Gaskessel: Zahlenchaos schürt Misstrauen

Bern

Gemäss einem internen Papier hat Immobilien Stadt Bern in den letzten 19 Jahren am Gaskessel zwei Millionen Franken verdient. Geld, das in die Sanierung des Jugendzentrums gesteckt werden müsste, finden die Betreiber. Die Zahl stimme nicht, korrigiert sich die Behörde.

Sanierungsbedürftig, aber standhaft: Der Gaskessel auf dem Berner Gaswerkareal.

Sanierungsbedürftig, aber standhaft: Der Gaskessel auf dem Berner Gaswerkareal.

(Bild: Urs Baumann)

Christoph Hämmann

Früher zahlte der Gaskessel seine Miete von jährlich rund 180'000 Franken an die Stadtbauten, nun an Immobilien Stadt Bern (ISB). Als Jugend- und Kulturzentrum ist der «Chessu» kein Renditeobjekt. «Die Mietzinseinnahmen decken etwa knapp die Instandhaltungs- und Instandsetzungsmassnahmen», schreibt ISB auf eine entsprechende Anfrage.

Die Auskunft widerspricht einem Papier, das ebenfalls von ISB stammt. Es zeigt, wie viel Miete die Betreiber des Gaskessels der Stadt bezahlt haben – und wie viel davon die Stadt in den Unterhalt des Jugend- und Kulturzentrums gesteckt hat. Die Differenz zugunsten von ISB beziehungsweise der früheren Stadtbauten: 1,94 Millionen Franken in 19 Jahren, gut 100'000 Franken pro Jahr.

Mit diesen Zahlen konfrontiert, reagiert ISB schneller als üblich. Fernand Raval, der Chef, antwortet telefonisch – und betont ironischerweise gleichzeitig, dass sein Amt Medienanfragen nur schriftlich beantworten dürfe.

1,2 Millionen bleiben unklar

Die Zahlen stimmten nicht, sagt Raval. Um dies belegen zu können, müsse er aber ins Archiv der Stadtbauten steigen. Ein paar Tage später taucht er wieder auf. Zu den «Instandhaltungs- und Instandsetzungsmassnahmen» hinzu kämen «Investitionen», heisst es nun. Dies gilt jedenfalls für die letzten 9 Jahre:

In dieser Zeit stehen laut Raval dem vermeintlichen Ertragsüberschuss von 700'000 Franken Investitionen von einer halben Million gegenüber. Die verbleibenden 200'000 Franken wiederum würden «bei weitem nicht ausreichen», um die baulichen Massnahmen zu bezahlen, die in den nächsten 1 bis 3 Jahren anfallen.

Bleiben gut 1,2 Millionen, die nach dem offenbar unvollständigen ISB-Papier zwischen 1996 und 2005 als Überschuss anfielen. Diese Zahlen kann Raval nicht bereinigen, weil sie «grösstenteils in die Zeit des ehemaligen Hochbauamts» fielen. Als bereits zweite Nachfolgeorganisation des Amts nach den Stadtbauten könne ISB dazu «keine fundierten Aussagen mehr machen», so Raval.

«Nicht vertrauensbildend»

Es bleiben offene Fragen: Wieso spricht ISB zunächst von einem Nullsummenspiel, muss Belege dafür aber erst im Archiv suchen? Und wieso händigte ISB den Gaskessel-Betreibern, als diese sich für die Geldflüsse interessierten, eine unvollständige Tabelle aus?

Für die «Chessu»-Betreiber passt die Geschichte zur Art und Weise, wie bei der Planung auf dem Gaswerkareal ihrer Ansicht nach bisher mit ihnen umgesprungen worden ist (siehe Infobox). «Das ist alles nicht vertrauensbildend», sagt Teamleiter Francisco Droguett. «Uns falsche Zahlen zu liefern, war unsorgfältig. Offenbar muss die Presse nachfragen, damit man sich mehr Mühe gibt.»

Ihnen sei bis heute nicht mitgeteilt worden, dass die von ISB gelieferte Tabelle unvollständig ist. Zu diesem Verhalten passe auch, dass die private Arealentwicklerin Losinger Marazzi durch ISB über die Grössenordnung der anstehenden Sanierungskosten informiert worden sei – noch vor dem Gemeinderat oder dem Gaskessel.

Für Droguett erscheint vor dem Hintergrund dieser Geschichte die jüngste Aussage von Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) zum Gaskessel in neuem Licht. Wenn die Sanierungskosten für den «Chessu» einmal bekannt seien, sagte Tschäppät Ende August in dieser Zeitung, «nimmt es mich dann wunder, ob der Souverän in dieses Gebäude an diesem Ort so viel Geld stecken will».

Nun gut, entgegnet Droguett: «Zwar weiss niemand genau, wie viel, doch offenbar ist ja bereits eine schöne Summe für den ‹Chessu› im Trockenen.»

Berner Zeitung

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