Unterschied. Und weil sie weg wollte von ihrer Mutter, die ihr nicht zutraute, eine Lehre als Krankenpflegerin zu absolvieren und für sich zu sorgen.

Doch genau das tat Charlotte Studer – und schickte ihr Gehalt der Mutter nach Hause. Bevor sie aber die Lehre absolvieren konnte, galt es, sich in einem Haushaltsjahr zu beweisen. Im Restaurant Durstiger Bruder in Utzigen war die junge Frau für den Haushalt, die Sauberkeit, den Service, die Küche und die Wäsche zuständig.

Schöne Erinnerungen...

Weshalb Charlotte Studer ihre Geschichte eigentlich erzählt? Sie ist Teil einer neuen Erzählreihe von Berner Alters- und Pflegeinstitutionen. Damit sollen neue Wege in der Altersarbeit angegangen werden – gegen das Verstummen und Vergessen der Bewohnerinnen und Bewohner. Einige werden in der nächsten Zeit ihre ganz persönliche Geschichte erzählen, die sich hinter ihrem Lieblingsbild oder ihrem Lieblingsfoto verbirgt.

Charlotte Studer zeigt in ihrem freundlichen Zimmer an die Wand. «Da, neben dem Fernseher, bringen Sie mir doch dieses Bild her», bittet die 88-Jährige. Das Gemälde, in einen Holzrahmen eingefasst, zeigt eine idyllische Szenerie. Ein kleiner Fluss, am Ufer ein Baum, alles unter dem blauen Sommerhimmel. Und darunter ein Satz: «Meine Seele ist Stille zu Gott, der mir hilft.»

Dieses Bild hat Charlotte Studers Schwiegervater ihr geschenkt. Bild: Franziska Rothenbühler

Sie sei schon von klein auf christlich erzogen worden, aber dieses Bild habe sie noch ein bisschen näher zu Gott gebracht, erzählt Studer. «Manche mögen mich belächeln, wenn ich ihnen sage, dass ich bei einem Anliegen zuerst ‹mit dem da oben› spreche, aber das ist mir egal», sagt sie bestimmt. Schliesslich müsse jeder Mensch selber wissen, was gut für ihn sei. Und diese Botschaft von Geduld und Warten sei es für sie und habe ihr oft Mut gemacht.

Das Bild erinnert sie auch an ihren verstorbenen Schwiegervater, Vater ihres zweiten Ehemanns. Dieser sei eines Abends, noch vor der Hochzeit, zu ihr gekommen und habe ihr gesagt: «Komm, Meitschi, ich muss dir etwas sagen.» Mit weichen Knien kam Charlotte Studer seiner Bitte nach – ob es sich ihr Freund plötzlich anders überlegt hatte und sie doch nicht heiraten wollte?

«Wissen Sie, als geschiedene Frau hatte man es zu dieser Zeit nicht immer einfach. Man musste auf seinen Ruf achten.» Der Schwiegervater aber wollte sich vergewissern. «Meinst du es ernst, in unsere Familie einzuheiraten? Du weisst, es wird das eine oder andere Mal eine dunkle Wolke vorbeiziehen.» Als sie bejahte, holte er das kleine Gemälde hervor und schenkte es ihr. «Wenn mal etwas nicht stimmt, lies diese Botschaft», sagte er ihr. Charlotte Studer streicht über den Holzrahmen. «Er war ein guter Mensch», sagt sie liebevoll.

...aber nicht nur

In ihrem Leben gab es aber nicht nur gute Menschen. Die erste Ehe war schwierig gewesen, bis die Scheidung endlich vollzogen wurde, dauerte es lange. Dann war sie erst mal auf sich alleine gestellt – mit vier Kindern. «Natürlich, das war nicht immer einfach.» Sie sei froh gewesen, dass es um sie herum Leute gegeben habe, die hinter ihr gestanden hätten. Wie etwa die ehemalige Verwalterin des Wohnheims Utzigen, die ihr damals eine Stelle in der Küche anbot. Für über 400 Bewohner kochte Studer während zweier Jahre, Frühstück, Mittag- und Abendessen bereitete sie ihnen zu. Und auch später arbeitete sie weiterhin im Heim, während 14 Jahren in der Pflege.

Trotz der schwierigen Zeiten – heute ist Charlotte Studer zufrieden und glücklich. «Zu nörgeln habe ich gar nichts.» Und sie erinnert sich ganz am Ende noch einmal an einen Satz, den der Schwiegervater ihr mitgegeben hat: «Die Leute, die ihr Päckchen in jungen Jahren tragen, haben im Alter dann alles davon abgetragen.»

Veranstaltungen «Mein Lieblingsfoto»:
21. Mai um 14.30 Uhr im Wohn- und Pflegeheim Utzigen.
13. Juni um 15 Uhr im Domicil Lentulus Bern.
19. Juni um 14.30 Uhr im Zentrum Schlossmatt Burgdorf.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt