Geschah der Raub im Wahn?

Bern

Zuerst warf er in Kaufdorf einen grossen Stein gegen Autos, danach überfiel er in Kehrsatz mit einem ­Messer einen Mann. ­Dafür muss sich ein 21-jähriger Kongolese vor Gericht verantworten.

Das Urteil wird voraussichtlich am Mittwoch eröffnet.<p class='credit'>(Bild: Fotolia)</p>

Das Urteil wird voraussichtlich am Mittwoch eröffnet.

(Bild: Fotolia)

Die Kollegen des Angeschuldigten nennen ihn unverblümt ein «cooles Arschloch». Mit diesen Worten zitierte Gerichtspräsident Daniel Gerber am Montag aus dem Leumundsbericht der Kantonspolizei. Er habe gerne Spass, beschrieb sich der Angeklagte darauf selber. Was er aber in der ersten Hälfte des März vor drei Jahren getan hatte, ist alles andere als cool.

Gleich für mehrere ­Delikte muss sich der heute 21-jährige Kongolese vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland verantworten.

Die beiden schlimmsten Vorfälle geschahen am Abend des 1. März 2013. Los ging es gemäss Anklageschrift um Viertel nach neun am Bahnhof in Kaufdorf.

Zuerst demolierte er mit einer Steinplatte die Frontpartie eines abgestellten Autos. Danach beschädigte er mit einem grossen Stein die Windschutzscheibe eines zweiten Fahrzeugs. Als Drittes warf er denselben Stein mit voller Wucht gegen ein weiteres Fahrzeug, in dem eine Frau mit ihrer Tochter sass. Der Stein durchschlug das Seitenfenster und verletzte die Fahrerin leicht.

Mit einem Küchenmesser

Eine halbe Stunde später überfiel er mit einem Küchenmesser einen Mann auf der Rampe beim Bahnhof Kehrsatz-Nord und verlangte Geld. Er fügte ihm eine Stichverletzung zu und traktierte ihn im anschliessenden Gerangel mehrfach.

Dank dem Eingreifen eines Passanten konnte der Mann festgenommen werden. Kaum aus der eintägigen Haft entlassen, kam es zu drei weiteren Vorfällen in der S-Bahn. Er hantierte mit einem Sackmesser, versetzte drei Frauen in Angst und hinderte sie am Weggehen. Zudem muss er sich wegen eines versuchten Diebstahls und mehrfachen Schwarzfahrens verantworten.

Bei der Befragung konnte er sich nicht an die verschiedenen Vorfälle erinnern. Auch nicht an den Stein und das Küchenmesser, als ihm die Fotos dieser Gegenstände vorgelegt wurden. Das Einzige, was ihm geblieben ist, war, dass er vor dem Vorfall in Kaufdorf Streit mit seiner Mutter gehabt hatte.

Geister gesehen

Gemäss einem psychiatrischen Gutachten litt der Mann zur Tatzeit unter einer akuten paranoiden Schizophrenie. «Ich habe Stimmen gehört und Geister gesehen», sagte der junge Mann vor Gericht. Er habe Angstzustände gehabt, die er aber nicht näher beschreiben konnte.

Nach den Vorfällen sei er für einige Monate in seine afrikanische Heimat gereist und habe sich «spirituell heilen» lassen. Er sei überzeugt, dass er seither keine psychischen Probleme mehr habe. Er sei zwar bereit für eine Therapie, aber nur im äussersten Fall eine mit Medikamenten. «Ich hasse Medikamente.» Er nahm 2012 mal welche, hat diese jedoch abgesetzt, weil er keinen Nutzen sah.

Rückfallgefahr

Der Gutachter sprach von einer leichten bis mittelgradigen Schuldminderung. Es bestehe eine gewisse Rückfallgefahr. Er erachtete es deshalb als sinnvoll, wenn der Angeklagte regelmässig eine Therapie besuchen und allenfalls auch Medikamente nehmen würde. Eine Schwierigkeit sei, dass ihm die Einsicht fehle, dass er noch ein Problem habe.

Am Dienstag halten der Staatsanwalt und der Verteidiger ihre Plädoyers. Voraussichtlich am Mittwochnachmittag wird das Regionalgericht das Urteil eröffnen.

Berner Zeitung

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