Gedenkstunde für eine historische Konferenz

Zimmerwald

In der Kirche Zimmerwald gedachten rund 200 Personen der Zimmerwalder Konferenz vor 100 Jahren. Unter den Gästen waren auch einzelne Lenin-Verehrer.

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Ein Anlass wie ein Gottesdienst: Es ist still. Dann spielt Organist Jürg Bernet eine Sonatina von Ludwig van Beethoven. Sein roter Pullover bildet einen Kontrapunkt zu den mehrheitlich grauhaarigen, dunkel gekleideten Menschen, die die Kirche Zimmerwald füllen. Der Gemeinderat hat zum Gedenkanlass 100 Jahre Konferenz in Zimmerwald eingeladen.

Rote Fahnen gibt es keine zu sehen. Nur der Berner Ralf* trägt ein rotes T-Shirt. Lenins Konterfei prangt darauf. Er sagt: «Angesichts der schwelenden Banken- und Wirtschaftskrise wäre der Kommunismus mehr denn je die richtige Lebensform.» Ihm sei aber bewusst, dass die russische Revolution nicht das gebracht habe, was sich einige erhofft hätten. «Schade.» Er spricht aus, was einige am Anlass denken mögen, zum Beispiel der dunkelhaarige Mann mit dem Lenin-Pin am Revers. Oder Karadschan Jew, ein Flüchtling aus Turkmenistan, der ein T-Shirt trägt, das Putin mit Sonnenbrille zeigt. «Das ist jetzt in Russland gross in Mode», versichert seine Frau Larissa.

Neuhaus’ Probleme mit der Agenda. SP-Regierungsrätin Barbara Egger sitzt vorne beim Altar neben Gemeindepräsident Fritz Brönnimann. Neben ihr die Präsidentin der Robert-Grimm-Gesellschaft, Monika Wicki. Auch der Freiburger SP-Nationalrat Jean-François Steiert ist gekommen. Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP) ist entschuldigt. Er hatte sich mündlich angemeldet, habe es aber unterlassen, den Termin in seine Agenda einzutragen.

Nun, die Agenda der damaligen Konferenzteilnehmerstimmte überein: Der Zürcher Sozialist Robert Grimm brachte drei Begründer der russischen Revolution mit Begleitern nach Zimmerwald: Wladimir Ilijtsch Lenin, Leo Trotzki und Grigori Sinojew. Aber die Revolutionäre zerstritten sich später. Die kommunistischen Machthaber schufen ein totalitäres Regime, und in den 90er-Jahren fiel alles in sich zusammen. Wohl deshalb sagt Gemeindepräsident Fritz Brönnimann: «Der Gemeinderat wollte nur einen schlichten Anlass, keine Feier.» Der Organist spielt auf dem Klavier Modest Mussorgskys «Bilder einer Ausstellung». Niemand applaudiert.

Ein historisches Ereignis habe die Besucher nach Zimmerwald geholt, sagt Regierungsrätin Barbara Egger in ihrer Grussbotschaft. Die Tagungsteilnehmer hätten sich damals verstecken müssen, dem deutschen Marxisten Karl Liebknecht war die Einreise in die Schweiz verwehrt gewesen. Man befand sich mitten im ersten Weltkrieg, und der Wunsch nach Frieden stand oben auf der Prioritätenliste. «Vieles hat sich zum Besseren gewendet, und doch bleibt die Forderung nach Frieden immer noch unbestritten», sagt Egger.

Der Gemeindepräsident schenkt der Regierungsrätin das neue Buch «Zimmerwald und Kiental: Weltgeschichte auf dem Dorfe» von Bernhard Degen und Julia Richers. «Es ist im Buchhandel und im Dorfladen von Zimmerwald erhältlich», sagt Brönnimann. Der Organist spielt das Beresinalied.

1915: Weltkrieg. 1965: Kalter Krieg. 2015: Flüchtlingsströme. Gemeindepräsident Fritz Brönnimann fasst in wenigen Sätzen einige Aspekte der Weltgeschichte zusammen und sagt, dass in den Gemeinderatsprotokollen von 1915 die damalige Konferenz mit keinem Wort erwähnt sei. Unterzeichnet hat die Protokolle sein Vater, der damals ebenfalls Gemeindepräsident war. «Heute herrscht Frieden in Europa. Allerdings kommen Flüchtlingsströme zu uns, die nicht auf das Wohlwollen stossen, das die Ungarn-Flüchtlinge 1956 empfangen hat.»

Auch Lenin war 1915 Flüchtling.Er lebte damals für kurze Zeit im Berner Exil, wo er den Sturz des Zarenregimes vorbereitete. Im Gegensatz zu anderen Revolutionären ist Lenin bis heute nicht vergessen. Im Gegenteil. Christina D.*, eine junge rumänische Studentin, ist eigens für den Gedenkanlass nach Zimmerwald gereist. Sie sagt: «Die Konferenz war ein bedeutendes geschichtliches Ereignis und für mich ein Grund, die Schweiz zu besuchen.»

*Namen der Redaktion bekannt

Berner Zeitung

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