Gehörlose Frauen stellen sich der Miss-Wahl

Bern/Münchenbuchsee

Zum dritten Mal findet im Oktober die Wahl zur Miss Handicap statt. Um das Krönchen kämpfen auch zwei junge Frauen aus Bern und Münchenbuchsee: Tülün Erdem (30) und Chantal Lüthi (25). Beide Frauen sind bildhübsch – und gehörlos.

Tülün Erdem (links) in ihrem Wohnzimmer: Sie mag es, wenn eine Rasselbande ihr Zuhause unsicher macht. Chantal Lüthi liebt beides: Die Ruhe der Natur und die wummernden Bässe in einem Klub.

Tülün Erdem (links) in ihrem Wohnzimmer: Sie mag es, wenn eine Rasselbande ihr Zuhause unsicher macht. Chantal Lüthi liebt beides: Die Ruhe der Natur und die wummernden Bässe in einem Klub.

(Bild: Urs Baumann)

«Diese Wahl ist ein Weg, Aufmerksamkeit zu erregen»

Tülün Erdem (30) aus Bümpliz will allein erziehenden Müttern Mut machen: «Man kann auch mit einer Behinderung alleine Kinder grossziehen.»

Tülün Erdem erklärt gleich zu Beginn, warum ihrer Ansicht nach heute Menschen mit einer Behinderung nicht mehr als «Behinderte» bezeichnet werden sollten. «Das reduziert den Menschen auf sein Handicap», sagt die 30-jährige Bernerin mit Bestimmtheit. Und dagegen will die gehörlose junge Frau ankämpfen. Es sei an der Zeit, mit alten Vorurteilen aufzuräumen. «Die Integration von Menschen mit Handicap geht alle an. Jeder kann irgendwann von einer Behinderung betroffen sein.» So war es auch bei Tülün Erdem. Die Tochter einer kurdischen Familie erkrankte mit zwei Jahren an einer Gehirnhautentzündung. Und verlor dabei ihr Gehör.

«Schönheit hört nicht auf bei einer Behinderung», sagt die junge Frau. Deshalb ist für sie die Misswahl der richtige Weg, um Aufmerksamkeit für die Anliegen von Menschen mit einem Handicap zu generieren.

Söhne sind «zweisprachig»

Als Erdem 5 Jahre alt war, zog sie mit ihrer Familie aus Kurdistan in die Schweiz. Heute lebt sie mit ihren eigenen Söhnen Elija (8) und Ramiz (6) in Bümpliz – und erzieht die Buben alleine. «Ich bin ein Beispiel dafür, dass es möglich ist, als Mutter mit einer Behinderung alleine Kinder grosszuziehen.» Erdems Söhne haben seit der Geburt Hochdeutsch sowie die Gebärdensprache gelernt. «Sie bewegen sich in beiden Welten mit grosser Selbstverständlichkeit», erzählt Erdem. Sie unterhält sich mit ihnen in der Gebärdensprache, kann aber Lippen lesen. An diesem Morgen sind beide Jungen in der Schule. Oft seien sie zu Hause mit Schulfreunden. Sie mag es, wenn eine Bande Kinder ihre Wohnung in Beschlag nimmt.

Keine anerkannte Sprache

Die junge Frau kann zwar sprechen, an Interviews wird sie aber von einer Dolmetscherin für Gebärdensprache begleitet. «Damit keine Missverständnisse entstehen.» Würde Erdem zur dritten Miss Handicap gewählt, so möchte sie sich einem ganz persönlichen Anliegen widmen. «Die Gebärdensprache ist nämlich in der Schweiz noch immer nicht als offizielle Sprache anerkannt.» Und dies, obwohl es eine komplette Sprache mit einer vollständigen Grammatik sei. In den USA gibt es sogar Universitäten für gehörlose Menschen. Tülün Erdem erklärt, dass jeder Begriff eine Gebärde hat. Fremdwörter oder neue Namen, die noch keine Gebärde zugeordnet bekommen haben, werden mit dem Gebärdenalphabet formuliert. Während Erdem in Windeseile der Dolmetscherin ihre Anliegen erklärt, muss diese die junge Frau immer wieder bremsen, um ihre Gebärden zu übersetzen.

Der Alltag von Tülün Erdem ist nicht immer einfach. «Ich bewege mich ständig zwischen zwei Welten.» Vieles muss sie alleine schaffen, denn ihre Familie ist auf der ganzen Welt verstreut. Aber die junge Mutter hat immer ein Lachen auf den Lippen, strahlt Herzlichkeit aus. Tanzen und Malen, das sind ihre Leidenschaften. Im Wohnzimmer hängen Bilder, die Erdem auf Leinwand gemalt hat. Sind die Söhne älter, möchte sie ihre Kreativität beruflich umsetzen. Sie zeigt Skizzen mit Frauen, die verschiedenste Kleider tragen. «Modedesignerin, das ist mein grosser Traum», sagt Tülün Erdem. «Aber ich weiss, der Weg dorthin ist steinig.»

«Ich lebe in zwei verschiedenen Welten»

Zwei Jahre suchte die Köchin Chantal Lüthi (25) aus Münchenbuchsee eine Lehrstelle: «Es existieren zu wenig Ausbildungsplätze für junge Menschen mit Behinderung.»

Auf den ersten Blick unterscheidet sich Chantal Lüthi (25) nicht von anderen Misskandidatinnen. Sie ist hübsch, gertenschlank, hat makellose Haut und stets ein Lächeln auf den Lippen. Und Werbung für sich selber macht sie mit einer grossen Portion Charme. Hat sie das bei den Vorbereitungen für die Wahlnacht gelernt? «Ich war schon immer sehr kommunikativ», sagt Lüthi und lacht. Ihre Kommunikation funktioniert ein bisschen anders: Lüthi ist gehörlos. Sie beherrscht das Lippenlesen und die Gebärdensprache. Wenn sie spricht, dann gut verständlich.

Liebend gerne möchte die junge Köchin Repräsentantin von Menschen mit einer Behinderung werden. Sie betrachtet die Misswahl als ideale Plattform für die Anliegen von Menschen mit Behinderung: «Auch wenn sie provoziert.»

Dass die Miss-Handicap-Kandidatin von vollkommener Stille umgeben ist, davon spürt das Gegenüber nichts. Lüthi ist eine quirlige Frau, die ständig lacht. Ihre Freizeit verbringt sie wie andere, gemeinsam mit Freunden. Auch Klubs besucht sie. «Mich findet man in der Nähe der Boxen. So spüre ich den Bass und kann im Rhythmus der Musik tanzen.» Den Hörenden sei es neben den Boxen ja meist zu laut. Wenn sie Ruhe sucht, so verbringt Lüthi Zeit draussen in der Natur, zum Beispiel an der Aare.

Die grosse Reise

Die Krone wird in diesem Jahr bereits zum dritten Mal vergeben. «Ich wollte schon an der letzten Wahl teilnehmen», erzählt Lüthi. Doch eine grosse Reise nach Australien kam ihr in die Quere. Die junge Frau reiste während sieben Monaten gemeinsam mit einer anderen gehörlosen Freundin durch Down Under. Ein Traum, der zur Wirklichkeit wurde. «Ich wollte mir und anderen beweisen, dass sich Menschen mit einer Behinderung alleine durchschlagen können.» Die Eindrücke hat Lüthi in einem Tagebuch verarbeitet. Das bekommen ihre Freunde nun zu lesen.

Würde die Köchin zur Miss gewählt, so möchte sie eine Plattform gründen, um Ausbildungsplätze zu vermitteln: «Es hat zu wenig Lehrstellen für junge Menschen mit Behinderung.» Lüthi selbst hat zwei Jahre lang eine Lehrstelle als Köchin gesucht. «Es war zermürbend.» Heute arbeitet sie im Tibits in der Küche – und ist überglücklich mit ihrer Arbeit. Ihre Kollegen sind alle hörend. Die Kommunikation funktioniere reibungslos. «Wir haben so unsere Tricks.» Will jemand Lüthis Aufmerksamkeit, so tippt er ihr auf die Schulter oder winkt. Und manche würden bereits die einfachsten Ausdrücke der Gebärdensprache beherrschen, erzählt die Köchin.

Zwei Welten

Chantal Lüthi lebt in zwei Welten: «In derjenigen der Hörenden und in einer stillen. Ich habe Freunde in beiden Welten.» Ihre Familie hat sich bewusst für die erste Welt entschieden, denn die Eltern wollten, dass ihre Tochter lernt, Lippen zu lesen. So beherrschen sie die Gebärdensprache nicht. «Aber ich bin ihnen dankbar, dass sie sich so entschieden haben und ich das Lippenlesen beherrsche.» Warum Lüthi als Kind das Gehör verloren hat, wissen die Ärzte nicht. Gemerkt hat ihre Mutter es, als sie einen Teller fallen liess. Das damals einjährige Mädchen reagierte nicht auf den Lärm.

Berner Zeitung

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