Für jeden Job das richtige Tenü

In diesen Tagen packen viele Lehrlinge ihre Ausbildung an. Ob Gärtner oder Maurer, alle brauchen spezielle Kleider. Profitieren können Geschäfte wie Urech in Lyss.

Geschäfts­führerin Susanne Baumann zeigt Arbeitshosen.

Geschäfts­führerin Susanne Baumann zeigt Arbeitshosen.

(Bild: Raphael Moser)

Simone Lippuner

Angefangen hat alles mit Mäuse- und Rattengift. Vor über 60 Jahren ging Paul Urech von Hof zu Hof und verkaufte den von Mäusen geplagten Bauern solche Mittel. Bei diesen Besuchen wurde dem Geschäftsmann je länger, desto mehr bewusst: Die Bauern brauchen nicht nur etwas gegen die Schädlinge. Es fehlt ihnen auch an passender Kleidung.

An Stiefeln für die Stallarbeit beispielsweise. Oder an Blusen fürs Melken, mit kurzen Ärmeln und Falten im Rückenbereich für mehr Bewegungsfreiheit. Das war der Beginn von Urechs Fachhandel für Arbeitsbekleidung. Zuerst nur via Versand, dann folgte das Geschäft in Lyss. Sein bester Kunde: der Bauer.

Landwirtschaft

Mäusegift und Melkblusen gibt es noch heute im Sortiment des Geschäftes an der Hauptstrasse. Auch macht der landwirtschaft­liche Bereich nach wie vor den grössten Anteil in Urechs Angebot aus. Ansonsten ist in den letzten 60 Jahren viel Bewegung in das Business mit Berufskleidung gekommen. Mehr Berufe, Farben, Formen, neue Materialien, Arbeitskleider auch für Frauen und sogar für Kinder.

Und jetzt, im Sommer, ist die Zeit der Lehrlinge da: Mit ihren Eltern kaufen sie die erste Ausrüstung ein. «Der Sommer ist für uns eine sehr wichtige Zeit», sagt Geschäftsführerin Susanne Baumann.

Coolness

Angehende Gärtner, Förster, Schreiner, Bauarbeiter, Maurer, Metallbauer, die noch mit keinem Fuss im Berufsleben stehen, decken sich mit robusten Kleidern und Schuhen ein. «Die Lehrlinge wissen ja meist noch gar nicht, was sie benötigen», sagt Susanne Baumann.

«Die Hose ist unser wichtigstes, meistverkauftes Stück»Susanne Baumann

Die Annahme, diese Kleider seien ja «nur für die Arbeit», sei ein grosser Irrtum. «Wir arbeiten im Normalfall mehr, als wir Freizeit haben, zudem müssen die Kleider äusserst robust und langlebig sein», sagt Baumann. Im Schnitt würden pro Jahr zwei bis drei Paar Hosen und zwei Paar Schuhe gebraucht. Nässe. Kälte. Hitze. Abrieb. Dreck. Gegen all das soll das Tenü schützen. Und trotzdem cool sein.

«Das ist heute kein Widerspruch mehr», sagt Baumann. Sie beobachte immer häufiger, dass junge Menschen in der Berufsausbildung sich mit ihrem Job identifizieren wollten, die Arbeitskleider somit auch gerne trügen. «Berufskleider sind im Laufe der Zeit sportlicher und modischer geworden.»

Sonderwünsche

Dass ein Fachgeschäft wie Urech im Dschungel von Onlineanbietern und anderen Konkurrenten – wie beispielsweise der Landi – überleben kann, mag auf den ersten Blick überraschen. Doch bei genauem Hinsehen ist der Grund klar: Das Sortiment ist viel breiter. Und die Kunden werden hier persönlich betreut, ihre Sonderwünsche werden berücksichtigt. Baumann: «Wir passen Form und Grösse an, bringen Sticke­reien wie Namen oder Firmen­logos an oder nähen zusätzliche Taschen ein.»

Urech floriert: Heute beschäftigt das Unternehmen 16 Angestellte, 2011 wurde das Geschäft an der Hauptstrasse auf 160 Quadratmeter Verkaufsfläche ausgebaut. Der Laden in Lyss steuert einen wichtigen Umsatzanteil bei. Die Einnahmen werden aber hauptsächlich via Onlineshop und Versandhandel generiert. Der oft als antiquiert eingestufte analoge Bestellschein ist noch heute beliebt: «Gut ein Drittel unserer Kundschaft kauft mittels Bestellschein auf dem Postweg ein», so die Geschäftsführerin. Der hundert Seiten umfassende Katalog erscheint viermal pro Jahr, und das seit 40 Jahren.

Naturmenschen

Nach wie vor machen Landwirte die Hälfte von Urechs Stammkundschaft aus. In den letzten Jahren sind aber viele neue Zielgruppen hinzugekommen – die Bewegung geht auch vom Beruf zum Hobby: Hündeler, Freizeitgärtner, Jäger, Fischer, Naturmenschen.

Was diese unabhängig von allen sonst benötigten Requisiten alle brauchen: eine gute Arbeitshose. «Die Hose ist unser wichtigstes, meistverkauftes Stück», betont Susanne Baumann. Und zieht ein beinahe schon historisches Modell aus dem Regal: Die Sappeur-Überhose, erstmals produziert vor über 40 Jahren, sei noch heute ein sehr wichtiger ­Artikel.

Ebenso spartenunabhängig sind die Körperpflegeprodukte, die ihren Ursprung wie das ­Mäusegift in der Landwirtschaft haben: Glycerinseifen, Schafmilchcreme und Kartoffelbalsam stehen nebeneinander im Regal. Denn nach getaner Arbeit will man nicht nur zufrieden, sondern auch sauber in den Feierabend starten.

Berner Zeitung

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